Journalismus in 30 Jahren? Ein Blick in die ganz weite Zukunft
Vor 30 Jahren ging kurier.at online. Grund zu feiern und für diese Einschätzung von Sanda Loncar, Andy Kaltenbrunner und Ben Wagner. Weitere Texte zum Jubiläum, mit Ein- und Aublicken zu kurier.at finden Sie an dieser Stelle.
Sanda Loncar ist Head of Digital des KURIER Medienhauses und damit KURIER, Profil und Futurezone. Die Digitalexpertin verantwortet seit Februar 2025 alle digitalen Produkte und Plattformen.
Andy Kaltenbrunner ist Medienwissenschafter und Geschäftsführer des Medienhauses Wien. Seine Forschungsgebiete sind Journalismus in Österreich, Medienkonvergenz und Digitalisierung, Recherche und Neue Medien.
Ben Wagner ist Professor für Menschenrechte und Technologie auf der Interdisciplinary Transformation University Austria in Linz. Wagner forscht zudem zum Wandel der Medien durch KI.
Sanda Loncar: „Wahrscheinlich nicht mehr so bewusst wie heute. Immer weniger Menschen werden aktiv eine Website oder App aufrufen. Inhalte werden zu den Menschen kommen, nicht umgekehrt. Über Sprachassistenten, über gefilterte Feeds, über KI-Zusammenfassungen und über Kanäle, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Die Frage, die uns heute schon beschäftigen sollte, ist, ob wir in diesen neuen Systemen als verlässliche Quelle verankert werden oder nicht.“
Andy Kaltenbrunner: Auf welchen End-Devices kann noch niemand wissen. Mit klarem inhaltlichem Standing als journalistische Marke jedenfalls digital immer und überall. Frühere Printverlage, denen diese Transition nicht schon jetzt gelingt, wird es 2056 auf keinem Kanal mehr geben.“
Ben Wagner: „Die Ausspielformate haben sich verändert und werden sich weiter verändern, aber gleichzeitig kommen alte zurück. Es wird sowohl Podcasts, Videos und Zeitungen geben, als auch Dinge, von denen wir noch gar nichts wissen. Mit KI wird es noch zunehmend Personalisierung geben. Gleichzeitig wird die Erwartung an Zeitungen steigen, schnelle, personalisierte Antworten zu geben. Konkret kann man sich vorstellen, dass es Chatbots geben wird, die auf einzelne RedakteurInnen und deren Artikel-Archiv trainiert sind. Die KI kann dann mit der Sprache der Redakteurin auf die Leser und deren Fragen schnell und personalisiert antworten. Das ist nur, was wir uns jetzt schon vorstellen können.“
Sanda Loncar: „Ehrlich gesagt weiß das niemand. Ich würde nicht darauf wetten, dass es noch alle gedruckten Tageszeitungen gibt, so wie wir sie heute kennen. In 30 Jahren hat sich die Printzeitung neu erfunden. Eher als ein Magazin, ein Wochenprodukt, etwas zum Anfassen als ein bewusstes Erlebnis. Mittelmäßigkeit wird verschwinden. Ein gedrucktes Produkt, das bewegt und Gemeinschaft schafft, wird bleiben. Vertrauen wird in der Zukunft eine noch wichtigere Währung sein als heute. Online wird es weniger klassische Zeitungs-Websites geben, mehr Sprachinterfaces, mehr personalisierte Zusammenfassungen.“
Andy Kaltenbrunner: „Der Begriff Zeitungswesen stand ja ursprünglich für Nachricht allgemein. Das haben wir dann ein paar Jahrhunderte lang als periodisch auf Papier gedrucktes, kuratiertes Weltwissen interpretiert. Aber Printjournalismus wird 2056, falls überhaupt noch irgendeine, höchstens als Liebhaberei in Nischen eine Rolle spielen. Der Begriff Zeitungswesen ist dann vielleicht wieder ein Begriff für allgemeines Nachrichtenwesen. Bestenfalls bleibt darin aber jener unabhängige Journalismus eine Grundlage, der recherchiert, verifiziert, publiziert und diskutiert – aber dafür sicher keine Papiertageszeitungen mehr herstellt. Für guten Journalismus gilt ja schon jetzt: Kanal egal.“
Ben Wagner: „In 30 Jahren wird es vermutlich diversere Formate geben. Es wird unterschiedliche Ausspielmöglichkeiten geben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Aber der Kern, nämlich dass sich Menschen informieren wollen, bleibt gleich. Zeitungen in Print aber auch online, haben Tradition in Österreich, deswegen bin ich sicher, dass es das auch in 30 Jahren noch geben wird.“
Sanda Loncar: „Ich glaube, es wird viel mehr als heute eine Mischung aus mehreren Einnahmequellen sein. Menschen zahlen für Zugehörigkeit zu einer Marke, die ihnen etwas bedeutet, die ihnen das Gefühl vermittelt, besser aufgestellt zu sein. Journalistische Inhalte werden vermutlich für KI-Systeme lizenziert. Live-Formate und Veranstaltungen werden noch wichtiger. Und irgendwann wird die Gesellschaft und die Politik entscheiden müssen, ob sie unabhängigen Journalismus strukturell absichern will oder nicht.“
Andy Kaltenbrunner: „Vor allem über seine Communitys. Da und dort auch über Werbung. Aber der ökonomische Rückhalt wird vor allem jene aktive Öffentlichkeit sein, die wir früher Publikum nannten, die Journalismus als Diskursgrundlage braucht und für ihn zahlt. Es wird vor allem in Kleinstaaten wie Österreich für einen Mindeststandard an Medienvielfalt außerdem parteien- und regierungsferne Unterstützung aus öffentlichen Mitteln geben müssen, weil unabhängiger Journalismus als nationale Kulturfrage und Infrastruktur der Demokratie gesehen wird. Damit wir sachkundig, kultiviert streiten und kluge Entscheidungen treffen können. Sie sehen: Ich gehe von einem lichten Bild von Menschen, Politik und unseres Zusammenlebens aus.“
Ben Wagner: „Ich hoffe, ähnlich wie heute, aber mit einem stärkeren Verständnis für den öffentlichen Wert von Journalismus. Die Frage der Finanzierung durch die öffentliche Hand ist immer schwierig. Ich denke, dass man in den nächsten 30 Jahren Wege findet, um sicherzustellen, dass das öffentliche Interesse des Journalismus bei der Finanzierung stärker im Vordergrund steht. Es wird immer den Bedarf nach Finanzierung aus der öffentlichen Hand geben. Das Schwierige daran ist, darauf zu achten, dass die Politik dabei keine allzu große Rolle spielt.“
Sanda Loncar: „Die Generation, die mit KI aufwachsen wird, wird hungrig nach echtem menschlichem Urteil sein. Sie werden unterscheiden können zwischen dem, was eine Maschine produziert, und dem, was ein Mensch mit Haltung, Erfahrung und Verantwortung schreibt. Dass wir dieses Publikum für uns gewinnen, halte ich für möglich, aber es ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen dieses Publikum verdienen.“
Andy Kaltenbrunner: „Das müssen mir Management und Redaktion des KURIER beantworten. Es liegt an ihnen. Ich sehe den KURIER als General Interest Medienmarke, die Schwerpunkte setzen muss, national und vielfach sehr lokal. Die regionale Unmittelbarkeit ist etwas, wo guter Journalismus auch jetzt schon gegen die aggregierten News-Aufregungsschleudern von Social-Media-Plattformen gewinnen kann. Vielleicht macht aber sogar die beste aller Babelfisch-Übersetzungsideen der Zukunft den KURIER in manchen Sach- und Fachbereichen zu einem Diskursleader in der Galaxis. Ich würde dem KURIER jedenfalls wie anderen österreichischen Medien auch ohne Wunder-Tools mehr internationalen Rollout wünschen. Der zehnmal so große deutschsprachige Markt soll für Österreichs Journalismus nicht nur Wettbewerbsnachteil sein.“
Ben Wagner: „Ich hoffe, die gleichen Menschen, die den KURIER auch heute konsumieren. Unterschiedliche Generationen bevorzugen unterschiedliche Ausspielarten, etwa Generation Facebook, Tiktok, etc. Solange ein Medium mitgeht und die Ausspielarten beherrscht, ist die Zeitung an keine Generation gebunden. Es muss verstärkt auf Videos, Podcast, Tiktok gesetzt werden und mit den technischen Innovationen mitgegangen werden.“
30 Jahre kurier.at
Richtig gute Nachrichten, seit 30 Jahren. Hier finden Sie weitere Artikel zum Jubiläum.
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