Ministerin Köstinger, Kanzler Kurz, Vizekanzler Kogler und  Staatssekretärin Andrea Mayer 

© APA/HELMUT FOHRINGER

Chronik Österreich
05/19/2021

Die inszenierte Rückkehr in die Freiheit

Das Land ist aus dem langen Lockdown erwacht – mit mehr Show und Aufsehen als je zuvor. Ein Streifzug durch das aufgesperrte Österreich.

von Franz Gruber, Stefanie Rachbauer, Stefan Jedlicka, Anja Kröll, Nina Oezelt, Jeff Mangione, Roland Pittner, Elisabeth Holzer, Wolfgang Atzenhofer

Ein Lockdown-Ende gleicht dem anderen – sollte man meinen. Der gestrige Tag der großen Öffnung in Gastronomie, Sport und Kultur hat das Gegenteil bewiesen.

Als der erste harte Lockdown vor rund einem Jahr zu Ende war, sperrte das Land schlicht und einfach auf. Ohne Spektakel. Dieses Mal nutzte die Politik die Rückkehr in die Freiheit als Foto-Kulisse, Gastronomen setzten ihre Lokale mit ausgefallenen Ideen in Szene – und die Gäste, die spielten vielerorts bereitwillig mit. Die niedrige 7-Tage-Inzidenz von nur 57,9 Fällen pro 100.000 Einwohnern passte da gut ins Bild.

Ein Streifzug durch das aufgesperrte Österreich.

5.15 Uhr, Wien, Donaukanal

Irgendeiner muss immer der Erste sein. Und weil Philipp Pracser seine Beach Bar „Blumenwiese“ am Donaukanal keine Minute länger als vorgeschrieben zu lassen wollte, macht er heute den Anfang: Um 5 Uhr in der Früh startet das „Sunrise-Opening“ mit Ansprachen, DJ, Helium-Ballonstart – und gehörig Tamtam: „Alles Gastro“, ruft Pracser, als er die Schnur seines Ballons loslässt.

„Urgeil“ findet er die Öffnung. Seine rund 100 Gäste wohl auch. Es wird mehr Bier als Kaffee getrunken, dazu Tequila. Wieder in einem Lokal zu sitzen, euphorisiert.

Ähnlich gut ist die Stimmung zeitgleich im weststeirischen St. Josef. Das Gourmetlokal Broadmoar macht dem Donaukanal Konkurrenz – und hat ebenso früh geöffnet. Statt Tequila gibt es freilich Kreationen aus der Haubenküche.

 

6.55 Uhr, NÖ/Stmk, Fitnessstudio

Zwei Senioren stehen vor einem Fitnessstudio am Stadtrand von Ybbs an der Donau. Kurz nachdem es um 7 Uhr aufgesperrt hat, sitzt eine 84-jährige Stammkundin bereits auf dem Ergometer. Schlimm sei es ihr im Lockdown gegangen, sagt sie: „Lauter blödes Kopftheater.“ Endlich wieder ins Studio zu können, das sei eine Befreiung.

Ähnliches denkt eine andere Fitnessstudio-Kundin zur gleichen Zeit in Graz: „Alleine fehlt einem ein bisschen die Motivation. Hier wuseln alle herum. Das Schönste ist das Gefühl nach dem Training, etwas getan zu haben.“

 

8.00 Uhr, Kärnten, Teststation

An Teststationen quer durchs Land herrscht in der Früh ebenfalls Hochbetrieb – etwa in Obervellach im Mölltal. „Für einen Mittwoch ist heute wahnsinnig viel los“, sagt einer der Rot-Kreuz-Mitarbeiter, der die Tests durchführt. „Wir lernen heute ganz neue Leute kennen. Alle, die ins Gasthaus gehen wollen und davor noch nie bei uns waren.“

8.45 Uhr, Wien, Kaffeehaus

Im Café Frauenhuber in der Innenstadt bekommt der Wiener Wirtschaftskammer-Präsident Walter Ruck nicht nur den ersten, sondern auch den falschen Kaffee serviert. Ärgerlich. Immerhin hat man eine Heerschar an Journalisten hierher beordert. Zum Posieren mit Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) taugt die Melange gerade noch. Trinken will Ruck dann aber doch etwas anderes. Einen Espresso. So wie Ludwig.

Ebenso einig wie beim Kaffee sind sich die beiden dann in ihrer Begeisterung über die Öffnung: Wieder ins Kaffeehaus gehen zu können, sei „eine große Freude“, betonen sie. Diesen Satz wird man heute noch öfter hören.

 

9.33 Uhr, Oberösterreich, Parkbank

Eine junge Frau sitzt auf einer Parkbank vor dem Linzer Landhaus – und frühstückt. Sie hat keinen Lokalbesuch geplant. „Ich beobachte die Lage einmal“, sagt sie. Sie habe sich erwartet, dass in den Lokalen viel mehr los sein werde: „Man sieht dort aber nur wenige Personen – und fast nur ältere.“ Und es stimmt: In der Innenstadt sind viele Passanten unterwegs, die Gastgärten und Gasträume sind aber großteils leer. Wie die Frau auf der Bank warten wohl mehrere ab. „Die nächsten Tage werde ich bestimmt wohin gehen“, sagt sie.

11.19 Uhr, OÖ, Grottenbahn

Eine Seniorin verlässt mit ihrer Enkelin die Grottenbahn am Linzer Pöstlingberg. Auch für die Freizeiteinrichtungen war es heute der erste Tag. „Meine Enkeltochter hat mich bei meiner zweiten Corona-Impfung betreut. Jetzt habe ich ihr versprochen, dass wir zu den Zwergerln schauen“, erzählt sie.

Die beiden sind Stammgäste: Die Öffnung haben sie – wie andere Besucher an diesem Vormittag auch – herbeigesehnt: „Vor Betriebsbeginn um 10 Uhr haben bereits die ersten zwei Familien am Gittertor gewartet“, sagt Grottenbahn-Leiterin Barbara Kaiser-Anzinger.

11.40 Uhr, Wien, Freibad

Im Schönbrunner Bad ist man noch nicht ganz auf den Saisonstart vorbereitet: Am Beckenrand werden noch Fliesen verlegt. Eine der Schwimmerinnen im 50-Meter-Becken hat sich den Tag extra freigenommen. „Normalerweise gehe ich drei Mal die Woche schwimmen. Im Oktober habe ich einen Brustschwimmkurs in der Stadthalle gemacht. Jetzt kann ich endlich wieder üben“, sagt sie. Die Luft hat 15 Grad, das Wasser 23 Grad – perfekt, wie die Frau findet.

Die ersten Längen der Saison hat der Wiener Gesundheits- und Sportstadtrat Peter Hacker (SPÖ) um diese Zeit bereits hinter sich: Er testete das neue 50-Meter-Becken im Stadionbad – und postete einen Videoclip davon auf Facebook.

 

12.28 Uhr, NÖ, Einkaufszentrum

Die Kunden des asiatischen Restaurants Oishii im Wiener Neustädter Einkaufszentrum Fischapark haben sich wohl noch nicht so ganz an die neue Freiheit gewöhnt.

Vor dem Lockdown haben sich die Gäste dort sogar angestellt – doch nun bleiben die Warteschlangen aus. „Die Leute haben während des Lockdowns viel ,to go‘ bestellt, und das ist auch heute so“, sagt Inhaber Jinhua Zhu. „Ich hoffe, dass sich das bald wieder ändert.“

12.46 Uhr, Wien

Ulf und Inge feiern beim Würstelstand „Leo“ unweit der Müllverbrennungsanlage Spittelau Inges Corona-Impfung. Mit Gösser aus der Dose und Wieselburger aus der Flasche – und ihrer Hündin „Lady“. Die beiden haben auch im Lockdown jeden Tag bei dem Würstelstand vorbeigeschaut. Jetzt dürfen sie dem Standler auf Dauer wieder näher kommen als 50 Meter. Man spricht über Corona, das Wetter und auch über Politik. Der Standler und seine Gäste verstehen einander: Als Ulf Bier nachbestellt, hebt er nur kurz die Dose.

13.00 Uhr, Wien

Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) verweigert das Signature Dish des Schweizerhauses im Prater: Die Schweinstelze sei ihm heute „zu schwer“, lässt er

die versammelten Journalisten bei der Lockdown-Ende-Zusammenkunft mit Bundeskanzler Sebastian Kurz, Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (beide ÖVP) und der grünen Kultur-Staatssekretärin Andrea Mayer wissen. Letztere geben sich da weniger wählerisch. Der Öffnungstag sei ein „Tag der Freude“, betonte man.

Bevor es zu Speis und Trank geht, müssen sich die vier allerdings noch mit Regierungskritikern auseinandersetzen: Nebst kritischen Fragen sind immer wieder „Kurz muss weg“-Rufe zu hören. Die Polizei bringt zwei Covid-Skeptiker zu Boden, eine bekannte Vertreterin der Protestierer versucht, den Presseauftritt der Regierungsspitze zu stören – erfolglos.

14.57 Uhr, Burgenland

Wirt Alfred Simon ist mit Kellnerin Kiara alleine in seinem Gasthaus in Unterschützen. „Heute waren hauptsächlich meine Stammgäste hier, die geimpft sind, aber sonst gab es keine Gäste“, erzählt er.

Doch der Gastronom lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Bis das Mittagsgeschäft nach dem vergangenen Lockdown angelaufen sei, habe es auch etwas länger gedauert.

Es dauere eben, „bis die Leute Gasthäuser wieder am Schirm haben“, sagt er. „Das Bier ist jedenfalls schon angezapft, zwei Krügerl hab ich schon verkauft.“

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