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Analyse
02/13/2021

Nach dem Virus jetzt die Mutation: Ein Pandemie-Déjà-vu

Das Buch von hinten zu lesen sei leicht, meinte Günther Platter (ÖVP) nach Ischgl. Wer heute zurückblättert, wird Parallelen zur mutierten Gegenwart finden.

von Christian Willim

Geschlagene drei Wochen ist nun schon gewiss, dass die südafrikanische Virus-Mutation in Tirol angekommen ist. Wie man inzwischen weiß, war sie bereits im Dezember im Land. Mehr als 400 Menschen dürften sich seither mit B.1.351 infiziert haben.

Ausreisebeschränkungen beim Verlassen Tirols gibt es erst seit Freitag. Und das Bundesland musste erst einen Streit mit dem Bund ausfechten, um eine Reihe von Maßnahmen im Hotspot-Bezirk Schwaz zu setzen, die über verschärftes Contact- und Mutationstracing sowie zahnlose – weil freiwillige – Massentests hinausgehen.

Das Buch von hinten zu lesen sei leicht, meinte Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) nach Ischgl. Wer heute zurückblättert, wird Parallelen zur mutierten Gegenwart finden. Nicht nur in Tirol, aber dort besonders.

Die Klischees vom widerständigen Bergvolk, das seine Freiheit so liebt und sich sicher nichts von außen dreinreden lässt, werden seit jeher von VP-Landeshauptleuten und ihrem Parteiapparat bespielt.

Peinliche Rollenbilder

In normalen Zeiten ist das für jenen Teil der Bevölkerung, der solche Rollenbilder lieber abstreifen möchte, statt sie von den eigenen Politvertretern ständig übergezogen zu bekommen, nervig bis peinlich.

In einer Pandemie kann diese Bockigkeit fatal sein. Wenn es eine Lehre aus Ischgl gibt, dann diese: Jeder Tag zählt. Besser schnell und hart im Kleinen eindämmen, bevor ein Buschfeuer rollt. Das gilt für das vor einem Jahr noch unbekannte Virus, wie nun für seine Mutationen.

Da bleibt keine Zeit für emotionale Reflexe. Wenn eine alarmierte Virologin warnt – und Beistand von einer Phalanx ihrer Kollegen bekommt –, dass das Haus erneut in Flammen steht und Tirol isoliert werden sollte, dann ist nicht die Zeit für Abwehrkampf.

Ramponierter Ruf

Genau der hat noch dazu erst den großen Scheinwerfer auf das Tourismusland gerichtet, das nach Ischgl einen ramponierten Ruf hat, den es besser nicht weiter verfestigen sollte.

Stattdessen gibt es erneut Kostproben von rotzigen Kommentaren führender VP-Landespolitiker. Da geht es munter vom „Alles richtig gemacht“ im Vorjahr zum „Rülpser“ aus Wien, wo man die Tiroler schon noch „kennenlernen“ werde.

Garniert wird das Gröstl mit einem für Bund wie Land unwürdigen Streit über die Größe des Südafrika-Clusters. Der ist in seiner Dimension, zu welcher der Zahlen man greift, in Europa vorerst einzigartig.

Ein zweites Zillertal?

Der Schaden für das sonst so wichtige Imätsch? Offenbar egal. Und das im Land, in dem die heilige Kuh der Tourismus ist, für den der Landeshauptmann die Ressortverantwortung trägt. Falls die Mutanten-Sache aus dem Ruder läuft, dann wird Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sich vielleicht bald nicht mehr am „zweiten Ischgl“ abarbeiten, sondern mahnen: „Wir können kein zweites Zillertal riskieren.“

Damit wäre der Ruf der nächsten großen Urlaubsdestination beschädigt. Und damit ausgerechnet die Heimat des Lobby-Bulldozers der österreichischen Seilbahnbranche und VP-Nationalrats Franz Hörl.

Und abseits von Tirol? Da werden wieder unabgestimmt die Grenzen hochgezogen und Unfreundlichkeiten über diese hinweg ausgetauscht. Ganz wie am Beginn der Pandemie. Dabei zeigt die Rückschau: Es kann jeden als Nächstes treffen.

Der Autor ist Tirol-Korrespondent des KURIER.

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