Chronik | Welt
24.10.2017

#IHave: Männer gestehen sexuelle Übergriffe

Auf Twitter und Facebook tauchen unter dem Stichwort Berichte von Männern auf, die Frauen sexuell belästigten.

Nach Berichten von Frauen über sexuelle Übergriffe unter dem Stichwort #MeToo geben sich nun Männer im Internet als Täter zu erkennen. Sie nutzen das Schlagwort #IHave, also "Ich habe (es getan)".

US-Architekt Thomas Wall twitterte: "#MeToo ist das Symptom, #IHave ist das Heilmittel." Wall forderte Männer auf, ihr Fehlverhalten gegenüber Frauen öffentlich einzugestehen.

Auch die US-Moderatorin Gretchen Carlson nutzte den Hashtag. Sie hatte den mittlerweile verstorbenen Chef des Nachrichtensenders Fox News, Roger Ailes, erfolgreich wegen sexueller Belästigung verklagt.

Auf Twitter und Facebook tauchten unter dem Stichwort Berichte von Männern auf, die Frauen sexuell belästigten. "Ich habe die Linie überschritten. Ich habe Vertrauen missbraucht", schrieb ein Nutzer. "Ich werde nie den Moment vergessen, als ich einer vorbeigehenden Frau in einer Bar in den 90er-Jahren an den Po grapschte", schrieb ein anderer. Er habe sich sofort geschämt und würde sich heute entschuldigen, wenn er könnte.

#Guilty, #ItWasMe, #IDidThat, #IWill

Auch Hashtags wie #Guilty (Schuldig), #ItWasMe (Ich war es), #IDidThat (Ich habe das getan) sowie #IWill (Ich werde) mit Blick auf besseres Verhalten in der Zukunft tauchten in der Online-Debatte auf. "Man fühlt sich in einem Geisterhaus gefangen, erschreckende Geständnisse ploppen aus jeder Tür heraus", schrieb der New Yorker zur Debatte.

Ermittlungen gegen Weinstein Company in New York

Ausgelöst hatten die Diskussion im Internet die Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe gegen US-Filmproduzent Harvey Weinstein.

Nach den Belästigungs- und Vergewaltigungsvorwürfen gegen Weinstein hat New Yorks Generalstaatsanwalt Medienberichten zufolge Ermittlungen gegen die Weinstein Company aufgenommen. Wie die New York Timesberichtete, beantragte das Bürgerrechtsbüro der Generalstaatsanwaltschaft am Montag eine lange Liste an Dokumenten von der Filmproduktionsgesellschaft.

Gefordert wurden unter anderem Personalangaben und Beschwerdeakten. "Wenn sexuelle Belästigung oder Diskriminierung in einem Unternehmen allgegenwärtig ist, wollen wir das wissen", zitierte das Blatt New Yorks Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman. Auch andere US-Medien berichteten über das Ermittlungsverfahren.

Die von den Brüdern Bob und Harvey Weinstein gegründete Produktionsgesellschaft hatte den 65-Jährigen am 8. Oktober kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe als Ko-Chef entlassen. Harvey war vergangene Woche auch aus dem Verwaltungsrat der Produktionsgesellschaft zurückgetreten.

Der lange einflussreiche Hollywood-Produzent Weinstein sollüber drei Jahrzehnte hinweg Frauen sexuell belästigt haben. Rund 40 Frauen haben sich mit entsprechenden Vorwürfen gemeldet, unter anderen die Top-Schauspielerinnen Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie. Mindestens sechs Frauen werfen Weinstein vor, er habe sie vergewaltigt. In New York und Großbritannien wurden bereits Ermittlungen wegen der Vorwürfe eingeleitet.

Ehemalige Assistentin: "Auch ich bekam Schweigegeld"

Eine ehemalige Assistentin des US-Filmproduzenten Harvey Weinstein hat nach eigenen Worten für ihr Schweigen über sexuelle Belästigung Geld erhalten. In einem Interview mit der Financial Times (Montag/Ortszeit) berichtete Zelda Perkins, dass Weinstein Ende der 90er-Jahre mehrmals nackt vor ihr herumgelaufen sei. Außerdem habe er sie um Massagen gebeten.

"Er verhielt sich so bei jeder Gelegenheit, wenn wir beide allein waren. Ich musste ihn häufiger in der Früh im Hotel wecken und er versuchte, mich in sein Bett zu ziehen", sagte Perkins der Tageszeitung. Sie habe gekündigt, als ihr eine Kollegin von einem sexuellen Übergriff Weinsteins berichtete.

Nach Schilderung von Perkins erhielten die beiden Frauen von Weinsteins Anwälten ein Schweigegeld von 250.000 britischen Pfund (280.615,11 Euro), als sie ihn anzeigen wollten. Außerdem sollen sie einen Vertrag unterschrieben haben, dass sie die Vorfälle vertraulich behandeln. Perkins wolle nach 19 Jahren ihren Vertrag öffentlichkeitswirksam brechen, um eine Diskussion über Geld und Macht anzuregen, sagte sie in dem Interview.

Nach der Polizei in New York und Los Angeles ermittelt seit Dienstag auch die New Yorker Staatsanwaltschaft gegen Weinstein wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe. Der Filmmogul soll neben Perkins noch mindestens acht weitere Frauen mit Schweigegeld davon abgehalten haben, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weinstein bestreitet, Frauen zum Sex gezwungen zu haben.

Sexualstrafrecht in Österreich verschärft

Das Sexualstrafrecht ist in Österreich in den vergangenen zwei Jahren massiv verschärft worden. Neben der zweimaligen Nachjustierung des Strafbestands der sexuellen Belästigung (§218 StGB) - wie etwa die Bestrafung des "Po-Grapschens" - wurde auch ein neuer Tatbestand geschaffen: Der Paragraf 205a behandelt seit Anfang 2016 die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung.

Der Paragraf 205a StGB zielt auf nichtkonsensualen Beischlaf (bzw. beischlafsähnliche Handlungen) ab, die Strafandrohung beträgt bis zu zwei Jahre Haft. Bei der sexuellen Belästigung (§218) wird mit bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe sanktioniert, wer eine Person "durch eine geschlechtliche oder eine nach Art und Intensität einer solchen vergleichbare, der sexuellen Sphäre im weiteren Sinn zugehörige körperliche Handlung an ihr" belästigt, oder auch "durch eine geschlechtliche Handlung vor ihr unter Umständen, unter denen dies geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen".

Mit der Strafverschärfung sind auch die Anzeigen in die Höhe geschnellt. Als Grund für die Zunahme sieht das Justizministerium zum einen die Verschärfung des Tatbestandes, zum anderen die Sensibilisierung der Bevölkerung aufgrund der Berichterstattung zu dem Thema, auch aufgrund des Skandals rund um den Filmproduzenten Harvey Weinstein. Seit Einführung des Paragrafen 205a im Jahr 2016 wurde laut Bundeskriminalamt 83 Mal deshalb Anzeige erstattet. Im ersten Halbjahr 2017 wurden bereits 65 Fälle angezeigt. Zum Vergleich: Von Jänner bis Juni 2016 waren es noch 33 Anzeigen.

Im vergangenen Jahr wurde laut Justizministerium wegen der Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung 27 Mal Anklage erhoben, sechs Verurteilungen gab es. Mit Stichtag 1. Oktober 2017 waren es in diesem Jahr 35 Anklagen und 13 Verurteilungen.

Noch deutlicher der Anstieg der Anzeigen bei sexueller Belästigung, als seit 1. Jänner 2016 auch "körperliche Belästigungen im Bereich der sexuellen Sphäre" - Stichwort "Po-Grapschen" - strafbar wurde. Davor gab es von Jahr zu Jahr eine leichte Zunahme. Von 2015 auf 2016 explodierten die Anzeigezahlen von 1.228 auf 1.918. Im ersten Halbjahr 2017 wurden bisher 784 Fälle angezeigt.

2015 kam es wegen des Vergehens zu 241 Anklagen und 109 Verurteilungen, ein Jahr später waren es schon 454 Anklagen und 151 Verurteilungen. Bis Stichtag 1. Oktober 2017 wurde 332 Anklagen wegen sexueller Belästigung erhoben und 114 Gerichtsurteile vollzogen.

Inwieweit sich eine weitere Verschärfung des Paragrafen, die am 1. September 2017 in Kraft getreten ist, auf die Zahlen auswirkt, ist noch unklar. Demnach wird derjenige, der "wissentlich an einer Zusammenkunft mehrerer Menschen teilnimmt, die darauf abzielt, dass eine sexuelle Belästigung (...) begangen werde", mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen bestraft.

Dass es deutlich weniger Anklagen und Verurteilungen als Anzeigen gibt, lässt sich darauf zurückführen, dass die Zahlen von Polizei und Staatsanwaltschaft nur schwer miteinander vergleichbar sind. Nur weil es deutlich weniger Fälle sind, die gerichtsanhängig sind, heißt das noch lange nicht, dass weniger Delikte beweisbar sind. Es kann etwa passieren, dass mehrere Opfer Anzeige erstatten und die Fälle zu einem Akt zusammengefasst werden. Was nicht erhoben wird, ist die Zahl, wie oft Anzeigen wieder zurückgezogen werden bzw. ist unklar, wie hoch die Dunkelziffer ist.