Lebenslange Haft für Amokfahrer

PROZESS NACH AMOKFAHRT IN GRAZ: ALEN R.
Foto: APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL Schuldig und zurechnungsfähig sei Alen R., befanden die Geschworenen

Die Geschworenen befinden, dass Alen R. am 20. Juni 2015 zurechnungsfähig war. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Regungslos, wie acht Prozesstage lang, nimmt Alen R. zu Kenntnis, dass er gerade wegen dreifachen Mordes und 108-fachen Mordversuches verurteilt worden ist.

"Ich habe aus Angst gehandelt", wiederholt er seine Version einer Entschuldigung für die Amokfahrt durch Graz. Dann wird er abgeführt.

- Der letzte Prozess-Tag im Live-Blog

- Kommentar von Ricardo Peyerl: "Die Überforderung der Laien"

Minuten später weiß Verteidigerin Liane Hirschbrich nach einem kurzen Gespräch mit R. auch nur eines zu sagen: "Das Einzige, das ihn interessiert hat, ist, ob er jetzt in Graz bleiben kann."

Gerade einmal zwei Stunden lang beraten die Geschworenen Donnerstagabend, was mit dem 27-Jährigen zu geschehen hat. Die Staatsanwaltschaft beantragt ja nur, R. in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen: Die beiden Gerichtspsychiater Peter Hofmann und Jürgen Müller erklären R. nämlich für schizophren.

Wahnsystem

PROZESS NACH AMOKFAHRT IN GRAZ: ALEN R. Foto: APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL "Er erfüllt alle Kriterien der Geisteskrankheit. Zum Zeitpunkt der Tat war er im akuten Wahn", befindet Müller. Seine Zurechnungsfähigkeit sei komplett aufgehoben gewesen. R. sei in einem Wahnsystem gefangen gewesen, hatte einen psychotischen Schub.

Doch die Laienrichter hören in dem Verfahren auch zwei weitere Gutachter. Psychiater Manfred Walzl attestiert R. zwar eine Persönlichkeitsstörung, aber die habe mit Schizophrenie und Paranoia nichts zu tun. "Amoktäter versuchen, ihren darniederliegenden Selbstwert durch eine extreme Gewalttat wieder herzustellen", überlegt er. Hass und Wut auf die Gesellschaft treibe sie an. "Das vereint sich oft mit dem Wunsch, Bedeutung und Berühmtheit zu erlangen."

Und dann ist da noch Psychologin Anita Raiger: Sie ist die letzte Vertreterin der Gutachter, die die Geschworenen in dem Verfahren hören, nur wenige Stunden, bevor sie sich zur Beratung zurückziehen. Raiger zeichnet ein drastisches Bild des 27-Jährigen: Kaltherzig, berechnend, gefühllos, doch dabei überdurchschnittlich intelligent.

PROZESS NACH AMOKFAHRT IN GRAZ: ALEN R. Foto: APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL "Alen R. bringt den Opfern keinerlei Empathie entgegen", bewertet sie . Nicht einmal dann, wenn sie weinend vor ihm im Gerichtssaal säßen. Die Psychologin untersuchte R. zehn Mal. Sie hält ihn wie Psychiater Walzl nicht für schizophren. "Er hat eine schwere emotionale Störung und eine hohe Lügenbereitschaft", merkt Raiger an. Aber das sei kein Hinweis auf eine Psychose.

Seltener Vorgang

Tatsächlich, die Überraschung geschieht die Geschworenen gehen vom Antrag der Staatsanwaltschaft ab und erklären R. einstimmig für zurechnungsfähig. Sie nehmen ihm die Geisteskrankheit nicht ab und beantworten so die immer wieder von Richter Andreas Rom gestellte Frage auf ihre Weise: "Spielt R. uns was vor?"

Das gab es in der österreichischen Prozessgeschichte erst ein einziges Mal, 1982 in Wien. Damit wird aber R.s Verurteilung samt Strafe möglich: lebenslange Haft. Verteidigerin Hirschbrich meldet Nichtigkeitsbeschwerde an.

Video Graz Amokfahrt Amokläufer Alen R.… Foto: /ORF

In einem Punkt folgen die Laienrichter den Gutachtern aber doch: Gleichzeitig mit der Verurteilung folgt die Einweisung in die Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Denn R. sei ein "hochgefährlicher Mensch" mit hoher Rückfallgefahr, mahnt auch Raiger am Vormittag. Sie bringt als Erste ein Computerspiel als Vergleich: "Da gibt es ein beliebtes Spiel, das Egoshooter-Elemente mit Rennspielen verbindet. Da fährt man mit einem Auto durch eine Stadt und fährt Passanten nieder."

Alen R. passt das alles nicht. "Ich bin nicht gefährlich. Das war nicht absichtlich", behaupet er und sitzt weiterhin regungslos da. Auch, als die Psychologin erläutert, dass sie den Amoklauf für geplant gehalten habe. Denn R. wählte einen öffentliche Raum und ein Auto, die zweithäufigste Waffe von Amoktätern übrigens.

PROZESS NACH AMOKFAHRT IN GRAZ: ALEN R. Foto: APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL "Es gibt keinen öffentlicheren Ort als die Innenstadt an Samstagmittag", betont die Expertin. Dann erinnert Raiger an ein weiteres, bisher unbeachtetes Detail: Der 20. Juni lag in jenem Wochenende, an dem im obersteirischen Spielberg die Formel 1 ihren Grand Prix fuhr. "R. startet die Fahrt zwei Stunden vor dem Qualifying", zählt die Psychologin auf. "Wie zufällig ist das?"

Hassgedanken

Das passe in das Schema bekannter Amokläufe des deutschen Sprachraumes: Es ginge um Macht und mediale Aufmerksamkeit der Täter. "Sie sind narzisstisch, haben generalisierte Hassgedanken." Die Tat selbst würde durch Kränkungen ausgelöst: R. sei sein Gewehr abgenommen worden, die Frau ins Frauenhaus geflüchtet - drei Wochen vor der Fahrt.

Mehr zum Thema:

- Alen R.: Vom Betroffenen zum Mörder?
- Amokfahrer-Prozess: "Ich habe mich verfolgt gefühlt"
- Ex-Frau des Amokfahrers: "Er hat mich geschlagen"
- "Verschwörungstheorie eine dünne Suppe"
- Amokfahrt: "Er war da, um uns umzubringen"
- Richter vermisst Reue des Amokfahrers

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?