Leben
18.10.2017

Sie auch? Hashtag #metoo entfacht Sexismus-Debatte

Weinstein war die Spitze des Eisbergs: Im Netz berichten nun Tausende Frauen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung.

"Wenn du jemals sexuell belästigt oder vergewaltigt wurdest, antworte ‚Me too‘".

Mit einem einzigen Satz trat die Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter eine weltweite Bewegung los: Hunderttausende folgen seit Sonntag ihrem Aufruf und berichten im Netz über ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen, versehen mit dem Hashtag #metoo – ich auch. Im Sog des aktuellen Missbrauchsskandals um den mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein ( der KURIER berichtete) wollte der Serienstar ("Charmed") aufzeigen, dass Sexismus nicht nur in Hollywood allgegenwärtig ist – sondern überall auf der Welt. In Büros, Bars, Öffis, Taxis, Familien.

Der viel zitierte "Po-Grapscher" ist dafür gar nicht nötig – oft reichen Worte, um Frauen zu reduzieren oder zu erniedrigen, wie ein Fall vom Wochenende zeigt: Die Berlinerin Sawsan Chebli, 39-jährige Staatssekretärin für Internationales, wurde vom Vorsitzenden der Deutsch-Indischen Gesellschaft mit den Sätzen "Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön" aufs Podium gebeten. "Ich war geschockt und bin es immer noch", teilte Chebli via Twitter mit. Und in Österreich? Widmete die Online-Ausgabe einer Tageszeitung dem "sexy" Outfit von ORF-Moderatorin Nadja Bernhard einen ganzen Artikel – und zwar mitten am Wahlsonntag.

Stimmen aus Österreich

Die Fakten zeigen, dass der Bedarf für eine Sexismus-Debatte auch hierzulande besteht. Zuletzt stieg die Zahl der Sexualdelikte um 56 Prozent – im Jahr 2016 waren es laut Kriminalstatistik der Polizei 1918. Ein Grund für den Anstieg ist die Verschärfung des Gesetzes (der sogenannte "Po-Grapscher-Paragraf"). Aktuelle Zahlen, wie viele Frauen in Österreich Opfer von sexueller Gewalt werden, gibt es nicht. Zuletzt erhob das das Institut für Familienforschung im Jahr 2011: Damals gaben fast drei Viertel der Befragten an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.

An der #metoo-Aktion beteiligten sich zahlreiche Prominente, auch aus Österreich. "Jede einzelne Frau, die ich kenne, wurde schon einmal Opfer von sexueller Belästigung", schrieb etwa Laura Karasinski, 27-jährige Inhaberin einer Kreativagentur, auf Instagram. Auch die Fernsehmoderatorin Bianca Schwarzjirg teilte ihre Erfahrungen: "In den Ausschnitt starren, schlüpfrige Bemerkungen, ungefragte Nacktbilder, Po-Grapscher."

Die Dynamik erinnert an die #Aufschrei-Kampagne vor vier Jahren: Die sexistische Bemerkung eines Politikers gegenüber einer Journalistin hatte damals eine Lawine an Postings ausgelöst. Die Initiatorin Anne Wizorek begrüßt, dass die Debatte mit #metoo nun erneut angestoßen wird. Jedoch: "Wir reden zu viel über Einzelfälle statt über strukturelle Probleme", sagt sie zum KURIER. Dass es jedes Mal Tausende brauche, um das Thema Sexismus aufs mediale Tableau zu bringen, sei "schlichtweg frustrierend". "Wir müssen darüber reden, wie es zu solchen Gewalttaten kommen kann. Letztlich geht es ja auch um Prävention."

Machtgefälle

"Sexualisierte Gewalt ist immer auch ein Symptom einer sexistischen Gesellschaft", sagt die 36-Jährige. Schuld seien Geschlechterklischees, die bereits im Kindergarten gefördert werden. "Fast überall gibt es eine Spielecke für Mädchen und eine für Buben. Mädchen sollen fürsorglich sein, Buben dürfen bauen, entdecken. Diese Stereotypen führen zu einem Machtgefälle zwischen Frauen und Männern. Je früher man Kindern diese beibringt, desto schwieriger ist es später, sie wieder zu verlernen."

Feministinnen wie Wizorek fordern daher eine geschlechtersensible Erziehung sowie einen "Aufklärungsunterricht, in dem man darüber spricht, wie eine Beziehung auf Augenhöhe gelingt. Wir denken, wir seien unglaublich aufgeklärt – doch selbst Erwachsene können oft nicht sagen, was sie im Bett möchten oder nicht möchten. Da müssen wir hin, sonst wird es immer ein Machtgefälle geben". Auch beim Flirten gehe es um einen Austausch um Augenhöhe. "Wenn sich eine Frau nicht darauf einlässt, sollte man nicht weiterbaggern. Anders als in vielen romantischen Komödien dargestellt, ist ein Nein zu akzeptieren."

Alle Männer seien gefordert, "nicht immer gleich in die Defensive zu gehen": "Zivilcourage ist ganz wichtig. Wenn man merkt, dass eine Frau belästigt wird: einmischen, laut werden, sich auf die Seite der Frau stellen."

Was Social-Media-Aktionen wie #Aufschrei oder #metoo bewirken können? "Sie sorgen dafür, dass wir wieder darüber sprechen und ein Klima schaffen, in dem sich Betroffene äußern wollen", sagt Wizorek – und betont, dass weiblichen Opfern immer noch häufig nicht geglaubt wird und sie sich selbst die Schuld an sexistischen Vorfällen geben.

Immerhin: In Frankreich führte die Debatte, ausgelöst von Weinsteins Entgleisungen, dazu, dass sexuelle Gewalttaten härter bestraft werden sollen. Frauen nützten dort ihren eigenen Hashtag: #balancetonporc – übersetzt Verpfeif’ dein Schwein.

Ein Männerproblem

Nicht manche, sondern alle Frauen in unserer Gesellschaft sind von sexueller Belästigung betroffen. Sie ist nicht die Ausnahme, sie ist die Norm. Es ist schier zum Verzweifeln, dass Social-Media-Aktionen wie #metoo notwendig sind, um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen.

Doch Frauen können das ganze Internet mit ihren Erfahrungen vollschreiben. Solange Männer nicht als ihre Verbündeten auftreten, ändert sich nichts. So ist es möglich, dass ein wegen Vergewaltigung angeklagter Mann zum US-Präsidenten gewählt wird und ein Filmproduzent jahrzehntelang seine mächtige Position ausnutzen kann.

Es ist nicht damit getan, Frauen nicht zu belästigen. Es ist notwendig, aktiv gegen Frauenfeindlichkeit aufzutreten. Einzuschreiten, wenn eine Frau angegriffen wird. Laut zu sagen, dass sexistische Witze nicht angemessen sind – auch wenn keine Frau anwesend ist.

Gewalt gegen Frauen beginnt letztendlich schon beim Schweigen. Ohne die stillschweigende Unterstützung anderer Männer würden Männer Frauen nicht belästigen. Unserer Gesellschaft muss endlich bewusst werden: Das ist ein Männerproblem.