1996 - Als sich das Internet im Schweizerhaus traf
Zusammenfassung
- Mitte der 1990er war das Internet in Österreich langsam, teuer und unsicher: gesurft wurde per 56k-Modem über Telefonleitungen, oft zu hohen Kosten und ohne nennenswerte Schutzmechanismen.
- Die frühe heimische Online-Welt bestand aus einer kleinen, anarchischen Gemeinschaft von rund 50 Menschen, die chattete, sich im Schweizerhaus traf und das Netz als großes Freiheitsversprechen feierte.
- Mit dem Aufstieg von Plattformen wie Napster sowie später Google, Facebook und Amazon endete die Pionierzeit, und die Kontrolle verlagerte sich von den Nutzern zu globalen Konzernen.
Im Jahr 1996 war das Internet noch ein sehr einsamer Ort. Selbst ein internationaler Konzern wie Coca-Cola bot lediglich eine einzige starre Seite an, wo ein Flaschenverschluss mit der Aufschrift „Always Coca-Cola“ zu sehen war. Es gab nichts zu kaufen, Billa oder Ikea waren im Netz noch nicht einmal vorhanden.
Amazon oder Google gab es noch nicht, für Streaming wie Netflix fehlte jegliche Bandbreite. Das war kein Wunder, denn Private mussten über das Telefon-Festnetz zu hohen Minutenpreisen ins Internet, und man konnte nur entweder telefonieren oder im Internet surfen. Rief jemand an, dann flog man automatisch aus dem www.
56 Kilobyte pro Sekunde waren das Höchste der Gefühle an Bandbreite. Ein Foto auf einer Webseite zu laden, konnte schon mal eine halbe Minute dauern. Während man ein kurzes Video herunterlud, konnte man getrost Mittagessen gehen. Für einen Kinofilm lief der Rechner zwei oder drei Nächte.
Keine Sicherheit
Etwas schneller ging es in manchen Universitäten oder bei Firmen, die schon eine Standleitung hatten - so wie der KURIER. Abgesichert war gar nichts, ein computeraffiner Freund benötigte keine ganze Minute, um von außerhalb die Kontrolle über meinen Mauszeiger und damit den kompletten Arbeitsplatz zu übernehmen. Viele Internet-Delikte waren noch gar nicht strafbar.
Was taten wir also zu Beginn im Internet? Tatsächlich herrschte Anarchie. Damals gab es nur zwei Seiten in Österreich, wo es einfach gestaltete Bewegtelemente gab. Ö3 und Vorarlberg-Online.
Als ich einstieg, bestand die Community aus vielleicht 50 Österreichern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die sich dort zum Chatten trafen. Mit dabei waren nicht nur IT-Gurus, sondern auch eine Polizistin oder ein Möbelverkäufer.
Horrende Telefon-Rechnungen für privates Internet
Manche von uns ließen sich über Nacht in EDV-Räume oder Firmen einsperren, um die Nacht durchzuchatten. Eine burgenländische Familie, die privat surfte, hatte Telefonrechnungen bis zu 15.000 Schilling, was heute etwa 2300 Euro entspricht.
Es gab keine Hierarchien oder Gesetze, jeder war gleich. Niemand konnte rausgeworfen oder gesperrt werden, solche Funktionen waren noch nicht erfunden. Da zwei Seiten auf die Dauer etwas fad waren, einigten wir uns auf ein gemeinsames Treffen. Rund 25 Personen - damals das halbe Internet - pilgerte ins Wiener Schweizerhaus, wo die ersten Internet-Treffen des Landes stattfanden.
Für uns Pioniere war es das, was die 68er-Generation gefühlt haben musste. Wir träumten von grenzenloser Freiheit für alle Menschen auf dieser Welt. Das Internet sollte Meinungsfreiheit und Demokratie in jede Ecke dieser Welt bringen. Für uns begann eine Party, die fast zwei Jahre dauerte. Wir 25 baten jeden, der neu ins Internet kam, für Samstag ein Lokal zu buchen und fuhren im Auto-Konvoi oder im Zug dorthin. So feierten wir nicht nur in Graz, Linz oder Salzburg, sondern auch in Gmunden, Ebergassing oder Bludenz. Glücklicherweise noch ohne Handyfotos, um das alles zu dokumentieren.
Am Ende gab es innerhalb der 25 Internet-Pioniere vier Hochzeiten und fünf Kinder, die nicht alle zusammenpassten. Viele stiegen auf und wurden achtbare Manager bei großen, bekannten Firmen, weshalb wir die Namen lieber weglassen.
Danach war die Party in jeglicher Hinsicht vorbei. Statt uns Usern übernahmen die ersten Plattformen das Internet und definierten ihre eigenen Regeln. Es begann mit Napster (Musik-Tauschbörse), Websingles (Dating-Plattform) oder U-Boot (eine Ur-Version von Facebook), dann zeigte sich, dass die USA schon Jahre voraus waren. Google, Facebook oder Amazon drängten Ende der 90er-Jahre auf den österreichischen Markt. Nach und nach übernahmen sie die Kontrolle.
Für uns war klar, dass Europa noch lange brauchen würde, bis es aufwacht und etwas dagegen unternimmt. Zu dieser Zeit wären auch österreichische Behörden noch nicht einmal per Mail erreichbar gewesen. Viele glaubten noch zu Beginn des Jahrtausends, dass sich das Internet nicht durchsetzen würde.
oDie Polizei hatte so wenig Ahnung, dass sie nicht die Nutzer von Kinderpornos verhaftete, sondern - kein Witz – den Internet-Provider. Alles endete mit peinlichen Freisprüchen vor Gericht.
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