Die "Asylantenflut" in unseren Köpfen

TURKEY SYRIA REFUGEES
Foto: APA/EPA/SEDAT SUNA Warum werden aus Menschen, die aus ihren Heimatländern aus unterschiedlichen Gründen flüchten, Naturkatastrophen gemacht?

Sie "erstürmen" Europa, "überschwemmen" Österreich und sorgen für "unkontrollierbares Chaos" im Land. Die Rede ist von Menschen, die aus ihren Heimatländern flüchten.

Sprache ist ein mächtiges Instrument. Sie beeinflusst tagtäglich, wie wir denken und handeln, was wir wahrnehmen und woran wir uns erinnern. Darin sind sich Sprachforscher einig. Im Asyl- und Flüchtlingsdiskurs kommt diese Macht besonders zur Geltung. Gerade jetzt lassen sich zahlreiche Bezeichnungen finden, die mehr über denjenigen aussagen, der sie verwendet, als über den Menschen, den sie benennen. "Asylant" und "Wirtschaftsflüchtling" sind solche Begriffe, aber auch Metaphern wie "Flüchtlingswelle" oder "Flüchtlingsflut".

Negative Assoziationen mit dem "Asylanten"

Der "Asylant" stand 1980 erstmals im Duden (18. Auflage) und wurde als "Bewerber um Asylrecht" definiert. Aber bereits kurz darauf wurde der Begriff kritisch beäugt. Viele Linguisten, wie beispielsweise Martin Wengeler und Georg Stötzel, kritisieren, dass dieser Neologismus für eine Aufspaltung in gute, berechtigte und schlechte, nicht berechtigte Flüchtlinge sorgt. Dieser Meinung ist auch Rudolf de Cillia. Für den Sprachwissenschaftler der Universität Wien ist dieser Terminus eindeutig negativ konnotiert. Damit werde nicht nur eine Person diskriminiert, sondern auch Zweifel an deren Fluchtursachen ausgedrückt. "Dem 'Asylanten' wird unterstellt, dass er unseren Sozialstaat missbrauchen und es sich auf unsere Kosten gemütlich machen will", erklärt de Cillia im Gespräch mit dem KURIER. "Dieser Begriff ruft unweigerlich negative Assoziationen in uns hervor, beispielsweise das Bild eines 'Sozialschmarotzers'."

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Auch im Nationalsozialismus sei immer wieder die Rede von "Schmarotzern" und "Parasiten" gewesen, stellt Sprachexperte de Cillia klar und warnt davor, Begriffe ohne nachzudenken in den eigenen Wortschatz zu übernehmen.

"Es lässt sich zeigen, dass eine solche dehumanisierende Rhetorik, die andere Menschen auf minderwertige Lebewesen, Insekten oder 'Schädlinge' reduziert, fast immer am Anfang von Diskriminierung und Gewalt bis hin zum Genozid steht", sagt der Wiener Sprachphilosoph Gerald Posselt zum KURIER. Es sei "dringend geboten, einzelne Trends und Entwicklungen genau zu beobachten. Die Gefahr besteht nämlich darin, dass diese Redeweisen Teil unseres allgemeinen Sprachgebrauchs werden", so Posselt.

Der "Wirtschaftsflüchtling" steht ganz unten

Auch der "Wirtschaftsflüchtling" ist so ein Fall, bei dem sich die sprachlichen Geister scheiden. Für Kritiker, die sich für eine diskriminierungsfreie Sprache einsetzen, ist der Begriff nur scheinbar sachlich. Dieses Wort werde dazu verwendet, Flüchtlingen die Notwendigkeit der Flucht abzusprechen und sie des Asylmissbrauchs zu bezichtigen. Damit würde unweigerlich eine Flüchtlingshierarchie erschaffen. An erster Stelle stehen "Kriegsflüchtlinge" aus Syrien, dann erst folgen Menschen aus Somalia, Eritrea oder Westafrika. "Wirtschaftsflüchtlinge" hingegen rutschen in dieser Hierarchie ganz nach unten, auf der Abschiebeliste jedoch nach oben. Sie würden zu Flüchtlingen dritter Klasse degradiert. 

Tatsächlich ist das Asylrecht für jene gedacht, die in ihrer Heimat politisch verfolgt werden. Wirtschaftliche Erwägungen spielen (derzeit) noch keine Rolle. Das bedeutet aber nicht, dass die Auswanderung von beispielsweise Kosovaren nach Österreich oder Deutschland per se unbegründet sei. Nach Angaben der Vereinten Nationen lebt ein Fünftel der Bevölkerung im Westbalkanland in extremer (Ausgaben weniger als 0,94 € pro Tag) und fast die Hälfte in absoluter Armut (weniger als 1,42 Euro pro Tag). Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei rund 60 Prozent. Diese Menschen sehen in ihrer Heimat keine Perspektive mehr und drängen aus "existenziellen Gründen" nach Europa, schreibt Klaus Jürgen Bade auf Zeit Online. Künftig muss man sich von "vordergründigem Sortieren nach akzeptablen und nicht akzeptablen Wanderungsmotiven" verabschieden, erklärt der deutsche Migrationsforscher. Denn die "Folgen des Klimawandels werden uns weltweit mit Fluchtbewegungen konfrontieren".

Aber bis es dazu kommt, gilt: Wer in seinem Heimatland nicht politisch verfolgt wird, ist ein sogenannter "Wirtschaftsflüchtling", ein illegaler Einwanderer sozusagen.

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Derselbe Begriff, andere Deutung

Die jetzigen Debatten erinnern den österreichischen Sprachwissenschaftler de Cillia an die medial kolportierten "Ankerkinder" im Jahr 2012. Print-, Online- und Rundfunkmedien haben den Begriff kritiklos übernommen und damit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen unterstellt, sie würden missbräuchlich vorgeschickt, um ganze Familien nachholen zu können. Diese Pauschalisierung spiegle sich auch in den Bezeichnungen "Asylant" und "Wirtschaftsflüchtling" wieder, so de Cillia. "Sie konstruieren ein negatives Bild von Menschen, die aus ihren Heimatländern flüchten oder auswandern müssen."

Die Schwierigkeit, die vielen Zeichen der Sprache einer bestimmten Bedeutung zuzuordnen, liegt nicht nur an der Sprache, sondern auch am Menschen selbst. Bereits Wilhelm von Humboldt erkannte, dass die Sprache erst im Individuum seine letzte Bestimmtheit erhält. Denn "Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere" denkt.

Anrollende Massen schaffen Angst

"Metaphern können töten", schreibt George Lakoff im März 2003. In seinem Essay zeigt der US-amerikanische Linguist, wie die Regierung in Washington Metaphorik gezielt einsetzte, um den bevorstehenden Krieg gegen den Irak zu legitimieren. Hunderte Male am Tag hätten Medien und Politiker "Saddam Hussein ist ein Tyrann, er muss gestoppt werden" benutzt, um zu verdeutlichen, "der Irak ist Saddam Hussein und Saddam Hussein ist der Irak". Ein Sprachmoment von höchster politischer Relevanz, meint Lakoff. Was diese Metapher aber versteckt, erklärt der Metaphorik-Experte, "3000 Bomben werden nicht alleine auf eine Person geworfen. Sie werden Tausende Menschen töten, die für die Vereinigten Staaten metaphorisch nicht der Irak sind".

Der "Krieg gegen Terror", wie er von George W. Bush kurz nach den Attacken am 11. September 2001 genannte wurde, führte letztlich zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak mit Zehntausenden Toten.

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Die Art, wie man Informationen verpackt, sei ganz zentral, sagt Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak im KURIER-Gespräch angesichts der teils gedankenlosen Verwendung von Metaphern: "Sprache schafft Realität mit." Das zeige sich auch daran, wie über Einwanderung geschrieben und gesprochen wird. Flüchtlinge werden oft mit Sprachbildern in Verbindung gebracht, die mit Chaos und Bedrohung assoziiert werden: "Flüchtlingsflut" oder "Asylantenflut", "Tsunami" und "Flüchtlingswelle sind gängige Beispiele.

Enthumanisierung der Flüchtlinge

De Cillia sieht hinter der Verwendung dieser sprachlichen Bilder zum einen eine Enthumanisierung, weil Menschen nicht mehr als Menschen, sondern als Naturkatastrophen angesehen werden, und zum anderen eine Verschleierung der Wirklichkeit. "Die Fluchtbewegungen sind im Gegensatz zu Naturkatastrophen politische Ereignisse, die steuerbar sind", sagt der Sprachexperte. Dieser Meinung schließt sich der Sprachphilosoph Posselt an: "Diese Metaphern von Naturgewalten blenden aus, dass wir es mit Auswirkungen von Ereignissen zu tun haben, die im Wesentlichen menschengemacht sind, Gewalt und (Bürger-)Kriege im Mittleren Osten und Afrika beispielsweise."

Das Ergebnis dieser Sprechweisen sei die Schaffung von Angst in der Bevölkerung. "Das entspricht der Intention mancher politischen Parteien", ist sich Ruth Wodak sicher. "Angst ist irrational und verhindert eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem Thema. Manche Parteien profitieren davon, wenn Angst in der Bevölkerung weit verbreitet ist."

Gewaltsamer Krieg um Europa

Aber nicht nur die "Flut nach Westen", wie kürzlich die Süddeutsche Zeitung die hohe Anzahl an einreisenden Flüchtlingen betitelte und Stunden später in eine "Flucht nach Westen" änderte, steht im Mittelpunkt des Asyldiskurses. Metaphern wie "Festung Europa", "Grenzjäger" in Ungarn oder "Neuer Eiserner Vorhang" prägen ebenso die Frage, wie man sich vor Flüchtlingen "schützen" soll. "Dieser Sprachgebrauch impliziere", so Wodak, "dass es einen gewaltsamen Krieg zwischen Flüchtlingen und Europa gäbe. Europa soll quasi von bewaffneten Flüchtlingen eingenommen werden."

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Das verdrehe aber die Tatsachen, meint die Sprachexpertin der Lancaster University, die sich in ihrem Buch "Politics of Fear" mit der Rhetorik von rechtspopulistischen Parteien auseinandersetzt. Weder seien Flüchtlinge bewaffnet noch marschieren sie als Heer auf Europa zu. "Das sind ganz arme Menschen, die Schutz suchen und diesen laut Genfer Flüchtlingskonvention auch erhalten müssen."

Wortklauberei?

Für viele Kritiker ist diese Debatte um einen sensiblen und differenzierten Sprachgebrauch eine reine Wortklauberei. Es würde sich nichts an der Realität ändern, wenn man Begriffe durch andere ersetzt, so die gängige Annahme. Ruth Wodak sieht das anders: "Der Ton macht die Musik. Sprache sind nicht bloß Wörter, Sprache lässt uns handeln und bewerten. Mit ihr werden Meinungen beeinflusst." 

Deshalb sei es umso wichtiger, dass Politik und Medien ausreichend Informationen zur Verfügung stellen und auf diese vereinfachende Metaphorik verzichten. Erst dann sei es möglich, eine sachliche und differenzierte Debatte über das Flüchtlingsthema zu führen, bei der Ängste vor fantasierten "anrollenden Naturkatastrophen" keine Rolle spielen.

(KURIER) Erstellt am
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