Eine Wasch- und Trockenanlage um 1910. Damals gab es mehr Abstand - allerdings aus Gründen der Privatsphäre

© Repro/Ferdinand Müller: Der moderne Friseur, Nordhausen 1926

Stadtgeschichte
05/01/2020

Hygiene als Geschäftsmodell: Friseure in Angst vor den "Bacillen"

Nicht zum ersten Mal wirbeln Erreger eine Branche durcheinander. 1900 war es die Furcht vor Mikroben.

von Katharina Zach

„Hygienisch, antiseptisch“ – mit Schlagwörtern wie diesen, die in Goldlettern über dem Salon prangten, warb Eduard Hlawáček in der Wiener Khunngasse um Kunden. Er selbst trug gerne einen weißen Kittel. Nein, Herr Hlawáček war kein Arzt. Er war Friseur.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert grassierte unter der Bevölkerung die Bakterien-Angst. Kurz zuvor war die neue Wissenschaft der Bakteriologie entstanden. Erstmals erfuhren die Menschen, dass mikroskopisch kleine – also quasi unsichtbare – Erreger Krankheiten auslösen können. Bisher unvorstellbar.

Wenn also am morgigen Samstag die Friseure ihre Pforten öffnen, ist es nicht zum ersten Mal so weit, dass sich der Berufsstand mit neuen Anforderungen an die Hygiene befassen muss.

„Es war das erste Mal in der Geschichte, dass sich Körperpflegeberufe mit dem Thema beschäftigen musten“, sagt Susanne Breuss, Historikerin und Kuratorin im Wien Museum. Sie hat sich bereits für die Ausstellung „Mit Haut und Haar“ im Jahr 2018 mit der Entwicklung der Körperpflege beschäftigt.

Kopfwaschen beim Frisör

Ab den 1880er-Jahren gewann auch im Alltag die Hygiene an Bedeutung – und damit auch das häufigere Haare waschen. Friseure begannen, Haarwäsche in ihren Salons anzubieten, denn das Reinigen zu Hause – vor allem langer Frauenhaare – ohne fließendes Wasser war eine mühselige Angelegenheit.

Also reagierten auch die Friseure in Sachen Hygiene. „Indem sie etwa die Arbeitsinstrumente desinfiziert haben“, sagt Breuss. Oder zumindest zwischen zwei Kunden abgewischt haben.

Zwar gab es damals noch keine gesetzlichen Hygienevorschriften, doch es setzte sich das Bewusstsein durch, dass mit Hautschuppen auf Kämmen, Scheren und anderen Utensilien Krankheitserreger von einem Kunden auf den anderen übertragen werden konnten. Und wer wollte das schon riskieren.

Schon 1900 gab es für die Salons daher eine Liste mit Hygieneregeln. Für die Angestellten – des damals übrigens noch männlich dominierten Berufs – setzten sich zum Schutz Arbeitskittel durch. Und auch Frisiermäntel wurden plötzlich gereinigt, wodurch eine neue Branche für den Friseurbedarf entstand.

Medizinische Ratgeber rieten den Kunden sogar, ihre eigenen Instrumente mitzubringen. Die Bürsten, Kämme und Rasiermesser wurden dann in eigenen Schubladen für die Kunden im Salon aufbewahrt. Noch heute zeugt ein solcher Schrank im Wien Museum von prominenten Kunden wie Fürst Starhemberg. Denn: „Solche Geräte waren ziemlich teuer, das haben sich nur Wohlhabende leisten können“, wie Breuss erklärt.

Mit dem Hinweis auf Hygiene ließ sich jedenfalls Geschäft machen. Die Konkurrenz war immerhin groß. Kurz nach 1900 gab es laut Recherchen des Sozialhistorikers Andreas Weigl rund 1.940 Friseursalons in Wien – bei bald zwei Millionen Einwohnern (mehr als heute). Doch oft war es auch reines Marketing. Viele Menschen konnten sich unter antiseptisch schließlich wenig vorstellen. Auch die korrekte Sterilisation der Geräte war nicht immer möglich.

Kritik der Interessensvertretung

Der Hygiene-Hype sorgte aber auch für kritische Stimmen. Die Interessensvertretungen der Friseure beklagte etwa, dass die Berichte zu dem Thema die Menschen „zu der irrthümlichen Ansicht verleitet haben, dass es in unseren Geschäften von Bacillen und Mikroben, und wie sie alle heißen, die unsichtbaren Feinde der menschlichen Gesundheit, nur so wimmelt“.

Die Leute würden glauben, dass sie „beutegierig, in allen Ecken und Winkeln lauern, um sich, sobald sich ein Gast niedergesetzt hat, auf ihn loszustürzen, um ihn, wenn schon nicht ganz, so doch wenigstens seine Haare zu verspeisen“.

Tatsächlich sorgte das neue Verständnis für Hygiene im Alltag aber dafür, dass viele Krankheiten zurückgedrängt wurden, wie Breuss erklärt. Zur heutigen Situation sieht sie Parallelen: „Auch jetzt müssen Berufsgruppen auf medizinische Herausforderungen reagieren“. Natürlich handelt es sich nun um ein Virus. Und während man damals nur mit Desinfektion viel bewirken konnte, komme man heute um Abstand zwischen den Menschen nicht herum, meint sie. Ein Schild allein wird also nicht reichen.

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