Digitale Grundbildung in der Schule: „Das ist die Lebenswelt der Kinder“
Vor 30 Jahren ging kurier.at online. Die Welt ist heute eine andere – Grund genug, einen Blick in den digitalen Schulalltag zu werfen. Weitere Texte zum Jubiläum, mit Ein- und Ausblicken zu kurier.at finden Sie an dieser Stelle.
Das Schulfach „Digitale Grundbildung“ soll Schülerinnen und Schülern helfen, die Welt der Computer und des Internets zu durchblicken. Wobei „durchblicken“ vielleicht nicht das richtige Wort ist – denn viele Kinder sind ihren Lehrpersonen in punkto Nutzung oftmals weit voraus. Das Verständnis dafür, wie sie dadurch beeinflusst werden können, fehlt aber oft. Genau hier soll die Schule ansetzen und auf Risiken, Hürden und Chancen in der digitalen Welt vorbereiten.
„Grundsätzlich wird zwischen digitaler Grundbildung (DGB) und Informatik unterschieden. An unserer Schule haben wir eine Stunde DGB und zwei Stunden Informatik pro Woche,“ erzählt Dorian Cantele. Der 43-Jährige ist Lehrer im fünften Dienstjahr an der Mittelschule (MSi) Sechshaus im 15. Wiener Gemeindebezirk. Berufliche Vorerfahrung brachte er aus der Unternehmensberatung mit, bevor er sich entschloss, die Lehrerausbildung zu machen.
Drahtseilakt
Während es bei der Informatik konkret um die Anwendungsthemen geht, stehen bei DGB die digitale Kompetenz sowie Medienkompetenz im Vordergrund. „Es geht darum, die digitale Welt näher zu bringen, nicht nur auf einer technischen, sondern auch auf einer gesellschaftlichen und auf einer interaktionistischen Ebene. Die Kinder sollen erfahren, wie sich das Digitale auf die Gesellschaft auswirkt, welcher Wandel dadurch passiert und auf welche Herausforderungen man trifft,“ erklärt Cantele.
Bei der Vermittlung dieser Inhalte hat er einigen Spielraum. „Der Lehrplan lässt mir hier viele Freiheiten, was ich persönlich sehr cool finde. Ich kann mir meine Themen de facto aussuchen und so sehr auf die Lebenswelt der Kinder eingehen. Unlängst haben wir etwa über Dark Patterns gesprochen – also wie Websites und Apps Nutzer zu unbeabsichtigten, oft nachteiligen Handlungen drängen. Dabei können die Kinder gleich ihre eigenen Handyspiele analysieren, während ich ihnen die Mechanismen dahinter erkläre.“
Eine Herausforderung in der Unterrichtspraxis sieht er in der Heterogenität innerhalb der Klasse. „Ich habe zum Beispiel in einer Klasse einen Schüler sitzen, der sich ein Linux-Gerät selbst eingerichtet hat. Und dann habe ich auf der anderen Seite wieder Kinder, die in der Schule zum ersten Mal überhaupt einen Laptop in die Hand bekommen.“ Auch seien Projekte sowie Ausflüge wichtiger Teil des Unterrichts, doch die eine Stunde DGB pro Woche sei dafür sehr wenig. „Den gesamten Lehrplan in einem Jahr unterzubringen sowie den Unterricht abwechslungsreich zu gestalten ist dann natürlich ein Drahtseilakt.“
Lehrer Cantele staunt zudem selbst immer wieder darüber, was den Schülerinnen und Schülern eigentlich alles schon bewusst ist. „Wir haben auch über den Beruf der Influencer gesprochen und darüber, dass diese ihnen Dinge verkaufen wollen. Darauf meinten die Kinder nur lapidar: ‚Ja eh, das wissen wir‘. Es ist also nicht so, als wäre ihnen das nicht klar – bis zu einem gewissen Grad ist es ihnen aber egal.“
Rund sechs Stunden pro Tag am Handy
Das käme wohl daher, dass nun jene Generation unterrichtet wird, die von klein auf mit einem Smartphone und mit den sozialen Medien aufgewachsen ist. „Das alles ist ein integraler Bestandteil ihrer Lebenswelt und hat daher eine gewisse Selbstverständlichkeit, auch wenn sie es nicht unbedingt gutheißen. Aber sie denken sich eben: Was soll's.“ Seiner Erfahrung nach setze das kritische Hinterfragen von Online-Inhalten erst im späteren Alter ein, etwa ab der Oberstufe.
Und wie sieht es mit dem insgesamten Handykonsum aus? Bei einer Blitzumfrage, die der Lehrer vor dem Gespräch mit dem KURIER durchgeführt hat, gaben 80 Prozent seiner Klasse an, das Smartphone pro Tag sechs Stunden oder mehr zu benutzen. Außerhalb des Unterrichts aber, denn an seiner Schule geben die Kinder in der Früh das Handy ab und bekommen es beim Nachhausegehen wieder – das sei bei ihnen schon immer so gewesen. Im Gegensatz zu manch anderen Schulen wurde bei ihnen Wir das Handyverbot schulautonom schon vor einigen Jahren eingeführt, erzählt Cantele.
Für ein effektives Loskommen vom Sog der Social-Media-Apps bräuchte es seiner Ansicht nach konkrete Planung, das gehe nicht von heute auf morgen. Das könne die Schule alleine nicht leisten, die Eltern seien hier gefragt. "Man muss die Kinder auf diesen 'Entzug' vorbereiten und schon im Vorfeld Alternativen aufzeigen. Denn wenn sie es gewohnt sind, dauernd mit dem Smartphone in der Hand zu sitzen und so Ablenkung zu finden, verlernen sie die aktive Freizeitgestaltung ohne. Da brauchen sie Unterstützung."
UNO-Karten statt Social Media
Er persönlich heißt das Social-Media-Verbot bis zum 14. Lebensjahr gut. Den positiven Effekt davon sieht der Lehrer täglich in seinen Klassen.
„Es ist ein schöner Anblick, wenn die Kinder in der Pause miteinander UNO spielen, statt wie die Zombies am Handy zu kleben. In einer Klasse ist sogar eine richtige Karten-Diplomatie entstanden! Das sind gute Momente, auch wenn es dabei lauter wird – aber es ist sozialer. Kinder sollten miteinander interagieren, miteinander reden und Spaß haben. Social Media erzeugen wahnsinnig viel Stress, allein durch die Mobbing-Möglichkeiten und die Vergleich- und Bewerte-Mentalität. Die Schule gibt ihnen eine Pause davon – und wird so vielleicht auch als etwas Schönes und Entspannendes empfunden.“
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