© Michaela Reibenwein

Chronik Österreich
11/09/2021

Brisanter Strafprozess um Gas-Explosion in Baumgarten

Die Explosion in der Gas-Pumpstation Baumgarten vor vier Jahren wird nun vor Gericht aufgerollt. Zwölf Beschuldigte sollen den Unfall fahrlässig verursacht haben, die Vorwürfe werden bestritten.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber, Patrick Wammerl

„Der gegenständliche Unfall resultiert grosso modo aus unklaren Zuständigkeiten, mangelhaften Anweisungen und fehlender Dokumentation, sowie aus dem großen Vertrauen, welches die einzelnen Akteure aufgrund langjähriger Erfahrung in ihre Partner hatten“, heißt es in dem 271 Seiten starken Strafantrag, sprich einer Anklage vor dem Einzelrichter. „Die beteiligten Unternehmen und Personen vertrauten einander blind. Sie verließen sich aufeinander, ohne genau zu wissen, wer eigentlich wofür zuständig ist – eine tödliche Kombination.“

Die Rede ist von der Gasexplosion in der Verdichteranlage der Pumpstation Baumgarten an der March am 12. Dezember 2017, bei der ein TÜV-Techniker getötet und 22 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Der Sachschaden wurde laut Justiz mit etwa 50 Millionen Euro beziffert.

Am 23. November wird das Brand-Inferno nun am Landesgericht Korneuburg aufgerollt. Zwölf Personen wird im Strafantrag die fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst mit Todesfolge vorgeworfen. Den Beschuldigten drohen bis zu drei Jahre Haft. Gegen vier Unternehmen, welche die Beschuldigten beschäftigen, beantragte die Staatsanwaltschaft Geldbußen. Zwölf Verhandlungstage sind anberaumt. Die Vorwürfe werden bestritten.

Fehlender Bauteil

Im Mittelpunkt des Prozesses steht ein sogenannter Filterseparator, sprich ein Gerät, das Feuchtigkeit aus den Gasleitungen filtert. Mitarbeiter einer Rohrtechnik-Firma sollen das Gerät 2016 in einer Anlage in Kärnten abgebaut haben, „wobei ein sicherheitsrelevanter Bauteil unsachgemäß demontiert wurde“.

Im Herbst 2017 wurde das Gerät dann in die Anlage der Gas Connect Austria (GCA) in Baumgarten installiert, „ohne dass das fehlende Bauteil den entsprechenden Eingangs- und Schluss-Prüfungen unterzogen oder formell freigegeben worden wäre“, heißt es in der Anklage.

Und weiter: „Das Gerät wurde von Mitarbeitern der TÜV Austria Services geprüft, ohne dass das fehlende Bauteil aufgefallen wäre“. Außerdem soll die Dokumentation über die Prüfungen „äußerst mangelhaft erfolgt“ sein. Auch die GCA soll die nach rechtlich-technischen Normen gebotenen Prüfungen nicht durchgeführt haben. Außerdem wurde ein Großteil der Prüfaufgaben an einen Dienstleister ausgelagert.

Schwere Vorwürfe

Die GCA soll das Gerät mit ca. 50 Bar Erdgas gefüllt haben, „ohne dass die notwendigen Voraussetzungen vorgelegen“ sein sollen, heißt es in der Anklage weiter. „Durch die nicht plankonform verschraubte Zentralschraube, den fehlenden Sicherheitszentralhebel, die unzulässig aufgeschraubte Druckkappe am Schnellverschluss und die nicht vorhandene Sicherung des Schnellverschlusses soll der 700 Kilogramm schwere Filterdeckel abgerissen und auf einen gegenüberliegenden Filterseparator geschleudert“ worden sein.

Aus beiden Filterseparatoren trat nun unter hohem Druck Gas aus, das sich zu einer 200 Meter langen Fackel entzündete. Der Druck des unterirdisch austretenden Gases war so hoch, dass so viel Erde aufgewirbelt wurde, dass „die Überlebenden glaubten, sie befinden sich in einem Sandsturm“.

Die GCA weist jede Schuld von sich. So habe die Inbetriebnahme des Filterseparators damals noch gar nicht stattgefunden, da sich der Unfall bereits bei der Prüfung des TÜV ereignete. Selbst in der Anklage wird angeführt, dass sich die GCA auf die „ordnungsgemäße Durchführung der Arbeiten durch die beauftragten Unternehmen verließ“.

Andere Unfallursache?

Die Rohrtechnikfirma behauptet, dass der fehlende Sicherungshebel und die nicht vollständig eingeschraubte Zentralschraube gar nicht Ursache des Unfalls seien, sondern eine Explosion im Inneren des Filterseparators. Und auch der TÜV Austria bestreitet die Vorwürfe. Unfallursache seien der demontierte Sicherungshebel und die nicht korrekt montierte Zentralschraube gewesen, aber das sei vom TÜV nicht zu prüfen gewesen.

Schuldfrage klären

Der renommierte Verteidiger Manfred Ainedter vertritt die Familie des getöteten TÜV-Technikers. Er findet, dass die Staatsanwaltschaft den Fall „akribisch aufgearbeitet hat und nichts dem Zufall überlassen wurde“. Ainedter: „Es ist in der Causa sicher auszuschließen, dass es sich bei der Explosion um höhere Gewalt handelt. Die Schuldfrage wird im Verfahren zu klären sein.“

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