Alen R. am Dienstag vor Gericht

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Steiermark
09/20/2016

Amokfahrer-Prozess in Graz: "Ich habe mich verfolgt gefühlt"

Alen R. steht ab heute vor Gericht. Er hat bei einer Amokfahrt durch Graz drei Menschen getötet und mehr als 100 verletzt. R.: "Ich habe gedacht, die Leute würden ausweichen." Der KURIER berichtete live.

von Elisabeth Holzer, Daniela Wahl, Stefan Hofer

Am Dienstag hat im Grazer Straflandesgericht der Prozess gegen Alen R. begonnen. Er soll im Juni vorigen Jahres bei seiner Amokfahrt durch die Innenstadt drei Menschen getötet und viele verletzt haben. Der Besucherandrang war weniger groß als erwartet, planmäßig gingen die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung sowie die Befragung des Beschuldigten und erster Zeugen über die Bühne.

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Die Staatsanwaltschaft hat deshalb einen Antrag auf Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingebracht. Das Geschworenengericht unter Vorsitz von Richter Andreas Rom hat in der Verhandlung über eine Einweisung zu entscheiden. (Warum er nicht wegen Mordes angeklagt wird, erfahren Sie im Detail hier.)

Vor dem Straflandesgericht waren Sperrgitter aufgestellt worden, doch von einem Besucheransturm konnte keine Rede sein. Alle erhielten ihre Eintrittskarten und konnten im Schwurgerichtssaal oder bei der Übertragung in einen zweiten Saal dabei sein. Obwohl Fotografieren erlaubt war, war auch diesmal wie schon bei den Jihadisten-Prozessen ein Gerichtszeichner am Werk.

Die Eröffnungsplädoyers waren knapp, zwei Staatsanwälte und Verteidigung fanden mit insgesamt 23 Minuten ihr Auslangen. Staatsanwalt Rudolf Fauler schilderte noch einmal die Wahnsinnsfahrt vom 20. Juni, die nur wenige Minuten dauerte, aber "für viele Menschen eine Zäsur darstellte". R. raste "mit bis zu 80 km/h durch die Herrengasse", wobei sein Geländewagen zahlreiche Personen erfasste. Eine Frau und ein vierjähriger Bub waren sofort tot, ein Fußgänger war bereits zu Beginn der Fahrt niedergemäht und getötet worden. Ein weiteres schwerverletztes Opfer war einige Monate später an Herzversagen gestorben, was aber laut Staatsanwaltschaft nichts mit der Tat zu tun hatte.

Der zweite Staatsanwalt, Hansjörg Bacher, erklärte den Geschworenen in erster Linie das Problem mit den unterschiedlichen psychiatrischen Gutachten, von denen zwei R. als nicht zurechnungsfähig eingestuft hatten, während ihm ein Sachverständiger Zurechnungsfähigkeit bescheinigte. Auch Verteidigerin Liane Hirschbrich betonte, es gehe in diesem Verfahren nur um die Frage der Zurechnungsfähigkeit.

Richter Rom meinte, er sei "verwundert" über das überaus gepflegte Aussehen des mutmaßlichen Amokfahrers, der von Kopf bis Fuß in Weiß erschienen war und keinen Bart, dafür aber eine Brille trug. Im Laufe der Verhandlung erzählte er immer wieder, dass seine Frau ihn zuhause eingesperrt habe und er selbst ein "sehr ruhiger Mensch" sei. Warum seine mittlerweile geschiedene Ehefrau mit den beiden Kindern ins Frauenhaus geflüchtet war, konnte er aber nicht sagen.

Grund für die Wahnsinnsfahrt sei "ein Schuss" gewesen, den niemand sonst gehört hatte. "Ich war in Panik und wollte zur Polizei", schilderte er. Dass er dabei Menschen überfahren habe, sei ihm nicht bewusst gewesen, "weil die Leute sowieso ausweichen." Die Zeugen - unter ihnen der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP), gaben an, R. sei gezielt auf Passanten und Radfahrer zugefahren. Nagl beschrieb, dass die Opfer "wie Puppen auf dem Gehsteig" gelegen seien.

Doch der 27-Jährige sah sich selbst als Opfer. Seine Angaben variierten schon am ersten Verhandlungstag stark, einmal war es der Schuss, der ihn erschreckt hatte, dann wollte er seinen Schwiegervater in der Stadt gesehen haben und war nur bestrebt, vor ihm zu flüchten. "Er wollte mich erschießen", erzählte er plötzlich. "Das ist neu", sagte einer der Opferanwälte.

Im Vergleich zum vorgespielten Video der Einvernahme am Tag nach der Tat wirkte Alen R. wesentlich gedämpfter, er sprach mit hoher, leiser Stimme. Seine Anwältin brachte die vielen Tabletten ins Spiel, die er angeblich wegen seiner Rückenschmerzen nehmen muss. Bereits im Juli 2015 schrieb er, er sei eher für die Krankenanstalt geeignet als für das Gefängnis. Derzeit wird er in der Grazer Nervenklinik Sigmund Freud verwahrt.

Der Prozess wird am Mittwoch um 9.00 Uhr fortgesetzt. Am Vormittag sind die ersten Gutachter - Gerichtsmediziner, Verkehrssachverständiger, Toxikologe - am Wort, am Nachmittag sollen weitere Zeugen gehört werden.

Bei dem Prozess sind 130 Zeugen geladen, darunter auch drei psychiatrische Sachverständige und andere Gutachter. Der Amokfahrer-Prozess ist für neun Tage anberaumt.

Mehr zum Thema:

Der KURIER berichtete live - der Ticker zur Nachlese:

Amokfahrer-Prozess in Graz: "Ich habe mich verfolgt gefühlt"

  • 09/20/2016, 03:40 PM

    Der erste Prozesstag geht zu Ende. Richter Rom vertagt auf Mittwoch, 9 Uhr. KURIER-Reporterin Elisabeth Holzer wird auch morgen wieder vor Ort sein und für Sie berichten.

  • 09/20/2016, 03:08 PM

    Die nächste Frage stellt die Psychologin: "Wenn der Schwiegervater die Verfolger geschickt hat - warum haben Sie dann nicht ihn niedergefahren?"

    Alen R.: "Ich hab' mir erst im Gefängnis darüber Gedanken gemacht."

  • 09/20/2016, 03:04 PM

    Strafverteidigerin Liane Hirschbrich: "Welche Tabletten und Spritzen bekommen Sie in der Justizanstalt Göllersdorf?"

    Alen R.: "Drei bis vier am Tag. Wegen der Rückenschmerzen. Es geht mir gesundheitlich schon viel besser."

  • 09/20/2016, 02:49 PM

    Gutachter Müller (Universitätsprofessor für forensische Psychatrie und Psychotherapie in Götttingen): "Haben Sie auf der Fahrt auch Bedroher gesehen?"

    Alen R.: "Ich weiß es nicht. Aber es kann nur der Schwiegervater schuld sein. Ich habe seine Person gesehen. Er hat meiner Frau gesagt, sie soll im Frauenhaus bleiben, damit sie nicht überfahren wird."

  • 09/20/2016, 02:39 PM

    Psychiater Peter Hofmann fragt: "Haben Sie eine psychische Krankheit?"

    Alen R.: "Konzentrationsschwierigkeiten. Es klopft keiner mehr an mein Fenster, weil ich im Gefängnis bin."

    Hofmann: "Haben Sie abgenommen? Wollten Sie im Gefängnis nicht essen, aus Angst, vergiftet werden?"

    R.: "Ich habe jetzt 80 Kilo, früher 90. Ich habe am Anfang nicht gewusst, wer mich vergiften will, aber jetzt ist der Appetit besser geworden."

  • 09/20/2016, 02:36 PM

    Jürgen Müller, der dritte Gutachter aus Deutschland - quasi der Obergutachter, dessen Expertise den Ausschlag im Richtung Unzurechnungsfähigkeit gab - ist am Wort: "Sie haben Schüsse gehört und Zeichen gesehen. Sie hatten auch den Eindruck, vergiftet zu werden."

    Alen R.: "Leute haben Steine an mein Fenster geworfen. Ich weiß nicht, warum. Meine Ehefrau hat versucht, mich zu vergiften. Ich hatte nach dem Essen immer Bauchschmerzen."

     

  • 09/20/2016, 02:27 PM

    Die Psychologin ist am Wort: "Sie haben gesagt, Männer haben Sie verfolgt. Warum sind Sie dann auf eine Frau losgegangen und stechen Sie nieder?"

    Alen R.: "Sie stand bedrohlich neben meinem Auto. ich habe sie nicht erkannt. Das ging so schnell vorüber."

  • 09/20/2016, 02:21 PM

    Die Zeugeneinvernahmen sind für heute beendet. Nun stellen die Sachverständigen Fragen an Alen R.

    Psychiater Manfred Walzl (er ist der einzige der drei Psychiater, der R. als zurechnungsfähig einstufte): "Ich nehme zu Kenntnis, dass Sie bei Rot an der Ampel stehen geblieben sind und bei Grün weiterfahren. Wie geht das, Herr R., wenn Sie in Panik sind? Und wo waren die Personen, vor denen Sie sich gefürchtet haben? Wo waren diese Männer?"

    Alen R.: "Beim Griesplatz. Dort habe ich Schüsse gehört."

     

  • 09/20/2016, 02:09 PM

    Ein weiterer Zeuge ist am Wort - ein junger Radfahrer, der auf der Brücke unterwegs war, als R. an ihm vorbeifuhr.

    "Das Fahrzeug hat die Straße verlassen und ist auf den Gehsteig geschwenkt. Ich hab mich an das Brückengeländer gedrückt und bin von dem Auto nicht getroffen worden. Ich hab Angst gehabt, dass ich zwischen Geländer und Auto eingequetscht werde."

  • 09/20/2016, 02:02 PM

    Der nächste Zeuge, ein Buslenker (R. stand mit seinem Auto vor ihm; es geht immer noch um die ersten Opfer in der Zweiglgasse, Griesplatz): "Er ist gezielt auf die Leute zugefahren. Zuerst hat er bei der roten Ampel gehalten und bei grün ist er dann los, sogar mit Blinker. Er ist da sicher 15, 20 Sekunden vor mir gestanden."

  • 09/20/2016, 01:53 PM

    Nächster Zeuge: Der Mann beobachtetete vom Auto aus (Zweiglgasse in Richtung Griesplatz), wie die ersten Opfer, Adis und seine Frau, überfahren wurden:

    "Er hat mich zweimal geschnitten, dann bei der grünen Ampel noch einmal. Dann ist er sofort nach links und hat die beiden Passanten auf dem Gehsteig überfahren. Dann ist er weiter, mein Eindruck war, er hat eine Autobombe, weil er in Richtung Synagoge gefahren ist."

  • 09/20/2016, 01:41 PM

    Die nächste Zeugin wird aufgerufen. Sie wurde am 20. Juni von dem Betroffenen, der aus dem Auto gestiegen war, in der Grazbachgasse mit einem Messer attackiert - ebenso wie ihr Mann.

    "Wir sind vom Einkaufen gekommen. Auf einmal haben wir einen Krach gehört. Und dann sind wir von einer Straßenseite auf die andere geworfen worden. Wir haben nicht verstanden, warum er das getan hat. Und dann hat er uns noch mit einem Messer attackiert."

  • 09/20/2016, 01:35 PM

    Alen R. wird aus dem Gerichtssaal gebracht - die Ehefrau des ersten Opfers will ihre Aussage nicht in seiner Anwesenheit machen.

    Adisa D. (Ehefrau des ersten Todesopfers Adis D.), selbst schwer verletzt: "Ich kann mich nur daran erinnern, dass wir einkaufen waren und dann bin ich in einem Spital aufgewacht. Ich war zwei Monate im Krankenhaus, vier Monate in der Reha-Klinik. Es war entsetzlich schwer, ich konnte zwei Monate nicht gehen. Es war ein physischer und seelischer Schmerz. Ich bin mit Plänen nach Österreich gekommen. Ich muss jetzt von Null starten. Dieser Mensch hat uns alles vernichtet."

  • 09/20/2016, 01:24 PM

    Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) beginnt seine Aussage: Er war mit der Vespa in der Zweiglgasse unterwegs und sah R. auf die ersten Opfer zufahren. Adis D. wurde dort getötet. "Ich habe einen unglaublich lauten Knall gehört, sogar durch meinen Helm durch. Ich habe die beiden Personen gesehen, die überfahren worden sind. Die Personen lagen wie Puppen auf den Gehsteigen. Dieses Fahrzeug ist dann mit unglaublicher Geschwindigkeit weitergefahren und hat noch einmal beschleunigt. Mein zweite Gedanke war, das kann ja nicht sein, Fahrerflucht. Und dann hab ich gesehen, wie er weiter auf andere zufährt. Er ist dann rechts an mir vorbei auf dem Gehsteig. Ich bin froh, dass ich nach links ausgewichen bin, sonst würde ich heute hier nicht mehr aussagen können. Ich habe dann bald gewusst, das wird leider einer der schwersten Tage meines Lebens und meiner politischen Laufbahn."

    "Hatten Sie den Eindruck, dass er Sie gezielt angesteuert hat?", fragte Staatsanwalt Rudolf Fauler. "Bei mir weiß ich es nicht, bei den anderen schon", antwortete der Zeuge.

    Es gibt kaum Nachfragen. Der Bürgermeister darf den Saal wieder verlassen.

  • 09/20/2016, 01:16 PM

    Die Verhandlung hat wieder begonnen. Der Betroffene hat vor der Richterbank Platz genommen - die Handschellen wurden ihm abgenommen. Gleich beginnt die Befragung der Zeugen.

  • 09/20/2016, 01:15 PM

    Bald geht es weiter, in der Zwischenzeit haben wir noch die wichtigsten Fragen und Antworten zum Amokfahrer-Prozess für Sie zusammengetragen. Mehr dazu lesen Sie hier.

  • 09/20/2016, 12:00 PM

    Mahlzeit. Ab 13 Uhr soll es weitergehen, dann schon mit Zeugen - unter anderen der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl.

  • 09/20/2016, 11:47 AM

    AMOKFAHRT IN GRAZ: PROZESSAUFTAKT Foto: APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL

    Aktuelles Bild aus dem Gerichtssaal: Die Staatsanwälte Hansjörg Bacher und Rudolf Fauler

  • 09/20/2016, 11:36 AM

    Einzige Frage der Verteidigerin:

    "Wurden Sie in der Justizanstalt Göllersdorf nach Ihrem Religionsbekenntnis gefragt? Was haben Sie geantwortet?"

    R.: "Römisch-katholisch."

  • 09/20/2016, 11:33 AM

    AMOKFAHRT IN GRAZ: PROZESSAUFTAKT Foto: APA/ERWIN SCHERIAU/APA-POOL

    Aktuelles Bild aus dem Gerichtssaal: Staatsanwalt Rudolf Fauler und Liane Hirschbrich, die Verteidigerin des Angeklagten.

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