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Chronik Wien
04/15/2020

Auf Distanz mit den Begegnungszonen

So richtig angenommen werden die 14 temporären Begegnungszonen in Wien (noch) nicht. Die Vizebürgermeisterin plant dennoch eine Ausweitung.

von Julia Schrenk, Josef Gebhard

Rechte Bahngasse: niemand. Graf-Starhemberg-Gasse: niemand. Große Neugasse: niemand. Kettenbrückengasse: niemand. Nur auf der Waltergasse sind Mittwochvormittag während des KURIER-Lokalaugenscheins im 4. Bezirk zwei Personen auf der Fahrbahn gegangen.

Und auch das nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern aus praktischen Gründen – mit Rollkoffern ist es auf der Straße halt einfacher.

Seit Dienstag gibt es in Wien zehn weitere temporäre Begegnungszonen (siehe Faktenleiste). Die ersten vier eröffnete Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) bereits am Freitag der Vorwoche. Gemeinsam mit 20 Fußgängerstraßen sollen die Begegnungszonen während der Coronakrise den Wienerinnen und Wienern Platz zum Spazierengehen bieten.

Zur Erinnerung: In Begegnungszonen dürfen Autofahrer und Radfahrer mit maximal 20 km/h unterwegs sein und Fußgänger auf der Fahrbahn gehen. Auf Fußgängerstraßen herrscht (teilweise) ein Fahrverbot.

Dass sich Hebein just öffentlichkeitswirksam für das Öffnen (aus Sicht der Fußgänger) oder Sperren (aus Sicht der Autofahrer) von Straßen einsetzte, während der Bürgermeister mit dem Bund wegen der Öffnung der Bundesgärten im Clinch lag, sorgte für gröbere Unstimmigkeiten in der rot-grünen Stadtregierung. Hebein setzte sich durch, seitdem gibt es in Wien nun 14 temporäre Begegnungszonen.

Kritik daran gibt es nach wie vor, der KURIER hat die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Warum wurde manch enge Straße ausgewählt, andere aber nicht?

Die Rechte Bahngasse in Wien-Landstraße ist eine, die Salesianergasse gleich dahinter nicht – obwohl die Gehsteige dort sogar noch enger sind. „Begegnungszonen sind ein erster guter Schritt, aber die Auswahl verstehen wir nicht ganz“, sagt ein Paar auf der Rechten Bahngasse.

Die vermeintlich willkürliche Vorgehensweise bei der Auswahl sorgte zuletzt für Diskussionen – bei der Bevölkerung und in der Bezirkspolitik. „Entscheidend für uns ist, dass bestimmte Kriterien erfüllt werden“, sagt Hebein. Etwa fehlender Grünraum in der Umgebung. Außerdem erfolge die Umwandlung stets in Absprache mit dem Bezirk.

In Hietzing etwa sieht man das anders. Warum ausgerechnet die Weidlich- und die Woinovichgasse in Fußgängerstraßen umgewandelt wurden, ist Bezirksvorsteherin Silke Kobald (ÖVP) ein Rätsel. Beide sind in direkter Nähe von Grünflächen.

Wollen die Grünen mit diesen Zonen über die Hintertür Fakten schaffen?

Grundsätzlich sind sowohl die temporären Begegnungszonen als auch die Fußgängerstraßen zeitlich befristet. Allerdings können die befristeten Maßnahmen durchaus als Testballons für dauerhafte Projekte gewertet werden.

Zuletzt hat der ÖAMTC-Chefjurist Martin Hoffer im KURIER gefordert, dass alle temporären Maßnahmen auch wieder aufgehoben werden müssen.

Vizebürgermeisterin Hebein sagt dazu: „Ich will nicht ausschließen, dass aus manchen temporären Begegnungszonen fixe werden.“ Umgekehrt sollen solche, die nicht funktionieren, wieder aufgelassen werden.

Wie steht die SPÖ zu den Maßnahmen?

Bürgermeister Ludwig wurde zuletzt nicht müde zu betonen, keinen grundsätzlichen Einwand gegen die Begegnungszonen zu haben – es seien zunächst aber Details unklar gewesen.

Andere Rote sind weniger gelassen: „Für mich geht es voll am Thema vorbei. Viele WienerInnen haben ihren Job verloren, haben ganz andere Sorgen“, schrieb etwa SPÖ-Gemeinderat Marcus Schober auf Facebook. Daneben gibt es aber etliche SPÖ-Funktionäre, die die Umgestaltung begrüßen, zum Beispiel Ottakrings Bezirksvorsteher Franz Prokop.

Und wie kommen die Straßen bei den Wienerinnen und Wienern an?

Beim Lokalaugenschein am Mittwoch: eher gemischt. Zwar können einige der Idee etwas abgewinnen, allerdings mangle es an der Umsetzung. Weil die Zonen keine dauerhaften Projekte sind, gibt es keine baulichen Änderungen.

Gehsteig und Fahrbahn sind nach wie vor auf unterschiedlichen Niveaus. Das ist erwiesenermaßen eine psychologische Barriere und hindert viele am Spazieren auf der Fahrbahn.

Dazu kommt, dass die Autos oft (zu) schnell fahren und auf den Gehsteigen meist ausreichend Platz ist. Hebein stört die geringe Nutzung nicht: „Die temporären Begegnungszonen sollen keine Attraktion sein, sondern lediglich eine Möglichkeit bieten, einmal kurz hinauszugehen.“

Ihrem Eindruck nach werde die Zone in der Florianigasse im 8. und in der Hasnerstraße im 16. Bezirk sehr gut angenommen, „die anderen müssen von den Anrainern noch entdeckt werden.“ Die vorerst geringe Nutzung könne aber auch mit den zuletzt kühlen Temperaturen zusammenhängen.

Kommen noch weitere Straßen dazu?

Ja, das hat Hebein am Mittwoch verraten. Der 9., 15. und 17. Bezirk wollen temporäre Begegnungszonen haben, weitere könnten noch folgen. Hebein will alle Bezirke kontaktieren und zusätzliche Vorschläge sammeln.