© Ichner Bernhard

Chronik Wien
04/10/2020

Lokalaugenschein: Wenig Begegnung in Wiener Begegnungszonen

Am Freitag wurden die ersten Wiener Straßen umgerüstet. Das hat nicht jeder bemerkt. Der ÖAMTC ortet Tücken.

von Bernhard Ichner, Julia Schrenk

Kein einziger der wenigen Fußgänger benützt die Fahrbahn. Dafür scheinen die ebenfalls spärlichen Autofahrer noch nichts von der 20-km/h-Beschränkung gehört zu haben.

Dass die Florianigasse in der Josefstadt seit gestern, Freitag, eine temporäre Begegnungszone ist, hat sich Freitagnachmittag noch nicht wirklich herumgesprochen.

Gemeinsam mit der Rechten Bahngasse im 3., der Hasnerstraße im 16. und der Schopenhauerstraße im 18. Bezirk gehört die Florianigasse zu den ersten Begegnungszonen, die die rot-grüne Stadtregierung im Zuge der Corona-Krise vorübergehend geschaffen hat.

Unstimmigkeiten

Die Idee dazu hatte die grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein, die damit im dicht verbauten Stadtgebiet Platz zum Spazieren schaffen wollte. Mit ihrem Vorpreschen sorgte sie bei Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) für Unstimmigkeiten. Der wollte bekanntlich lieber die Bundesgärten früher geöffnet wissen, als Fahrbahnen für Fußgänger freizugeben.

Am Donnerstag allerdings verkündete Hebein – bei einem gemeinsamen Auftritt mit Bürgermeister und Wirtschaftsstadtrat – dass insgesamt 36 Straßen und Gassen in Wien zu temporären Begegnungszonen (bis Mai) und Fußgängerstraßen (bis Ende des Jahres) werden.

Zur Erinnerung: Fußgängerstraßen sind Straßen, in denen Autos verboten sind und Fußgänger die Fahrbahn betreten dürfen. In Hietzing, wo Weidlichgasse und Woinovichgasse Fußgängerstraßen geworden sind, sorgte das sogleich für Verwunderung. Laut Bezirksvorsteherin Silke Kobald (ÖVP) sei die Weidlichgasse exakt 13 Meter vom nächsten Park entfernt, die Woinovichgasse 120 Meter vom nächsten Naherholungsgebiet.

Angehupt

Von Begegnung ist in der Florianigasse am Freitagnachmittag jedenfalls noch nichts zu sehen: Wer sich wie der KURIER-Redakteur zu Fuß auf der Fahrbahn bewegt, läuft Gefahr, angehupt zu werden.

Dass die Begegnungszone den meisten noch nicht bewusst ist, könne mit dem erhöhten Gehsteigniveau zu tun haben, meinen Gudrun und Jakob M., die mit ihrem kleinen Sohn gerade Richtung 2er-Linie spazieren. "In der Lange Gasse, die schon länger eine Begegnungszone ist, hat alles dasselbe Niveau - da ist es offensichtlicher. Hier checkt man das nicht sofort", sagen sie.

Als Anrainer würden die beiden eine dauerhafte Begegnungszone aber durchaus begrüßen. "Das wäre sowohl für Fußgänger als auch für Radfahrer sicherer. Und für die Anrainer wäre es leiser, wenn die Autofahrer langsamer fahren dürften."

Das Paar spricht unbewusst an, was Kritiker befürchten: Die Einführung von dauerhaften Begegnungszonen durch die Hintertür.

"Dilemma"

Wenig Sinn erkennen Diego Elia und seine Frau vom neapolitanischen Restaurant "La Delizia" im aktuellen Kompromiss: "Schön wäre, wenn der Autoverkehr vorübergehend komplett verboten wäre. Das wäre für die Kinder am besten." Ganz autofrei solle die Florianigasse aber auch nicht werden - weil normalerweise viele Gäste mit dem Auto kämen.

Der ÖAMTC, von Berufs wegen auf Seite der Autofahrer, ist nicht per se gegen Begegnungszonen. In einer ersten Stellungnahme hat man sich sogar „vorsichtig positiv“ geäußert.

Chefjurist Martin Hoffer ortet aber ein „Dilemma“, das in den temporären Zonen entstanden ist: „Bisher legale Stellplätze, die aber nicht mit Bodenmarkierung gekennzeichnet sind, sind mit dieser Änderung in die Illegalität gerutscht.“ Soll heißen: Wer sein Auto jetzt noch in einer Begegnungszone abgestellt hat, verstößt gegen das Gesetz und muss mit einer Strafe und dem Abschleppdienst rechnen.

Ungewisse Zukunft

„Ich appelliere an Polizei und MA 67, nicht auf Teufel komm raus zu strafen oder Stellplätze zu markieren“, sagt Hoffer. Laut dem von Hebein ausgearbeiteten Konzept wurden nur Straßen ausgewählt, auf denen die Stellplätze ohnehin markiert sind. Generell, meint Hoffer, seien die temporären Begegnungszonen und Fußgängerstraßen wieder aufzuheben, wenn sie nicht benutzt werden.

Ob die Zonen künftig tatsächlich begangen werden, wird sich zeigen. Auf die Frage, warum sie den Gehsteig der Straße vorziehe, antwortet eine junge Frau am Freitag in der Florianigasse jedenfalls, dass sie nun „inspiriert“ sei und auf der Fahrbahn weitergehe.