© Friedrich Strauß (gest. vor 1950)

Chronik Wien
04/05/2020

Als Venedig noch in Wien lag: Die Lagunenstadt mitten im Prater

Im 19. Jahrhundert eröffnete bei der Kaiserwiese einer der ersten Themenparks der Welt. Doch der Park hielt nicht lang.

von Katharina Zach

Es muss ein Spektakel gewesen sein für die Wiener.

Echte Gondoliere aus Venedig, die sie auf Booten durch einen Nachbau der Lagunenstadt fuhren; Restaurants, die italienische Spezialitäten anboten und Geschäfte in denen man geblasenes Glas erwerben konnte. Und das alles gleich gegenüber vom Praterstern.

Am 18. Mai 1895 eröffnete auf dem Gelände der Kaiserwiese im Wiener Prater einer der ersten Themenparks der Welt. „Venedig in Wien“, errichtet vom Unternehmer Gabor Steiner gemeinsam mit dem Architekten Oskar Marmorek, lockte schon bald die Massen an. Medien berichteten von bis zu zwei Millionen Besuchern im ersten Jahr.

Vom Theater in den Prater

"Steiner war sehr progressiv, er war ein Theatermann“, erklärt Gertraud Rothlauf vom Bezirksmuseum Leopoldstadt. Tatsächlich war er der Sohn von „Theater an der Wien“-Chef Maximilian Steiner.

Steiner hat gesehen, dass es zusätzliches Unterhaltungsangebot geben kann. Zu einer Zeit als die Theater in den Sommermonaten geschlossen waren“, sagt auch der Musikwissenschaftler Norbert Rubey, der  1996 das Buch „Venedig in Wien. Theater- und Vergnügungsstadt der Jahrhundertwende“ verfasst hat.

Die Idee holte sich der innovative Unternehmer Steiner von ähnlichen Anlagen in London, Paris und Berlin. Die Freude an der Technik und die neue Lust am Reisen ließen bei zahlreichen (Welt)Ausstellungen ähnliche Nachbauten entstehen. Und diese wiederum wurden zu massenkulturellen Veranstaltungen. Ein Jahr zuvor hatte es eine solche Attraktion in Berlin gegeben, mit Gondelfahrten auf der Spree.

Künstliche Palazzi und Gondolieri aus Venedig

Doch was da in Wien errichtet wurde, suchte aus damaliger Sicht seinesgleichen. Auf 50.000 Quadratmetern ließen Steiner und Marmorek historische Palazzi nachbauen und um verschiedene Plätze gruppieren. Eine Illusionsmalerei zeigte den Markusplatz.

Ein künstlicher Wasserlauf wurde angelegt, wie in Venedig war dieser an manchen Stellen direkt von Häusern begrenzt.

Der etwa ein Kilometer lange Kanal wies eine Mindestbreite von fünf Metern auf. Ein schwaches Gefälle ließ den Effekt des Fließwassers entstehen. Zudem gab es Lokale und Geschäfte, Theater und sogar ein Telegrafenamt in der Lagunenstadt. 20 Gondolieri waren in dem Park beschäftigt.

In der „Österreichischen Illustrierten Zeitung“ überschlug man sich nach der Eröffnung im Juni 1895 vor Lob. Venedig in Wien, hieß es da, sei keine „Kulissenschieberei mehr, nichts auf Täuschung Berechnetes – es ist der vollendete veritable Städtebau“.

Steiner hat das innerhalb eines halben bis dreiviertel Jahres aus dem Boden gestampft“, erzählt Rubey. Jedes Jahr kamen weitere Attraktionen dazu, etwa die erste Hochschaubahn Wiens. 1897 wurde das Wiener Riesenrad aufgestellt, 1899 eine 70 Meter lange Wasserrutschbahn gebaut. Es gab Uraufführungen von Operetten, zudem traten Komponisten auf.

Mit den Reisen kam das Fernweh

Dass die Begeisterung so groß war, lag wohl auch am Zeitgeist. „Da gab es etwa die Faszination Technik. Dass man in der Lage war, so etwas zu bauen. Man brachte Venedig direkt nach Wien“, erklärt Historiker Werner Schwarz vom Wien Museum.

Doch warum ausgerechnet Venedig? Die Stadt sei zu dieser Zeit ein Liebkind der Bohème gewesen, eine Verbindung gab es auch über die Operette. Zudem sei das Reisen immer mehr (wohlhabenden) Menschen möglich geworden, der Tourismus begann.

Venedig war also ein Sehnsuchtsort. Für viele zwar nicht erreichbar, „aber es gab ein Versprechen: Wir können zwar nicht reisen, aber jetzt gehen wir nach Venedig“, erzählt Schwarz. Und den Besuch konnten sich dank Entwicklung einer neuen Mittelschicht auch mehr Menschen leisten.

Venedig wurde international

1901 war der Hype um Venedig vorbei. Die Bauten wurden abgetragen, die Kanäle trockengelegt. Errichtet wurde stattdessen die „Internationale Stadt“. Besucher konnten durch japanische, ägyptische oder spanische Straßen spazieren. 1902 wurde die „Blumenstadt“ errichtet, im Jahr darauf die „Elektrische Stadt“. Die hielt sich ein paar Jahre und begeisterte die Wiener mit mehreren tausend Glühbirnen.

Die Bezeichnung „Venedig in Wien“ für die Attraktionen hielt sich dennoch. 1914 wurde das Areal zur „Kongressstadt“, nach dem Ersten Weltkrieg wurde vergeblich versucht, das Vergnügen auf der Kaiserwiese wiederzubeleben. 

Heute ist der Themenpark nahezu vergessen. Nur das Spektakel, das ist im Prater geblieben.

 

 

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