Wissen und Gesundheit
28.08.2017

Seeadler mit GPS: Vogelschutz mit High-Tech

Fünf junge Seeadler wurden mit Sendern ausgestattet – zum Schutz des Wappentiers.

Christian Pichler schaut jeden Tag nach "seinen" Seeadlern – ganz ohne Feldstecher und feste Schuhe. Zehn Greifvögel hat der Artenschutz-Experte des WWF dann auf seinem Monitor. Zur Zeit funken die Schützlinge im Stundentakt präzise GPS-Daten von ihren Aufenthaltsorten. Selbst das Einnisten im Horst wird als minimales Hin-und-Her registriert. Dann weiß der Biologe vor dem Computer: Die Tiere sind wohlauf. Fünf junge Seeadler aus heimischer Population erhielten heuer für das Überwachungs-Projekt des Umweltverbandes WWF und der Nationalpark Donau-Auen einen 30 Gramm leichten Senderrucksack mit Solarpanel. Gemeinsam mit den fünf im Vorjahr mit Sendern ausgestatteten Artgenossen sollen sie nun wichtige Erkenntnisse für den Greifvogelschutz liefern.

Grenzenlos

In Österreich, das den Seeadler im Wappen trägt, segelten einst Bartgeier bis Rotfußfalken durch die Lüfte. Von den ehemals 24 Greifvogelarten gingen im Laufe von zwei Jahrhunderten zehn verloren. 1945 wurde der letzte Seeadler getötet, die Art galt ab 1946 als ausgestorben. Mittlerweile sind die Krummschnäbel wieder heimisch, der Luftraum kennt keine Grenzen. 2001 kam es zur ersten erfolgreichen Brut. "Derzeit gibt es bei uns 30 Brutpaare. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Das Potenzial liegt bei 30 bis 50 Seeadlerpaaren", sagt Pichler. Die Überflieger mit einer Flügelspannweite von bis zu 244 cm beanspruchen große Gebiete rund um fischreiche Gewässer. Die Auen entlang der Donau, um March und Thaya, das Waldviertel und der Seewinkel ziehen auch Wintergäste an. Anfang des Jahres wurden 179 Seeadler zwischen Boden- und Neusiedler See gezählt. (Fortsetzung unter der Infografik)

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"Aktuell macht uns die illegale Greifvogelverfolgung die meisten Sorgen", sagt Gabor Wichmann von Birdlife. Vergiftung und Abschuss bedrohen das Gleichgewicht im Ökosystem heute mehr als die Intensivierung der Landwirtschaft und der Verlust an Lebensraum. Gezielter Schutz hat schon einigen gefiederten Arten das Überleben gesichert. "Prinzipiell nimmt die Zahl der Greifvögel zu", sagt Rainer Raab, der Vogelschutz-Projekte in Europa betreut. "Die Kaiseradler haben eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie die Seeadler." Der Bestand der Sakerfalken sei auf etwa 36 Brutpaare mit mehr als 50 Jungen angewachsen. Auch den Rotmilanen gelingt langsam die landesweite Rückkehr. Experten helfen tatkräftig mit.

"Durch die Besenderung können wir individuell kontrollieren, wo die Vögel herumstreifen, rasten und ihre Nahrung finden – und sie dadurch bestmöglich schützen", erklärt Pichler: "Wir müssen alle möglichen Gefahrenquellen, die auf den Zugrouten der Seeadler lauern, berücksichtigen." Neben der illegalen Verfolgung sind das vor allem Hochspannungsleitungen, Windkraftanlagen und Störungen am Brutplatz durch Forstarbeiter. "Wenn ein Seeadler stundenlang vom selben Ort sendet, pack ich mich sofort zusammen", sagt der Biologe. Die Telemetrie leistet auch bei der Aufklärung von Todesfällen wertvolle Dienste.

Die ersten Daten von den Seeadlern zeigen jedenfalls kräftige Lebenszeichen. Die Jungtiere halten sich in der Nähe der elterlichen Horste auf. Schon bald werden sie bei der Reviersuche hunderte Kilometer zurücklegen. Streifzüge durch Tschechien, Deutschland und Polen stehen dann auf der Tagesordnung. Im Moment proben sie aber noch in den dichten Auwäldern – unter den wachsamen Augen von Christian Pichler – den Abflug.

Vergiftungsfälle: Bermudadreieck für seltene Greifvögel

In einem kleinen Ort im niederösterreichischen Weinviertel werden alle Bemühungen, seltene Greifvögel zu schützen und den Bestand zu vermehren, seit Jahren zunichte gemacht. Die Polizei fahndet nach Unbekannten, die im Raum Zistersdorf im Bezirk Gänserndorf bereits Dutzende Wildtiere und streng geschützte Vögel wie Rotmilane oder Seeadler durch ausgelegtes Gift getötet haben.

Genau dort, wo 2016 der österreichweit größte Vergiftungsfall bekannt geworden ist, sind erst vor wenigen Tagen wieder drei vergiftete Vögel gefunden worden – ein Rotmilan der zuvor erst am 8. Juni in seinem Geburtsnest im tschechischen Breclav mit einem Sender versehen wurde, sowie ein Mäuse- und ein Adlerbussard.
Polizei, Vogelkundler und die Tierschutzorganisation BirdLife vermuten, dass hinter den Anschlägen, bei denen meist das EU-weit verbotene Gift Carbofuran in präparierten Eiern ausgelegt wurde, jemand aus der Jägerschaft steckt. Einige schwarze Schafe innerhalb der jagenden Zunft sehen in den Greifvögeln eine Gefahr für das in den Regionen vorhandene Niederwild (Hase, Rebhuhn, Fasan, etc.).

Die Polizei hat in dem Fall bereits Ermittlungen aufgenommen. Die Kadaver der Tiere wurden genau untersucht und die verwendeten Giftstoffe analysiert. Die Tötung von geschützten Tierarten wird mit Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren geahndet.