Einwegmantel und Maske: Beim Friseur gelten neue Regeln. 

© Kurier/Jeff Mangione

Reportage
05/02/2020

Figaros Hochzeit: So lief der erste Tag in den Salons ab

Die 9.000 heimischen Friseure haben wieder aufgesperrt. Das nutzte auch Finanzminister Gernot Blümel aus.

von Stefanie Rachbauer

Die wichtigste Person im Salon von Kirsten Kunze ist am Samstag keine Friseurin. Sondern eine junge Frau, die erst Friseurin wird. Shefe ist Lehrling und absolviert ihren ersten Arbeitstag. Einen ziemlich außergewöhnlichen ersten Arbeitstag.

Ihr Kollege Christoph an der Theke hinter ihr trägt ein transparentes Schild vor dem Gesicht. Und zusätzlich eine Maske. Er drückt aus mehreren Tuben hellgräuliche Farbwürste in eine Plastikschüssel. „Unser Keimphobiker“, nennt ihn Chefin Kirsten Kunze liebevoll.

Damit sich Menschen wie Christoph keine Sorgen machen müssen, gibt es Shefe: Sobald die Stylisten in dem Salon in der Wiener Innenstadt ihre Arbeit getan haben, wäscht die junge Frau die Kämme und Bürsten aus und reinigt die Scheren.

Eine Tätigkeit, die klassischerweise Lehrlingen zukommt. In einer Zeit, in der Hygiene im kollektive Bewusstsein so präsent ist wie schon lange nicht mehr, ist sie aber wichtiger denn je. „Leicht überfordernd ist das schon“, sagt Shefe.

Nach 47 Tagen behördlicher Schließung sind die 9.000 österreichischen Friseursalons zurück : Am 2. Mai haben sie unter strengen Sicherheitsauflagen geöffnet. Manche sperrten voreilig am 1. Mai auf – und bekamen gleich Besuch von der Polizei.

Das zeigt: Sowohl die Inhaber als auch die Kunden haben das Datum herbeigesehnt: Bis auf wenige Ausnahmen sind die Termine auf Wochen vergeben.

Sophie Brenner hatte Glück. Während der 1. Bezirk noch schläft, sitzt sie bereits mit Alufolie in den Haaren in einem bequemen Sessel im Salon Kunze. Auf dem Spiegeltisch vor ihr liegen Perlenohrringe. Mit den Fingern hält sie sich eine Maske auf Mund und Nase.

1. Akt: die Beichte

„Da sind sie schon sehr buschig“, sagt Brenner und deutet auf ihren Hinterkopf. Üblicherweise geht sie alle drei Wochen zum Friseur. „Bei mir war die Verzweiflung zwischendurch schon groß.“

Wie groß, erkennt Friseurin Ingrid sofort. „Da vorne haben sie geschnitten, oder?“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Die Kundin schaut ertappt zu Boden: „Ja, das stimmt.“

Mehr Erfolg hatte sie mit dem Selberfärben. Sie ließ sich dazu von ihrem Salon ein personalisiertes Paket nach Hause liefern: mit ihrer im Salon gespeicherten Farbmischung, Schutzmantel und detaillierter Anleitung. „Das hat super funktioniert.“

Auf das Angebot hat sie Stylistin Ingrid aufmerksam gemacht: Alle Friseure des Salons riefen während der Sperre ihre Stammkunden an, um ihnen durch die Krise zu helfen. Mit aufheiternden Worten. Und mit Haarfarbe.

2. Akt: der Schnitt

„Langsam kommt wieder alles in Ordnung“, sagt Brenner, als Ingrid die Schere ansetzt. Selbst wenn der Salon mehr nach Ausnahmezustand als nach Regel aussieht: Nur vier der sechs Sessel in dem engen Geschäftslokal sind besetzt.

Der Grund: Nicht nur die Kunden, sondern auch die Stylisten müssen jeweils zueinander einen Meter Abstand halten. Nur kurzzeitig dürfen die Friseure die Distanz unterschreiten.

Bekannt wurde diese Regel allerdings erst in letzter Minute, konkret in der Nacht auf Freitag. Sie ist vor allem für kleine Salons, die die Tische nicht so leicht verschieben können, eine Herausforderung - der KURIER berichtete.

„Wir können ein Drittel weniger Termine vergeben“, sagt Inhaberin Kirsten Kunze. Von drei Waschplätzen können nur zwei genutzt werden. Sie sind zu eng nebeneinander montiert. „Am Montag bekommen wir Plexiglaswände.“

Alles in allem wirkt der Salon etwas zweckmäßiger als sonst: Das üppige Kuchen- und Obstbuffet, für das der Salon bekannt ist, fehlt.

Kaffee und andere Getränke dürfen nicht ausgeschenkt werden. Statt Zeitungen gibt es Tablets, die regelmäßig desinfiziert werden. Damit die Regale leichter abgewischt werden können, ist die Dekoration etwas reduzierter.

„Als Dienstleister sticht einem da schon das Herz“, sagt Kunze.

Gleich geblieben sind die Ansprüche: „Links sind sie noch etwas länger als rechts“, sagt Brenner. Die Friseurin bessert artig nach.

Einen Sessel weiter wird einem Herren gerade der Nacken ausrasiert. Auf dem Boden unter ihm liegen büschelweise Haare. Zum Friseur zu gehen, sei für ihn eigentlich mehr Pflicht als Genuss, erzählt er. Dieses Mal habe er aber so etwas wie Vorfreude verspürt.

3. Akt: die Vorsorge

Sophie Brenner bekommt mit Rundbürste und Föhn bereits die Frisur drapiert. „Ihre Haare sind aber auch schon ganz schön lang“, sagt jetzt die Kundin zur Stylistin.

Damit zumindest ihr Schnitt nicht so bald aus der Fasson gerät, hat die Stammkundin vorgesorgt. 27. Mai, 12 Uhr – so steht es auf einem Papierkärtchen, das neben den Perlenohrringen liegt. Der nächste Termin ist reserviert.

Bis dahin könnte sich die Buchungslage entspannen: Aktuell sind noch alle zehn Mitarbeiter in Kurzarbeit, bald will Kunze sie zurückholen. Ihre Ersparnisse hat die Unternehmerin in der Krise aufgebraucht. Ihre letzte Reserve ist ein bereits genehmigter Kredit für Betriebsmittel, auf den sie bisher aber nicht zurückgreifen musste.

So manche Kundin will helfen, dass das so bliebt: „Ich habe beschlossen, mir jetzt einmal pro Woche hier die Haare waschen zu lassen – als Unterstützung“, erzählt eine Dame mit langen blonden Haaren.

Die Corona-Krise Pandemie bringt sogar alt eingesessene Friseure in Bedrängnis. Etwa den Salon Ossig am Stephansplatz, der in den 50er Jahren gegründet wurde und heute in 3. Generation geführt wird.

Noch sei unklar, ob man die Geschäftseinbußen überlebe, sagt Junior-Chef Bernhard Plasil-Ossig. Die Friseurinnung schätzt den Ausfall während der Sperre für die gesamte Branche auf insgesamt 120 Millionen Euro.

Und das, obwohl der Salon mit seinem großzügigen, auf zwei Etagen verteilten Geschäftslokal klar im Vorteil ist: Nur einer von 22 Plätzen musste gesperrt werden. Der Salon bietet nämlich so viel Platz, dass die Spiegeltische kurzerhand auseinander gerückt werden konnten.

Aber: Vor dieser „Mobilmachung“ mussten die Tische erst umgebaut werden. Mit den Ausgaben für Desinfektionsmittel, Masken, Schutzschilder und einem extra angeschafften Dampfreiniger habe es eine fünfstellige Summe gekostet, den Salon Corona-fit zu machen.

Im Salon von Kirsten Kunze schaut unterdessen Sophie Brenner prüfend in den Spiegel: „Das haben Sie gut gemacht“, sagt sie. Bevor sie bezahlt, nimmt sie ihren blitzblauen Mantel vom Garderobenhaken. Hineinhelfen dürfen ihr die Mitarbeiter nicht – aus Sicherheitsgründen.

Dann ist wieder Lehrling Shefe an der Reihe. Sie schnappt sich die Kämme und die Schere. Am Nachmittag wird ihr erster Arbeitstag noch um eine Besonderheit reicher. Auch Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) lässt sich im Salon von Kirsten Kunze seine Coronafrisur entfernen.

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