In den Geschäften, wie etwa in der Trafik Wien-Mitte, türmen sich zurückgelassene Belege.

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Chronik | Österreich
01/12/2016

Müllberg aus der Registrierkasse

Kunden wollen Kassabons nicht annehmen. Verwirrung um angebliche Kontrollen.

Mehr als 24 Kilometer wird die Papierschlange lang sein, die allein der Kremser Trafikant Klaus Schöndorfer künftig pro Jahr fabrizieren wird, um allen Kunden einen Beleg auszudrucken – der meist noch im Geschäft im Müll landet. "Wir produzieren täglich Mist, den niemand braucht", macht er seinem Ärger Luft.

Wie berichtet, muss den Kunden seit Einführung der Registrierkassen-Pflicht für jeden Kauf ein Beleg ausgehändigt werden, den sie bis vor die Ladentür mitnehmen müssen. Zudem haben sie im Fall einer Kontrolle eine Mitwirkungspflicht. Sanktionen für Kunden, die die Rechnung verweigern, gibt es aber keine.

"Durch diese schwachsinnige Verordnung benötigen wir mehr als 300 zusätzliche Kassarollen pro Jahr", beklagt Schöndorfer in den sozialen Medien. Rund 3000-mal wurde sein Facebook-Beitrag bereits geteilt.

57 Millionen Meter

Der Trafikant hat ausgerechnet, wie viel Papiermüll allein in seiner Branche nun zusätzlich anfallen wird. Vorsichtig geschätzt sei das bei mehr als 2400 Trafiken eine 57.600.000 Meter lange Papierschlange pro Jahr. Damit könne man gut eine Schleife um den Erdball legen. Eine Ressourcenverschwendung, die Schöndorfers Ansicht nach in keinem Verhältnis zu den Mehreinnahmen an Steuern stehe. "Noch dazu ist in dem Thermopapier giftiges Bisphenol A enthalten", wettert Schöndorfer.

Außerdem würden die meisten Kunden die Belege gar nicht mitnehmen, deshalb stürmt sich auch im Geschäft der Wiener Trafikantin Helga Hauser der Müll. "Ich kann ja keinen dazu zwingen, dass er den Beleg mitnimmt." Um sich vor Strafen der Finanzbehörden zu schützen, sammelt sie dennoch alle Belege des Tages.

Mit ihrer Meinung stehen Schöndorfer und Hauser nicht alleine da. Protestaktionen, wie das gemeinschaftliche Ausleeren der Belege vor dem Finanzministerium werden überlegt. Unterstützung erhalten die Trafikanten auch von Greenpeace: "Bei der Registrierkassen-Pflicht ist auf den Umweltschutz vergessen worden", sagt Sprecherin Nunu Kaller.

Rätselhafte Kontrollen

"Wir müssen wohl zwölf Registrierkassen anschaffen, aber ich sehe Kontrollen ein. Nur, was passiert mit den geschätzten 8500 Kassenbelegen, die wir an rund 1000 Gäste ausgeben?", fragt sich Clubbing-Veranstalter Martin Neger aus Krems. "Natürlich werden die auf dem Boden liegen, im oder vor dem Lokal, und mit dem ersten Windstoß verteilt werden", meint er.

Inzwischen machen Geschichten die Runde, wonach Kunden in mehreren Städten nach dem Verlassen von Geschäften oder Gasthäusern auf die Mitnahme von Kassabons kontrolliert wurden. In Wiener Neustadt haben zwei Männer vergangene Woche vor einem Supermarkt in der Fußgängerzone Passanten angehalten. Die verunsicherten Kassiererinnen ermahnten jeden Kunden, die Rechnung mitzunehmen.

Doch anscheinend hatten sich die Männer einen Streich erlaubt: Laut Finanzministerium habe es bisher keine einzige Kontrolle gegeben: "Kein Kunde wird auf der Straße um einen Beleg gefragt. Schon gar nicht in den ersten drei Monaten der Einführung, in denen wir hauptsächlich informieren wollen. Kontrolliert werden ausschließlich Unternehmen. Dazu gibt es ausführliche Informationen und eine Broschüre auf unserer Homepage", sagt Ministeriums-Sprecher Johannes Pasquali.