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freizeit Mode & Beauty
05/02/2020

Endlich wieder zum Friseur: Warum wir ihm viel Intimes anvertrauen

Kaum eine Wiedereröffnung wurde so herbeigesehnt wie jene der Coiffeure. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Krise.

von Maria Zelenko

Für den Struwwelpeter bekanntermaßen das reinste Horror-Szenario, war der Friseurbesuch in den vergangenen Wochen einer der sehnlichsten Wünsche der Österreicher. Ab heute, Samstag, erfüllt sich dieser mit den landesweiten Wiedereröffnungen der Salons.

Dass sie und ihre Kollegen schmerzlich vermisst wurden, bekam Katharina Strassl täglich zu spüren. Zahlreiche Fotos von missglückten Eigenregie-Haarschnitten gingen auf dem Handy der Friseurin ein – dazu Hilferufe, wie kleine (und so manches grobe) Problemchen am Kopf zu Hause in den Griff zu kriegen seien. Wer dachte, dass die kollektive Freude an der Wiedereröffnung der Baumärkte vor zwei Wochen kaum zu toppen sei, wird beim Versuch, sich jetzt noch für die kommenden Tage einen Friseurtermin auszumachen, eines Besseren belehrt. „Sämtliche Slots bis Ende Juni waren innerhalb weniger Tage vergeben“, verrät Strassl.

Fast schon Therapeut

Auch wenn sich die meisten Kunden dessen nicht bewusst sind: Nur um die Optik ging es bei der Lust am Friseurbesuch nie.

In seinem Buch „Salon Psychology“ stellte Lew Losoncy, Psychologe und Mitbegründer der Haarpflegemarke Matrix, die These auf, dass ein Großteil der Menschen entscheidende Lebensfragen erst mit dem Haarstylisten des Vertrauens bespricht. Und laut einer Befragung unter US-Friseuren, die im Journal of Applied Gerontology erschien, sehen Über-60-Jährige ihren Coiffeur sogar als nahestehenden Menschen.

Beobachtungen, die auch Strassl macht: „Ich mache diesen Job jetzt seit 35 Jahren und begleite viele Menschen seit sehr langer Zeit. Da kommen viele Themen zur Sprache, während jemand bei mir im Stuhl sitzt.“

Doch warum ausgerechnet bei jemandem, den man zwar regelmäßig sieht, aber nicht wirklich gut kennt? „Der Friseursalon ist ein vom Alltag losgelöster Bereich“, weiß der Profi. „Wir gehören weder zur Familie oder zum Freundeskreis, noch sind wir Teil des beruflichen Umfelds. Nirgendwo involviert zu sein, bedeutet, dass sie uns alles erzählen können. Was im Salon gesagt wird, bleibt schließlich auch dort.“ Ein weiterer Faktor für die Gesprächigkeit: „Viele empfinden es als Luxus, sich ein oder zwei Stunden nur um sich selbst kümmern zu können. Da sprudeln die Emotionen schneller als bei einem Gespräch zwischen Tür und Angel“, weiß Strassl.

Wie schnell sie vom reinen Dienstleister auch zum Seelentröster wird, das hänge jedoch stark von den Geschlechtern ab. „Männer sind deutlich reservierter. Sie verraten erst mehr über ihre Probleme, wenn sie dich besser kennen.“ Das Ergebnis am Kopf muss nach einem guten Gespräch freilich auch stimmen.

Selbstdarstellung

Ihren hohen Stellenwert in der Gesellschaft genießen Haare bereits seit Jahrtausenden. „Schon im Altertum waren Haare als Mittel zur Selbstdarstellung äußerst wichtig“, weiß Christopher Schlembach, Soziologe an der Uni Wien. Auch wenn die Looks im Laufe der Zeit immer variantenreicher wurden: Wie das Haar gefärbt und geschnitten wird, sei auch heute ein wichtiges Symbol für Zugehörigkeit.

Aufgrund der Coronakrise erfülle die Berufsgruppe der Coiffeure derzeit eine noch wichtigere Rolle als sonst. „Jeder von uns wurde in den vergangenen Wochen vom Individuum zum potenziellen Virenträger“, erklärt Schlembach. „Der Friseurbesuch ist eine wichtige Gelegenheit, um seine Identität wieder zurückzubekommen.“ Die Interaktion zwischen Stylist und Kunde sei für Letzteren Teil eines nicht zu unterschätzenden Transformationsvorgangs auf dem Weg zurück in die Gesellschaft.

Dass es bei diesem Beruf bei Weitem nicht nur um das Gespür für Schnitte und Haarfarben geht, wird bei Katharina Strassl bereits Lehrlingen vermittelt. „Jeder Friseur hat zwei Ohren und einen Mund. Und ich sage immer, dass wir alle doppelt so gut zuhören wie reden sollten“, sagt die Wienerin. „Jene, die glauben, sie müssen nur Haare schneiden können, werden nie sehr treue Kunden haben. Man muss sich auf die Menschen einlassen können.“

An einen besonders emotionalen Moment denkt die Salon-Besitzerin heute noch gerne zurück: „Ich habe bei einer Kundin an der Haarstruktur erkannt, dass sie schwanger ist. Zuerst hat sie meine Frage verneint, zwei Wochen später kam dann der Anruf mit den tollen Neuigkeiten.“ Das mache ihren Beruf auch aus, sagt Katharina Strassl. „Wir sind ganz nah an der Seele dran.“