Die Salzlacken verschwinden: Darum sind sie wichtig für die Natur
Der Wind pfeift über die Ebene bei Apetlon. Bernhard Kohler blickt Richtung Lange Lacke. Wo Wasser stehen sollte, wachsen Pflanzen – und das im Frühling. „Es ist dramatisch“, sagt der Biologe. „So dürfte es nicht ausschauen.“
Denn in dieser Jahreszeit wird der höchste Wasserstand verzeichnet. Erst im Sommer dürften die Lacken ausgetrocknet sein.
Tausende Jahre alt
Die Lange Lacke gehört zu den Salzlacken im burgenländischen Seewinkel. Diese 20.000 Jahre alten Naturräume, auch Sodalacken genannt, drohen zu verschwinden, für immer auszutrocknen.
Doch es gibt einen groß angelegten Rettungsversuch: Seit 2023 läuft das EU-Life-Projekt „Pannonic Salt“. 12 Millionen Euro beträgt das Gesamtbudget. Der Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel leitet das Projekt. WWF, Land Burgenland, TU Wien und die Biologische Station Illmitz sind mit an Bord.
Salzlebensraum
Sodalacken sind seichte Gewässer. Der Salzgehalt schwankt mit den Wasserständen, er kann von einigen wenigen Gramm pro Liter bis zu 100 g/l betragen.
139 Lacken gab es 1858 im Seewinkel. 2006 waren es nur noch 48 – ein Rückgang von 66 Prozent. Die Wasserfläche aller vorhandenen Lacken hat von 3.614 Hektar auf 656 Hektar abgenommen – ein Rückgang von 82 Prozent. 2025 wurde die Zahl der Lacken grob auf 27 geschätzt, ein Rückgang um 80,6 Prozent.
Seltene Arten
Es handelt sich um relativ artenarme Lebensräume, die aber viele seltene Arten aufweisen, die an die Extreme
angepasst sind.
Kohler arbeitet für den WWF am Vorhaben. Er kennt die Salzlacken seit er ein Student war, und das ist lange her. Er ist eigentlich schon in Pension. Dieses Projekt gibt er aber nicht aus der Hand. Denn der Ornithologe sah schon viele Lacken verschwinden und damit einen Lebensraum, den es auf der Welt nicht oft gibt.
Vergesslich
In den Dürrejahren 2018 bis 2023 stand es schlecht um die aus Regen gespeisten Lacken. Auch im Neusiedler See war wenig Wasser. Touristen suchten sich andere Ziele, Landwirte begannen sich Sorgen zu machen. Das ist eine Weile her, es hat geregnet und die Menschen vergessen schnell. Man muss Bewusstsein schaffen, erklären Projektverantwortliche.
Und was noch?
„Wir müssen das Wasser in der Region halten“, sagt Kohler. Er steht am Oberen Stinkersee zwischen Illmitz und Podersdorf. Das Wasser leuchtet weiß in der Sonne. Diese Lacke ist fast noch intakt.
Fast, denn auch hier fehlt Wasser und die typischen Salzflächen sind schon zu sehen. Der „Sodaschnee“ gehört in den August, nicht in den April.
Mit freiem Auge hat der Experte einen Säbelschnäbler entdeckt, er nimmt den Feldstecher in die Hand. Der Vogel mit dem gebogenen Schnabel braucht die salzhaltigen Lacken zum Überleben.
So wie viele Zugvögel, die hier Zwischenstation machen. Sie fischen die Feenkrebse aus den Lacken. „Das ist wie eine Tankstelle für die Vögel, nachdem sie Tag und Nacht durchgeflogen sind“, sagt Kohler.
Die Urzeitkrebse sind aber nicht nur Futter. Sie regulieren Plankton, indem sie es fressen. Sie sind gut an die extremen Bedingungen im Seewinkel angepasst. Die Art übersteht auch mehrere trockene Jahre. Kohler reicht den Feldstecher weiter. Graugänse schwimmen schnatternd vorbei. Am Rand der Lacken wachsen Pflanzen, die sonst an Meeresküsten gedeihen: Salzkresse, Salzmelde oder Pannonische Salzaster.
Wer das Wasser in der Region halten will, muss den Grundwasserspiegel anheben. In den vergangenen 100 Jahren haben ihn die Menschen abgesenkt. Sie bauten insgesamt 220 Kilometer Entwässerungsgräben, um Flächen für Acker- und Bauland zu gewinnen. „Die abgeleiteten Mengen sind mit 15 Millionen Kubikmeter pro Jahr gewaltig; das entspricht 40 bis 100 Prozent der jährlich neu gebildeten Grundwassermenge.“
Zu viel Wasser
Dazu kommt: Die Landwirtschaft benötigt viel Wasser, Mais und Soja brauchen besonders viel. „Die Bewässerung hat in den letzten Jahren stark zugenommen“, erklärt Kohler. Und der Klimawandel befeuert diese Entwicklung.
Trotzdem sind die Projekte zur Rettung der Lacken nicht immer einfach umzusetzen.
Ein Problem: Viele Häuser sind im einstigen „Sumpf“ gebaut. Hebt man den Grundwasserspiegel, stehen Keller unter Wasser. An Lösungen und Kompromissen wird noch gearbeitet.
Aus Sicht der Biologen drängt die Zeit. „Es ist fünf vor, nein eigentlich schon fünf nach 12“, sagt Kohler.
Wehranlagen bei Entwässerungsgräben sind errichtet. Im Zweierkanal ist Wasser aufgestaut. „Das ist schön zu sehen“, sagt Kohler. Der Experte gibt die Hoffnung nicht auf. Auch wenn viele Lacken schon verschwunden und verloren sind, wie Teile der Langen Lacke.
Wo jetzt Pflanzen wachsen, war einst Wasser.
Ölweiden schwanken im Wind. Die invasiven Pflanzen haben sich am einstigen Lackengrund verwurzelt.
Die Wasserfläche glitzert weit entfernt.
Binnengewässer verlanden mit der Zeit. Wie können Salzlacken seit Jahrtausenden bestehen?
- Vor 13 Millionen Jahren war das Gebiet vom Meer bedeckt. Das Meer zog sich zurück, doch das Salz blieb. Für die Lacken ist es wichtig, dass sie im Sommer austrocknen. Denn das aufsteigende Grundwasser bringt dann durch die Kapillarwirkung Salz an die Oberfläche. Das funktioniert allerdings nur, solange das Grundwasser nicht tiefer als einige Dezimeter unter dem Lackenboden steht. Sinkt es ab, kommt der Salztransport zum Erliegen. Die Gewässer versüßen und damit verändert sich der Lebensraum.
- In intakten Lacken zersetzen Bakterien organisches Material: Daher verlanden die Gewässer nicht. Was die Bakterien nicht schaffen, wird in der Trockenphase vom Wind weggeweht.
- Die Lacken selbst werden durch Regen gefüllt. Der Wasserstand schwankt daher stark mit den Jahreszeiten und zwischen einzelnen Jahren. Der jährliche Höchstwasserstand wird im April oder Mai erreicht, die Wassertiefe liegt dann zwischen 20 und 50 cm. Ab Juni bzw. Juli trocknen die meisten Lacken aus, sie füllen sich erst über den Winter mit Wasser.
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