Nach dem Tod von Raisi: Wie sich die Geschichte im Iran wiederholt

Nach dem Tod von Präsidenten Ebrahim Raisi stellt sich die Frage, wie es im Iran weitergehen könnte. Ein Blick zurück kann helfen, denn Historiker orten Parallelen zur Geschichte des Landes.
Eine große Menschenmenge demonstriert mit einem Porträt von Ayatollah Khomeini.

Irgendwie erinnern die Zustände an die vor 45 Jahren: Proteste, Unterdrückung, das Fehlen freier Wahlen, politische Gefangene und Folter – Ende der 1970er-Jahre brodelte es gewaltig im Iran. Kommunisten und Nationalisten, Liberale und ultra-religiöse Kräfte waren sich einig: „Der Schah muss weg!“

Für danach hatte die ungewöhnliche Allianz allerdings keinen Plan. Dass in einem bis dahin scheinbar westlich orientierten Land islamisches Recht, die Scharia, eingeführt werden könnte, dass Alkohol verboten würde und Frauen wieder unter den Schleier gezwungen werden könnten, das hatte kaum jemand erwartet. 25 Jahre lang hatte Mohammed Reza über den Iran geherrscht – mit massiver Unterstützung der USA – Marionette nach außen, Diktator nach innen.

In dieser Zeit hatte die Kluft zwischen Arm und Reich beinahe bizarre Züge angenommen: Auf dem Land lebten Millionen Iraner in Armut, während eine kleine Elite rund um den Schah einen ausschweifenden Lebensstil genoss.

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Das Hauptproblem aber war die Unterdrückung und der Polizeistaat, den der Schah geschaffen hatte. Genau diese Parallele zu heute hat der Iranist Walter Posch erforscht.

KURIER: Kann man die Lage vor der Islamischen Revolution mit heute vergleichen?

Walter Posch: Es lassen sich Parallelen feststellen. Wie viel Kontinuität im System steckt, ist eines unserer Forschungsthemen. Im Sicherheitsapparat sehen wir eine große Kontinuität. So waren die 1950er-Jahre mit ihren Killerkommandos fürchterlich. Der Iran war schon vor der Islamischen Republik ein repressiver Staat. Das Land hat eine starke parlamentarische Tradition, aber keine demokratische. In der Gesellschaft schon gar nicht. Die Idealisierung des Vorgängerregimes stimmt einfach nicht, schließlich hat der Schah alle politischen Parteien aufgelöst.

Sie sagen auch, dass der Iran überaus inhomogen ist: Zentrum vs. Peripherie, verschiednen Sprachen und Identitäten ...

Zunehmend lautet die Frage nicht mehr, was das Regime macht, sondern, was der Iran für ein Staat ist. Da steckt größere Sprengkraft drinnen. Ich kenne von niemandem konkrete Ansätze, wie ein derart vielgestaltiges Land besser organisiert werden kann.

Welchen Einfluss hat der Tod von Präsident Raisi auf die Situation im Iran?

Keinen großen. Das System ist so weit stabil, dass die Machthaber wissen, was zu tun ist. Sie werden diesen Stresstest der Neuwahl, der jetzt kommt, wieder bestehen. Wobei das System zunehmend an Respekt verliert, auch unter den Anhängern. Das Regime geht aus den Krisen nicht mehr gestärkt hervor. Das ist ein Unterschied zu früher. Das Regime wird in der eigenen Gesellschaft Zug um Zug an Gestaltungskraft verlieren.

Und eine neue Integrationsfigur, wie es Khomeini war, ist nicht in Sicht?

Das sehe ich im Moment nicht. Sobald irgendjemand in der Gesellschaft akzeptabel wäre, sind alle diese Regime sehr gut darin, potenzielle Talente rechtzeitig auszuschalten.

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