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Chronik Burgenland
08/11/2019

Verbauungs-Pläne: Warum sich der Neusiedler See auf seinen Schilfgürtel verlassen kann

Der Neusiedler See nimmt in Österreich eine Sonderstellung ein. Aber auch im Burgenland wird über Nutzung und Verbauung diskutiert.

von Michael Pekovics

"Für mich ist das hier der wahre Neusiedler See: wild, charmant, naturbelassen." Franz Igler aus Wien ist oft in Jois zum Baden oder Segeln. Andere Strandbäder besucht er nicht. Aber nicht deshalb, weil es in Jois keine Infrastruktur gibt und der Eintritt gratis ist. "Sondern weil es mir hier am besten gefällt und der Trubel nicht so groß ist wie in anderen See-Gemeinden."

Dennoch kommt es in Jois wie auch in anderen am Seeufer liegenden Orten regelmäßig zu Diskussionen, wenn Bauprojekte geplant sind oder umgesetzt werden.

Dabei handelt es sich einerseits um touristische Projekte, aber auch um die Schaffung von Eigentum – für meist gut situierte Anleger oder Zweitwohnsitzer, die zwar keine Einnahmen bringen, aber Kosten verursachen, und  die ohnehin schon knappen Uferflächen weiter verringern.

Bevölkerung wünscht sich öffentliche Seezugänge

Den Anrainern brennt dieses Thema unter den Nägeln. Bei einer Haushaltsbefragung im Zuge der Erstellung eines Masterplans für den Neusiedler See, in Auftrag gegeben von Alt-Landeshauptmann Hans Niessl, sprachen sich 89 Prozent für die Schaffung beziehungsweise Erhaltung von öffentlichen Seezugängen aus. Ähnlich die Ergebnisse einer KURIER Umfrage: 71 Prozent gaben an, dass ihnen ein kostenfreier Zugang „sehr wichtig“ wäre.

Nun ist der Neusiedler See aber speziell und nur bedingt mit anderen Gewässern in Österreich vergleichbar. Als größter Steppensee Europas bietet er Lebensraum für eine einzigartige Flora und Fauna, das garantiert sowohl seinen seit 1992 gesetzlich verankerten Status als Nationalpark als auch jenen als Welterbestätte. Nahezu das gesamte Areal ist im Besitz der Stiftung Esterházy sowie – in kleinen Teilen – der Ufergemeinden.

Die Rechercheplattform Addendum hat unlängst die Uferflächen der größten österreichischen Seen untersucht und herausgefunden, dass nur 8 Prozent des Neusiedler Sees öffentlich zugänglich sind, 13 Prozent befinden sich in Privatbesitz. Der überwiegende Teil (79 Prozent) gehört der Natur und das liegt am Nationalpark: Die Ufer sind großteils geschützt  – einerseits durch Auflagen, andererseits durch das Schilf, das eine  Nutzung ohnehin verunmöglicht.

Baden ist nur in Jois kostenlos

Ähnlich verhält es sich mit den Seezugängen. Derer gibt es nur wenige, entlang des österreichischen Ufers stehen sieben Seebäder zur Verfügung. Illmitz punktet mit feinem Sand und setzt so wie Rust, Podersdorf, Weiden, Neusiedl, Mörbisch oder Breitenbrunn auf Angebote für Familien. Kostenfrei ist der Badespaß aber nur für  mit der Neusiedler See Card ausgestattete Touristen mit Unterkunft in den jeweiligen Mitgliedsbetrieben. Die Anrainer der See-Gemeinden müssen in der Hauptsaison zahlen – von 2,50 Euro pro Tag in Illmitz bis zu 5,5 Euro in Rust oder Mörbisch.

Der achte und einzig kostenlose Seezugang befindet sich in Jois. Versorgt werden die Gäste von einem im Liegebereich platzierten Wagen, daneben gibt es das Restaurant „Die Seejungfrau“. Pächter Herbert Wagner weiß um die Vorzüge in Jois Bescheid: „Bei uns ist es idyllisch und ruhig. Im Sommer ist mehr los, aber die Natürlichkeit bleibt spürbar.“

Einen Ausbau der Infrastruktur wünscht sich der Pächter des ganzjährigen Betriebes nicht: "Dann wäre es mit der Ruhe vorbei." Genau dieses in Jois unerwünschte rege touristische Treiben ist allerdings in vielen anderen See-Gemeinden die Wunschvorstellung, schließlich bringen viele Gäste mehr Geld in die Region.

Projekte in Österreich und Ungarn geplant

Deshalb sind Flächen in Ufernähe, auf denen gebaut werden darf, heißt begehrt. Nur die sind rar. Nach einer Welle von Projekten vor zwei Jahren – „Am Hafen“ in Neusiedl am See, das Restaurant „Das Fritz“, die Inselwelt Jois und die Villen in Oggau – dürfte die Bautätigkeit demnächst wieder zunehmen. Das hat nicht nur mit dem von Ungarn geplanten 75 Millionen Euro teuren Projekts in Fertörakos zu tun, wo das ungarische Seeufer mit einem Hotel mit 100 Betten und Anlegeplätze für rund 800 Boote touristisch genutzt werden soll.

Auch in der Bezirkshauptstadt Neusiedl am See soll das ehemalige Seerestaurant für 15 Millionen Euro in ein Hotel umgebaut werden.

Das wird wieder für Diskussionen über den Verlust der Naturbelassenheit sorgen – ob diese wild oder charmant geführt werden, ist derzeit noch offen.

Rückblick ins Jahr 1999: Das waren Neusiedl, Podersdorf und Weiden am See

Anhand des Geodatenservice des Landes lassen sich Luftbilder aus dem Jahr 1999 mit aktuellen Aufnahmen vergleichen. Exemplarisch wurden dafür drei Gemeinden ausgewählt - Neusiedl, Podersdorf und Weiden am See.

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