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Neues Schulfach für KI: „Die Zukunft ist nicht so weit weg“

Künstliche Intelligenz (KI) zieht als Schulfach in den Lehrplan ein. Ein dringend notwendiger Schritt, um Kinder zu „digitalen Gestaltern“ zu machen, heißt es von Expertenseite.
Eine Gruppe von Studenten arbeitet an ihren Laptops in einem Klassenzimmer.

Vor 30 Jahren ging kurier.at online. Das Fach Informatik gibt es sogar schon länger – wir werfen einen Blick in die digitale Zukunft der Schulen. Weitere Texte zum Jubiläum, mit Ein- und Ausblicken zu kurier.at finden Sie an dieser Stelle. 

"Es wird immer schwieriger, wahr von falsch zu unterscheiden", sagte Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) im Jänner in einem Video auf Instagram. Die Rede war von künstlicher Intelligenz. 

KI wurde in Schulen bislang vor allem als Arbeitsmittel genutzt. Das soll sich nun ändern: Im Stundenplan der AHS-Oberstufen wird "Künstliche Intelligenz" ab dem Wintersemester 2027/28 mit Informatik als eigenes Schulfach eingeführt.

Warum es essentiell ist, dass Kinder die KI nicht nur benutzen können, sondern sie auch verstehen, wie digitale Kompetenz Chancengleichheit schafft und warum Informatik ein eigenes Maturafach sein sollte, erklärt Roderick Bloem, Professor für Informatik an der TU Graz und Vorsitzender von Informatik Austria.

Welchen Stellenwert hatte des Schulfach Informatik bisher – und was ändert sich nun daran durch die Einführung des neuen Fachs "Informatik und Künstliche Intelligenz"?

Informatik gibt es bereits seit 40 Jahren als Schulfach, also länger als zum Beispiel kurier.at. Die Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aber rasant geändert, und sie wird es weiterhin tun. Informatik ist ein wichtiger Teil der Allgemeinbildung geworden. Leider hatten wir beim Unterrichtsfach bislang einen Reformstau, auch wenn es immer wieder Anpassungen gab. Ich bin daher froh, dass wir mit den nun beschlossenen Neuerungen einen Schritt in das 21. Jahrhundert machen.

Es gibt bereits das Schulfach "Medienkompetenz", während KI in den Schulen bisher vor allem als Arbeitsmittel genutzt wurde. Warum braucht es ein eigenes Fach über KI?

Weil wir in Europa nicht nur Konsumenten von Technologie sein wollen, sondern auch Gestalter. Wenn wir nicht verstehen, wie man sich aktiv in der digitalen Welt bewegt, müssen wir alles stets importieren und bleiben abhängig von außen. Es bräuchte Informatik daher durchgehend als Pflichtfach, in allen Schularten, von Volksschule bis Matura. In anderen Ländern wird das schon umgesetzt: China hat beispielsweise letztes Jahr angekündigt, KI in allen Schulstufen zu verankern. Ich glaube, das wäre auch für Europa wichtig.

Roderick Bloem

"Wer junge Menschen auf qualifizierte Berufe vorbereiten will, braucht ein maturables Fach Informatik", so Roderik Bloem von Informatik Austria.

Inwieweit werden das geplante Fach und das bereits bestehende Fach „Medienkompetenz“ zusammenhängen? 

Medienerziehung ist ein kommunikationswissenschaftliches Fach. Informatik ist ein Mint-Fach – also Mathematik, Naturwissenschaften, Technik – und befasst sich mit Fragen wie: Wie modellieren wir die Welt mit digitalen Daten? Wie macht man daraus neues Wissen? Eine wichtige Überschneidung ist die Ethik. Wir können nicht so tun, als ob Technologie keine ethische Wertigkeit mitträgt. Ethik wird bereits in der Mediendidaktik unterrichtet und wird in der Informatik in Zukunft auch ein wesentlicher Aspekt sein. Denn natürlich ist Technologie lustig und interessant, aber man kann sich nicht rein darauf beschränken. Man muss auch ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft berücksichtigen und darüber nachdenken, wie man was entwickelt – und wer entwickelt. Denn technologisches Wissen darf man nicht nur einer kleinen, privilegierten Gruppe der Gesellschaft überlassen.

Was sehen Sie noch als große Herausforderungen für das neuen Schulfach „Informatik und Künstliche Intelligenz“?

Genug gut ausgebildete und begeisterte Lehrer und Lehrerinnen dafür zu finden. Das ist noch ein schwieriges Problem, das muss man ehrlich sagen. 

Ist sich die Bundesregierung dieser Herausforderung entsprechend bewusst?

Die Bundesregierung weiß das meiner Meinung nach sehr genau. Die Lösungen sind vielleicht weniger klar.

Würden Sie sich "Informatik und Künstliche Intelligenz" als eigenes Maturafach wünschen?

Auf jeden Fall. Wir sollten Informatik spätestens ab der AHS durchgehend bis zur Matura als Pflichtfach unterrichten. Denn um damit wirklich die Welt gestalten zu können, braucht es viel Übung. Das erlernt man nicht in drei Jahren zu jeweils einer Wochenstunde.

Was müssen Eltern in punkto KI und digitale Kompetenz erzieherisch leisten? 

KI ist eine wahnsinnige Chance, man kann von ihr unglaublich viel lernen. Aber nur, wenn man wissbegierig ist und auch lernen will. Das wäre mein erster Appell an Eltern: Neugier bei den Kindern entfachen. Denn wenn man damit auf die Schule wartet, ist es eigentlich schon zu spät.
Die andere Seite ist natürlich, dass KI auch viel Schwachsinn erzählt. Das gilt aber nicht nur für die KI, sondern auch - mit Verlaub - für die Medien, für Politiker oder Universitätsprofessoren. Kinder müssen daher lernen, Aussagen kritisch hinterfragen zu können, egal, von wem sie kommen. Dieser Aspekt der digitalen Kompetenz ist auch eine Aufgabe der Eltern, nicht nur der Schule.

Informatik Austria plädiert dafür, dass Informatik kein „Tool-Fach“ sein soll, sondern eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin. Ist es nicht dringender, Kindern und Jugendlichen den richtigen Umgang mit KI und Co. beizubringen?

Informatik wird weltweit als eigenständige wissenschaftliche Disziplin gesehen und als eigenständiges Schulfach eingeführt. Österreich geht da jetzt keinen Einzelweg. Ich bin davon überzeugt, dass Informatik in Zukunft genauso wichtig sein wird wie Physik oder Mathematik. Und die Zukunft ist nicht weit weg. Daher müssen wir die Kinder jetzt dafür ausbilden: Wie funktioniert die KI? Was kann sie überhaupt lernen? Was kann dabei schief laufen? Denn all das wird in zehn Jahren wieder ganz anders sein als heute, da muss die Bildung mitziehen. 

Im erweiterten Informatikunterricht sollen die Schülerinnen und Schüler außerdem selbst Software entwickeln, testen und verbessern. Ist das nicht schon sehr spezifisch, gerade für die AHS?

Das vollständige Programmieren ist gar nicht die Hauptsache. Es geht eher um die Frage, wie man aus Informationen neues Wissen generieren kann. Sprich, man muss sich überlegen, wie Daten verarbeitet werden – und wie sage ich das meinem Computer? Das sollte man in der Schule ausprobieren können. In punkto digitale Kompetenz geht es beim Lernen um den Weg, nicht um das Ziel. Auch Fähigkeiten wie Kreativität und Problemlösung sind bei Informatik, wie in jedem anderen Unterricht, zentral.

Als Laie denkt man bei "Kreativität" vielleicht nicht sofort an Informatik ...

(lacht) Das sehe ich ganz anders! Es ist ein Fach, bei dem man mit den wenigsten Mitteln wahnsinnig viel bekommt. Die digitale Welt ist eine billige: Ich brauche hier keine Metallfräse, keine Holzsäge, lediglich einen Computer und kann damit sehr viel bauen und ausprobieren. Das logische Denken dabei ist natürlich der Mathematik ähnlich. Ein Unterschied aber: Wenn man in der Mathematik mal nicht weiterkommt, steckt man mitunter fest. In der Informatik hat man das Gerät, das Feedback gib – wenn etwas nicht stimmt, sehe ich das sofort.

Informatik Austria weist auch darauf hin, dass digitale Kompetenz ein "Schlüssel zur Chancengleichheit" ist. Inwiefern?

Nehmen wir als Beispiel die Medizin her: In der medizinischen Forschung wurde Medizin oft von Männern entwickelt. Später ist man überrascht draufgekommen, dass sie für Frauen anders wirkt. So wollen wir das in der digitalen Welt nicht haben, da muss zur Gestaltung jede/r mit dabei sein. Internationale Studien zeigen, dass ein verpflichtender, durchgängiger Informatikunterricht insbesondere Mädchen sowie Kinder aus nicht-akademischen Haushalten stärkt und breiteren Gruppen den Zugang zu technischen und naturwissenschaftlichen Berufen ermöglicht. Blickt man in andere Länder, sieht man, welchen Effekt das Pflichtfach Informatik gerade für Mädchen hat.

Nämlich?

Viele sagen vorher "das interessiert mich nicht", aber sobald sie mit dem Fach in Berührung kommen, merken einige, dass sie Informatik doch spannend finden. Auch die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus akademischen Haushalten und anderen Kindern sind vor Beginn des Fachs groß nachher jedoch fast verschwunden. Diese Demokratisierung des Wissens ist eine Aufgabe, die die Schule leisten muss.

Algorithmen und KI prägen heute nahezu alle Lebensbereiche. Wie verorten Sie diesbezüglich den Wissensstand in Österreich? Ist uns klar, was da noch alles auf uns zukommen wird?

(lacht) Eigentlich nicht. Aber das betrifft nicht nur die Österreicher, es ist niemandem hundertprozentig klar. Denken Sie an früher zurück, als es noch keine Smartphones gab, kein Google Maps, als wir noch nicht über WhatsApp kommuniziert haben. Das alles hätte wir uns vor nicht allzu langer Zeit nicht vorstellen können. Und keiner weiß, wie die Welt in 20 Jahren aussieht. Sie wird auf jeden Fall anders sein. Und nur durch Bildung und die Vermittlung von Skills kann man sich darauf vorbereiten.

Der Arbeitsmarkt der Zukunft wird sehr von KI geformt werden. Sind die Schulen auf diese Änderungen vorbereitet? 

Ich glaube, wir sind noch nicht da, wo wir sein müssten. KI wird immer größer werden, der Arbeitsmarkt wird sich verschieben. Viele Jobs werden einfacher oder effizienter dadurch, manche werden obsolet. Was aber bereits klar ist: Wir werden viele Leute brauchen, die die KI weiterentwickeln können. Wir müssen mit den neuen Technologien mitziehen und in weitere Folge Europa technologisch unabhängig machen. Wir müssen nicht alles selbst machen, aber wir müssen alles selbst können. Daher sollte es unser Ziel sein, Kindern die Fähigkeiten zu geben, diese Entwicklung aktiv mitzugestalten. Und das fängt in der Schule an. Ich glaube, mit der Änderung im Lehrplan sind wir dafür einen ersten Schritt gegangen – wenn auch noch nicht den letzten.

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