Kassa alt: 100 Jahre lang stand das Gerät bei „Karl Peter’s Söhne“ in Wien.

© KURIER/Jeff Mangione

Verpflichtung
01/01/2016

Registrierkassa im Taschenformat

Gesetzesänderung spornte Jungunternehmer an, Alternativen zu den teuren Kassen zu entwickeln.

von Jürgen Pachner, Julia Schrenk, Thomas Sendlhofer

Wer im Spezialgeschäft "Karl Peter’s Söhne" in der Neubaugasse in Wien zahlt, der fällt auf. So laut rattert und schnattert die historische Kassa. "100 Jahre steht sie schon da", erzählt Karlheinz Peter, der das Spezialgeschäft für Seilerwaren, Nähzubehör und Spieluhren mittlerweile in der achten Generation betreibt. Doch das gute Stück muss ab 1. Jänner einer Registrierkassa weichen. "Sie piepst halt nicht", sagt Peter. Auch ihm werde nun ein neues Gerät "aufgezwungen", wie er sagt.

Doch die Registrierkassenpflicht macht auch erfinderisch. Zahlreiche Unternehmen bringen günstige Alternativen zu teuren Kassensystemen auf den Markt. Sie profitieren von dem Ärger über die Anschaffungskosten. Die Wirtschaftskammer ruft Unternehmer aber zur Vorsicht bei der Wahl des Kassensystems (siehe Artikel unten) auf.

Christian Luger sieht sich für die am Freitag in Kraft tretende Gesetzesänderung gerüstet. Schon seit rund zwei Jahren arbeitet der Salzburger an einer App. Derzeit testen 50 mögliche Kunden das System seiner Firma Shoperate. Unter den Probanden sind Hotels, Physiotherapeuten, Optiker oder Kosmetiker.

"Ich habe geschaut, dass es wahnsinnig simpel ist und man alle Branchen damit abdecken kann", sagt er. Die App kann auf Tablets oder PCs verwendet werden, später soll sie auch am Smartphone laufen. Zu Jahresbeginn will er den Vertrieb der Software und der dazugehörigen Hardware wie Bon-Druckern starten. "Die Resonanz meiner Testkunden ist gut, ich bin zuversichtlich", sagt der 33-Jährige. Die Basisversion kostet 24 Euro, eine Erweiterung um Kundenmanagement und Lagerverwaltung 49 Euro pro Monat.

Gratis-Kassensystem

Im Büro der Firma Offisy in der Schillerstraße in Linz läutet das Telefon schon seit Wochen beinahe rund um die Uhr. Der Großteil der Anrufer will sich über die von den Jung-Unternehmerinnen Carina Schmiedseder und Stefanie Gerhofer kostenlos zur Verfügung gestellte Online-Registrierkassa informieren. "Der Andrang auf das Angebot ist enorm – es werden stündlich mehr, die sich registrieren möchten", sagt Geschäftsführerin Stefanie Gerhofer. Die via Facebook verbreitete Propaganda löste einen Schneeballeffekt aus.

"Wir haben von unseren Testkunden bisher nur ein Super-Feedback bekommen. Manche Leute sind über das Angebot so begeistert, dass sie sich mit Gutscheinen, Zuckerln oder Schokolade bedankt haben", sagt Gerhofer.

Bei der Nutzung der Software (kostenlose-registrierkasse.at) fallen für den Anwender keine Spesen an und alle Rechnungslegungsvorschriften werden erfüllt. Das Gratis-Paket von Offisy umfasst etwa eine Online-Rechnungsvorlage sowie die Dokumentation der Rechnungen und Umsatzstatistiken. Benutzer benötigen nur Computer oder Tablet als Eingabegerät, (Bon-)Drucker sowie Internetverbindung.

Besorgt

Es waren besorgte Kundenanrufe, die Gerhofer und Schmiedseder dazu bewogen haben, ein kostenloses Online-Angebot für jedermann bereitzustellen. Gerade für Kleinunternehmen seien die rund 2500 Euro Anschaffungskosten, die eine neue Registrierkasse kosten würde, nur schwer verkraftbar.

"Eine Kundin, die kürzlich eine Physiotherapiepraxis aufgemacht hat, meinte, dass ein Registrierkassen-Kauf für sie so kurz nach dem Start finanziell nicht drin ist", erklärt Schmiedseder. Ein anderer Kunde habe sogar eine vorzeitige Pensionierung überlegt, weil er die finanzielle Bürde als Kleinstunternehmer nicht mittragen mochte. Welchen Nutzen Offisy davon hat, ein Produkt kostenlos zur Verfügung zu stellen? "Dass vielleicht der eine oder andere Nutzer künftig ein Produkt von uns erwirbt. Manche haben etwa bereits den Bon-Drucker bei uns gekauft", sagt Gerhofer. Fast 5000 User hätten inzwischen die kostenlose Online-Registrierkasse aktiviert.

Wirtschaft mahnt bei Auswahl zur Vorsicht

Durch die Einführung der Registrierkassenpflicht ist gewissermaßen eine Marktlücke entstanden. Rund 200.000 derartige Systeme müssen angeschafft werden, schätzt die Wirtschaftskammer. Derzeit würden viele Unternehmer ihr Glück darin suchen, gesetz-estaugliche Lösungen auf den Markt zu bringen, bestätigt Iris Thalbauer von der Bundessparte Handel. Sie rät bei der Auswahl zur Vorsicht. „Ganz wichtig für Unternehmer ist, darauf zu achten, dass man einen Kassenanbieter wählt, der schon Erfahrung in der jeweiligen Branche hat“, meint Thalbauer.

Die Verärgerung über das am Freitag in Kraft tretende Gesetz ist unverändert hoch. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass es nicht 900 Millionen Euro an Mehreinnahmen geben wird. Es werden ganz viele kleine Firmen zusperren, weil sie sagen, dass sie sich das nicht antun wollen.“ Die Wirtschaftskammer hätte sich eine „praxisorientiertere“ Form der Betrugsbekämpfung gewünscht, sagt Thalbauer.

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