Neusiedler See unter Beobachtung, den Salzlacken läuft die Zeit davon
Kommt nach der aktuellen Hitze eine längere Trockenphase, könnten weitere Salzlacken dauerhaft verloren gehen.
Eine Lacke darf austrocknen. Sie darf nur nicht verschwinden. Denn dass eine Salzlacke im Sommer Wasser verliert, gehört zu ihrem natürlichen Rhythmus. Der Wechsel zwischen Wasser, Schlamm und weißem „Sodaschnee“ macht diese extremen und vor allem extrem seltenen Lebensräume aus.
Alarmierend wird es, wenn aus dem jahreszeitlichen Auf und Ab ein dauerhafter Niedergang wird. Davor warnt nun Birdlife. Die Lage der Sodalacken im Seewinkel sei „schlechter denn je“. Mehrere Lacken seien heuer bereits gegen Ende des Frühjahres ausgetrocknet oder hätten nur noch Restwasser geführt.
Nachhaltiges Problem
Besonders drastisch zeigt sich die Entwicklung an der Langen Lacke, einem Wahrzeichen des Seewinkels: Statt Hunderten Wasservögeln als Rast- und Brutplatz zu dienen, präsentierte sie sich im Juni weitgehend als trockenes Becken.
Die rote Linie zeigt die Entwicklung des Wasserstandes im heurigen Jahr an.
- Der Neusiedler See geht mit einem deutlichen Minus in die heißeste Phase des Sommers. Seit Ende Mai ist der Wasserstand um 15 Zentimeter gesunken. Am Freitag lag der Pegelstand bei 115,29 Meter über Adria (müA).
- Damit ist der See zwar noch klar vom Tiefststand des Jahres 2022 entfernt, die kommenden Wochen werden aber entscheidend.
- Bei Temperaturen von teils nahe 40 Grad verliert der Steppensee durch Verdunstung bis zu acht Millimeter pro Tag.
- Um den Tiefstwert von 114,88 Meter zu unterschreiten, müsste der Pegel noch rund 39 Zentimeter fallen.
- Behörden sehen derzeit keine akute Einschränkung bei Wasserqualität, Schifffahrt, Badebetrieb oder Tierwelt.
Für Birdlife ist das kein normales Wetterphänomen. Der frühe Wasserverlust sei vielmehr ein Hinweis darauf, dass der Wasserhaushalt vieler Lacken bereits massiv gestört ist. Der Kern des Problems liegt im Grundwasser. Eine intakte Sodalacke ist nach unten hin weitgehend dicht. Steht das Grundwasser hoch genug, werden Salze über Kapillarwirkung in das Lackensystem nachgeliefert. Sinkt der Grundwasserspiegel über längere Zeit ab, reißt diese Verbindung ab. Die Lacke süßt aus, Pflanzen breiten sich aus, der Boden wird durchlässiger, das Gewässer verlandet. Was wie eine natürliche Austrocknung aussieht, kann dann der Beginn eines kaum umkehrbaren Prozesses sein.
Viel ist nicht mehr da
Dass die Salzlacken im Seewinkel unter Druck stehen, ist nicht neu. Laut Birdlife gingen in den vergangenen 150 Jahren fast 120 der ursprünglich rund 140 Lacken durch menschliche Eingriffe verloren. Allein in der Trockenphase bis 2022 (siehe Zusatzartikel) sei ein weiteres Drittel der verbliebenen Lacken verschwunden oder schwer geschädigt worden.
Auch der Rechnungshof hatte zuletzt auf offene Punkte hingewiesen. In seiner Follow-up-Prüfung zum Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel stellte er fest, dass Wasserentnahmen aus Feldbrunnen besser gemessen und kontrolliert werden sollten. Nur so lasse sich nachvollziehen, ob bewilligte Mengen tatsächlich eingehalten werden.
Seit 2023 läuft zwar das EU-geförderte Projekt „Life Pannonic Salt“. Aus Sicht von Birdlife reicht das aber nicht aus. Die Organisation fordert daher eine rasche Umsetzung der bereits 2023 fertiggestellten Studie zur landwirtschaftlichen Beregnung im Seewinkel. Vorgesehen wären ökologisch begründete Grundwasser-Grenzwerte, unterhalb derer keine Entnahmen mehr erlaubt sein sollen. Zudem fordert Birdlife Schutzzonen rund um die Lacken, in denen keine Feldbrunnen betrieben werden dürfen, sowie Wasseruhren zur Kontrolle der tatsächlichen Entnahmemengen.
Der wissenschaftliche Beirat des Nationalparks warnt ebenfalls vor den Folgen des Lackensterbens. Vorsitzender Thomas Wrbka verweist auf den europarechtlich geschützten Lebensraum und auf mögliche Konsequenzen, sollte sich der Zustand nicht verbessern. Mit dem EU-Renaturierungsgesetz ist der politische Druck zusätzlich gestiegen: Bis 2030 müssen Mitgliedstaaten konkrete Wiederherstellungsmaßnahmen setzen.
Für BirdLife bleibt nur ein kleines Zeitfenster. „Die Zeit zum Handeln ist jetzt“, sagt Dvorak. Komme nach der derzeit etwas niederschlagsreicheren Phase wieder eine längere Trockenperiode, könnten die letzten Sodalacken innerhalb kurzer Zeit verschwinden. Dann ginge im Seewinkel nicht nur Wasser verloren, sondern ein Ökosystem, das es in dieser Form in Europa kaum ein zweites Mal gibt.
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