„Am Hafen“ bei der Mole West in Neusiedl am See wird eifrig gebaut. Künftig dürfen Freizeitwohnsitze nicht in touristisch gewidmeten Gebieten gebaut werden.

© Michael Pekovics

Chronik Burgenland Aus Ihrer Region
07/20/2019

Beton oder Schilf: Wie viel Verbauung verträgt der Neusiedler See noch?

Ungarns Millionenprojekt in Fertörákos wirft auch in Österreich die Frage auf, wie weit die touristische Nutzung gehen darf.

von Michael Pekovics

Der Neusiedler See ist der touristische Motor des Burgenlandes. 1,5 Millionen Übernachtungen wurden 2018 im Bezirk registriert, knapp mehr als die Hälfte des gesamten Bundeslandes. Angesichts der wachsenden Branche stellt sich die Frage, wie weit die touristische Nutzung des großen Steppensees gehen darf, ohne die einzigartige Flora und Fauna zu gefährden. Und nicht nur das, auch Immobilienprojekte werden derzeit heiß diskutiert.

Der Status als Weltkulturerbe ist angesichts des in Ungarn geplanten Megaprojekts in Fertörákos jedenfalls bereits gefährdet. Das World Heritage Center der Unesco hat bereits eine Stellungnahme der ungarischen Vertretung angefordert. Bisher gibt es zum Hafen- und Hotelprojekt in Fertörákos kaum offzielle Informationen – weder für Medien noch für die Politik. Nach einem KURIER-Bericht nahmen allerdings die ungarischen Behörden Kontakt mit der burgenländischen Landesregierung auf. Auch in Ungarn wird im Vorfeld der Kommunalwahlen über die Umweltverträglichkeit des Projekts diskutiert.

Burgenlands Tourismusdirektor Hannes Anton versteht, dass die östlichen Nachbarn ein Stück vom Kuchen haben wollen. Er teilt die Bedenken um den auch für ihn zentralen Weltkulturerbestatus, sieht aber den Plafond für die touristische Nutzung des Neusiedler Sees noch nicht erreicht. „Nicht alles zubauen, aber Entwicklung zulassen“, lautet sein Ansatz. „Projekte in Ungarn kann man nicht verhindern, aber wir können besser werden.“ Die Nachfrage sei ebenso vorhanden wie Nachholbedarf bei der Infrastruktur, etwa moderne Unterkünfte.

Am Ufer: Wohnen oder Urlaub?

Für Diskussionen sorgten zuletzt allerdings weniger Hotelprojekte als der Bau von Wohnungen durch private Investoren in Ufernähe; konkret deren Nutzung als Haupt- oder Zweitwohnsitz beziehungsweise privat oder (teils) gewerblich.

Im ab 1. August gültigen neuen Raumplanungsgesetz hat das Land drei Bereiche für die Nutzung von Bauland Fremdenverkehrsgebiet definiert. Diese Flächen rund um den See sind nämlich rar und sollen nicht für Eigentumsprojekte, sondern für die gewerbliche Nutzung, also den Tourismus, vorgesehen sein. „Freizeitwohnungen fallen definitiv nicht unter die Kategorie Tourismus, aber bestehende bleiben“, sagt der für die Raumplanung zuständige Peter Zinggl. Das Land prüfe derzeit alle bestehenden Widmungen rund um den See.

Das neue Gesetz ist Teil des Masterplans Neusiedler See, der gegen Ende des Jahres präsentiert wird und die künftigen Regeln für die Entwicklung am, im und rund um den See festlegen soll. „Es geht in die Richtung, dass Entwicklung zugelassen wird“, freut sich Tourismusdirektor Anton, der die intakte Natur ebenso wie für die Umwelt zuständige Landesrätin Astrid Eisenkopf (SPÖ) essentiell für den Tourismusstandort hält. Die sieht Potenzial für „neue Projekte im gehobenen Bereich“, aber gesteuert: „Wildwuchs will niemand.“ Auch die Bevölkerung nicht. Im Rahmen einer Befragung sprachen sich 83 Prozent für freien Seeblick und die Unesco Welterbestätte aus, für drei Viertel ist der freie Zugang zum See „sehr wichtig“.

Ungarn macht mit Projekt Ernst

Auf burgenländischer Seite ist das Bekenntnis zum Naturschutz vorhanden. Wie aber Ungarn angesichts des Projekts mit Hafen für 500 Liegeplätze, Hotel und Freizeitpark dazu steht, ist offen. Eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung wurde abgelehnt. Gegenüber dem ORF gab Bela Karpati, Direktor der Errichtergesellschaft, bekannt, dass die Investition der internationalen Rechtslage entspreche, alle Umweltschutzgenehmigungen vorhanden seien und man weiter nach geltendem Recht vorgehen werde.

Nationalpark will Marke stärken

Der mit Ungarn grenzüberschreitende Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel wurde 1993 gegründet und hat eine Gesamtfläche von etwa 300 Quadratkilometern, davon liegt rund ein Drittel  auf österreichischem Staatsgebiet. Beim Neusiedler See wiederum (ungarisch Fertő tó, fertő bedeutet „Sumpf“) ist der Anteil umgekehrt, mehr als zwei Drittel (230 Quadratkilometer) liegen auf österreichischer, ein Drittel auf ungarischer Seite.

Gemeinsam mit dem Verein nordburgenland plus wurde das Projekt „Blickpunkte Nationalpark“ initiiert. 300.000 Euro sollen in die Stärkung und Weiterentwicklung der Marke investiert werden. Mit dem Motto „So gut. So weit.“ soll sowohl geworben, als auch das regionale Bewusstsein in der Region gestärkt werden. „Die breite Akzeptanz der Bevölkerung  ist die Königsdisziplin eines Nationalparks“, sagt Direktor Johannes Ehrenfeldner. Die zentrale Werte seien: Natur ist Lebensgrundlage, Qualität im Tun und Entwicklung mit Maß und Weitblick.

Mit einer ganztätigen Veranstaltung für die Bevölkerung soll die Integration des Schutzgebietes ins regionale Bewusstsein vorangetrieben werden. Um einen besseren, sprich zeitgemäßen, Auftritt nach außen zu haben, wird die Homepage des Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel überarbeitet und neu für die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet. Denn eines ist den Verantwortlichen bewusst: Das Image des Nationalparks ist schon gut, kann aber noch besser werden.