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Von 180 auf 40: Wie die letzten Sodalacken gerettet werden sollen

Im Seewinkel gibt es noch etwa 40 Salzlacken. Laut Nationalparkdirektor Johannes Ehrenfeldner befinden sie sich „allesamt in einem schlechten Zustand“.
Trockenes Feuchtgebiet mit Salzkruste, Schilfgras und einer Wasserfläche im Hintergrund.

In einem Hochsommer wie diesem liegt mancher Lackenboden im Seewinkel rissig und trocken unter der Sonne. Kein Wasser, keine spiegelnde Fläche, kein sichtbares Leben. Was wie das Ende eines Gewässers aussieht, gehört bei den Sodalacken zunächst zum natürlichen Kreislauf. „Das ist nichts Böses“, sagt Johannes Ehrenfeldner, Direktor des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel. Gefährlich wird es erst, wenn das Wasser dauerhaft ausbleibt und der Lackenboden den Kontakt zum Grundwasser verliert.

Genau das geschieht immer häufiger. Vor rund 150 Jahren gab es im Seewinkel noch etwa 180 Sodalacken. Heute sind nur noch rund 40 übrig. Und diese befinden sich laut Ehrenfeldner „allesamt in einem schlechten Zustand“. Der Grundwasserstand liegt in Teilen der Region derzeit nur etwa 20 Zentimeter über dem Tiefststand des Jahres 2022 – weit entfernt von jenem Niveau, das die Lacken benötigen.

Die Gewässer speisen sich aus Niederschlag, ihre besondere Funktionsweise hängt aber vom Grundwasser ab. Über die Kapillarwirkung gelangen Salze aus tieferen Bodenschichten an die Oberfläche. Verdunstet das Wasser im Sommer, kristallisieren sie im Lackenboden aus. Das Salz hilft gemeinsam mit Bakterien, Pflanzenmaterial abzubauen. So wird verhindert, dass sich organische Substanz ansammelt und die Lacke verlandet.

Wie eine Lacke verschwindet

Sinkt das Grundwasser über längere Zeit zu stark ab, reißt dieser Kreislauf ab. Der Salztransport funktioniert nicht mehr, die Lacke süßt aus. Andere Pflanzen breiten sich aus, ihre Wurzeln durchlöchern den dichten Boden. Niederschlagswasser kann nicht mehr gehalten werden, Humus entsteht, die Lacke verschwindet.

Die Gründe für den Wassermangel sind vielfältig.

  • Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen, dadurch verdunstet mehr Wasser, während die Niederschlagsmenge gleich bleibt.
  • Gleichzeitig wird Wasser über Entwässerungsgräben und Drainagen aus dem Seewinkel abgeleitet.
  • Diese Systeme wurden einst geschaffen, um Besiedlung und Landwirtschaft im Feuchtgebiet zu ermöglichen.
  • Hinzu kommt die Entnahme von Grundwasser zur Bewässerung.

Das Projekt Life Pannonic Salt

Mit dem EU-Projekt Life Pannonic Salt wird nun versucht, den Wasserverlust zu bremsen. Bei kleineren Entwässerungsgräben wurden bereits Wehranlagen errichtet. Größere Anlagen, unter anderem am Seewinkelhauptkanal, befinden sich noch in Planung. Die bisherigen Erfahrungen stimmen Ehrenfeldner zuversichtlich. Bei den Lacken sei sichtbar gewesen, dass das Wasser deutlich länger blieb und die Gewässer wasserreicher waren.

Zwei Frauen knien im Gras und begutachten eine Pflanze, während weitere Personen danebenstehen.

In St. Andrä am Zicksee und Tadten werden trockenheitstolerante Kulturen und wassersparende Anbaumethoden erprobt.

Technische Eingriffe allein reichen nicht. Eine zentrale Rolle spielt die Beweidung. Wasserbüffel, Rinder, Ziegen und Schafe halten durch Tritt und Verbiss die Ufer offen und strukturreich. Gleichzeitig fressen sie gebietsfremde Pflanzen und erschweren deren Ausbreitung. Bei den Paulhoflacken zwischen Frauenkirchen und Apetlon, die im Zuge einer geplanten Erweiterung zum Nationalparkgebiet stoßen sollen, soll künftig ebenfalls beweidet werden. Ein Teil der Wasserbüffelherde aus Apetlon könnte dorthin übersiedeln.

Die Rolle der Landwirtschaft

Auch die Landwirtschaft soll Wasser sparen. Im Projekt wird erprobt, welche Kulturen mit weniger Bewässerung auskommen, dennoch Ertrag bringen und einen Markt finden. Zudem geht es um pfluglose Bewirtschaftung, Direktsaat und dauerhaft bedeckte Böden, bei denen weniger Feuchtigkeit verdunstet. Der Umbau eines ganzen Anbausystems braucht allerdings mehr Zeit als der Bau eines Wehrs.

Verschwundene Lacken zurückzuholen, wäre laut Ehrenfeldner schwierig. Vorrang habe daher, jene Gewässer zu retten, die noch funktionieren, sich aber bereits in mäßigem oder schlechtem Zustand befinden. Life Pannonic Salt läuft vorerst bis Anfang 2029 und soll möglichst verlängert werden. Erst wenn die verbliebenen Lacken stabilisiert sind, könne darüber nachgedacht werden, einzelne verlorene Gewässer wiederherzustellen.

Noch ist der Nationalparkdirektor optimistisch. Landwirtschaft und Naturschutz bräuchten dasselbe: Wasser, das in der Region bleibt. Ob die letzten Sodalacken überleben, entscheidet sich deshalb nicht nur an ihren Ufern, sondern im gesamten Seewinkel.

Warum eine trockene Lacke nicht automatisch eine tote Lacke ist

Dass die Sodalacken im Sommer austrocknen, wirkt angesichts ihres schlechten Zustands zunächst besonders bedrohlich. Doch eine trockene Lacke ist nicht automatisch eine tote Lacke: Das vollständige Trockenfallen gehört zu ihrem natürlichen Rhythmus und trägt sogar zu ihrem Erhalt bei.

Flaches, trockenes Salz- oder Schlammland mit Grasbüscheln unter blauem Himmel und Wolken.

Rissiger Lackenboden im Seewinkel. Kritisch wird die Trockenheit, wenn der Kontakt zum Grundwasser dauerhaft abreißt.

Die Wasserstände schwanken von etwa 70 Zentimetern Tiefe bis zur völligen Trockenheit. Entscheidend ist, was unter der Oberfläche geschieht. Der dichte Lackenboden steht mit dem Grundwasser in Verbindung. Durch die Kapillarwirkung werden Salze aus tieferen Bodenschichten nach oben transportiert. Verdunstet das Wasser im Sommer, kristallisieren sie an der Oberfläche aus.

Das Salz ist für das ökologische Gleichgewicht notwendig. Gemeinsam mit Bakterien baut es Algen und Pflanzenmaterial ab. Dadurch sammeln sich weniger organische Reste an, die Humusbildung wird gebremst und die offene Fläche bleibt erhalten.

Gefährlich wird Trockenheit erst, wenn der Grundwasserstand über längere Zeit so tief liegt, dass der Lackenboden den Kontakt zum Grundwasser verliert. Dann bricht der Salztransport ab. Die Lacke süßt aus, andere Pflanzen siedeln sich an. Ihre Wurzeln durchlöchern den dichten Boden. Niederschlagswasser versickert, organisches Material sammelt sich an – die Lacke verlandet.

Ein einzelner trockener Sommer entscheidet daher noch nicht über Leben oder Tod. Problematisch ist die dauerhafte Veränderung des Wasserhaushalts.

In den vergangenen 150 Jahren sind rund 80 Prozent der Sodalacken verschwunden. Vergleichbare Gewässer gibt es im europäischen Binnenland sonst nur in Zentralungarn. Salzpflanzen wie Pannonische Salzaster und Queller wachsen an ihren Rändern. Für Säbelschnäbler, Seeregenpfeifer und Kiebitze sind sie Nahrungsquelle und Brutplatz.

Eine trockene Lacke kann Teil eines intakten Systems sein. Eine ausgesüßte, undichte Lacke hingegen ist auf dem Weg, für immer zu verschwinden.

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