Ein Impfzentrum in England. Praktisch alle Covid-19-Infektionen werden hier bereits durch die Delta-Variante verursacht.

© APA/AFP/OLI SCARFF

Wissen Gesundheit
06/29/2021

Wieso gibt es auch unter vollständig Geimpften Covid-Todesfälle?

99 Prozent der Infektionen in England sind bereits durch die Delta-Variante verursacht. Wie gut schützt die Impfung tatsächlich?

von Theresa Bittermann, Ernst Mauritz

Die Corona-Schutzimpfungen bieten einen hohen Schutz auch gegen die Delta-Variante, gleichzeitig steigen aber auch in Ländern mit hohen Impfraten die Infektionszahlen, besonders in Großbritannien.

Mehr als 22.000 waren es dort täglich in den vergangenen sieben Tagen, obwohl 84 Prozent der Bevölkerung ab 16 erstgeimpft und 62 Prozent auch zweitgeimpft sind. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Delta-Variante und Impfen:

Wie gefährlich ist die Delta-Variante jetzt tatsächlich?

Sie ist um rund 40 bis 60 Prozent ansteckender als die bisher dominierende Alpha-Variante.

Ein Vergleich mit der Ausbreitung der Beta-Variante (vormals südafrikanische) in Großbritannien zeigt: Die Beta-Variante habe fünf Monate gebraucht, um die Menge an Infektionen zu erreichen, die bei der Delta Variante in nur 30 Tagen erreicht waren, sagte Dienstag der Impfspezialist und Kinderarzt Karl Zwiauer, Mitglied im Nationalen Impfgremium (NIG), bei einer Pressekonferenz des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller.

"Wer nicht genesen oder geimpft ist, der wird mit der Delta Variante angesteckt werden."

Wie gut schützen die Impfungen vor der Delta-Variante?

Um diese Frage zu beantworten greift man momentan vor allem zu Daten aus Großbritannien, wo die Delta-Variante das Infektionsgeschehen bereits dominiert. Konkret zeigt eine neue britische Studie mit den Daten von 14.019 Delta-Infizierten Personen, dass Menschen mit einer Impfdosis ein um 75 Prozent reduziertes Risiko haben, stationär behandelt werden zu müssen - im Vergleich zu ungeimpften Menschen.

Jene mit vollem Impfschutz, das heißt etwa zwei Wochen nach der zweiten Dosis - hatten laut diesen Daten ein um 94 Prozent reduziertes Risiko für einen Krankenhausaufenthalt bei Infektion mit der Delta-Variante. Das heißt: Bei vollständiger Impfung besteht ein sehr guter Impfschutz gegen Delta. Ungeimpfte haben hingegen ein deutlich höheres Risiko einer Infektion.

Warum ist die Zweitimpfung unbedingt notwendig?

"Wir wissen, dass wir bei der Delta-Variante eine reduzierte Immunantwort haben", sagt Zwiauer. Deshalb hätte das NIG auch die Impfstrategie in Österreich geändert: "Bisher haben wir den Impfabstand größer gehalten, um möglichst vielen Leuten schnell den Zugang zu einer Erstimpfung zu ermöglichen. Jetzt haben wir die Notwendigkeit, dass möglichst viele Personen zwei Impfungen bekommen, daher haben wir die Abstände verkürzt".

Die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Astra Zeneca nach nur einer Teilimpfung gegen die Delta-Variante sei erheblich schlechter und liege bei nur 30 Prozent Schutzwirkung vor einer Infektion.

Zwiauer warnt also eindringlich vor dem Hinauszögern der Zweitimpfung, denn die Delta-Variante verbreitet sich sehr schnell.

Wieso steigen dann aber in England die Fallzahlen so stark?

Ein Großteil der Infektionen betrifft jüngere, ungeimpfte Personen. "Die Covid-19-Impfstoffe haben nur in England bisher 7,2 Millionen Infektionen und 27.000 Todesfälle verhindert", heißt es in einer Untersuchung, die von Public Health England und der Universität Cambridge durchgeführt wurde.

Wieso gibt es aber trotzdem auch Berichte über vollständig Geimpfte unter den Corona-Toten in Großbritannien?

Rund ein Drittel der Menschen, die derzeit an der Delta-Variante sterben, ist zweifach geimpft. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Die Impfungen könnten neuesten Ergebnissen zufolge bis zu 94 Prozent der Krankenhausaufenthalte (bei Delta-Infizierten) verhindern, aber eben nicht zu 100 Prozent.

Im Gegensatz zu den Studiengruppen sind jetzt unter den Geimpften natürlich auch viele Menschen mit schweren Grunderkrankungen. "Und vieles deutet eben darauf hin, dass die Impfungen bei diesen Gruppen vor schweren Erkrankungen und Tod nicht so vollständig schützen, wie die Zahlen in den Studien an gesunden Menschen ergeben haben", heißt es im Wissenschaftsmagazin spektrum.de.

Deshalb kann es vor allem bei alten und durch Begleiterkrankungen geschwächten Personen auch bei doppelter Impfung zu einem Covid-19-Todesfall kommen. "Die Impfung wirkt umso schlechter, je älter man ist", schreibt der Mediziner und Gesundheitsökonom Thomas Czypionka auf Twitter.

Die Wirksamkeit der Impfungen zeigen aber auch Daten aus den USA: Im Mai starben 18.000 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Infektion. Nur 150 davon (0,8 Prozent) waren vollständig geimpft.

Wenn Delta gefährlicher ist als die bisherigen Varianten: Warum steigen dann die Krankenhauszahlen in England weniger als die Infektionszahlen?

Trotz steigender Infektionszahlen in Großbritannien steigt die Anzahl der Krankenhauseinweisungen druch Covid-19 weniger stark an als in den früheren Wellen", schreibt der Immunologe Carsten Watzl auf Twitter.

Das ist ein Effekt der Impfungen: "Durch die Impfungen werden eher die ungeimpften Jüngeren mit Delta infiziert. Dadurch wird die Verbindung zwischen Infektionszahlen und Krankenhausaufenthalten gebrochen."

In den vergangenen sieben Tage gab es in Großbritannien täglich 22.868 Neuinfektionen, zu 99 Prozent mit der Delta-Variante. Das bedeutet einen Anstieg um 69,9 Prozent. Die Spitalsaufnahmen sind hingegen nur um rund 10 Prozent gestiegen.

"Steigende Infektionszahlen mit Delta müssen beobachtet werden, man muss aber nicht panisch werden. Wir müssen konsequent weiter impfen damit auch bei uns der Zusammenhang zwischen Infektionen und schweren Verläufen gebrochen wird", so Watzl.

Wie sieht es jetzt wirklich mit den Nebenwirkungen der Impfungen aus?

Zuletzt ein Thema waren Fälle seltener Nebenwirkungen wie einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis). Ein Zusammenhang zwischen Impfung mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) und der Entzündung sei "wahrscheinlich", sagten zuletzt Experten der US-Gesundheitsbehörde CDC. In Österreich wurden bisher 18 solcher Fälle in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung gemeldet (12 BT/ 6 AZ). Eine 81-jährige Frau sei gestorben, aber nicht an der Herzmuskelentzündung, erklärt Barbara Tucek, Leiterin der Abteilung Klinische Begutachtung Sicherheit & Wirksamkeit bei der AGES.

Die österreichischen Fälle seien mehrheitlich mild bis moderat gewesen. Die insgesamt seltene Herzmuskelentzündung tauchte bisher häufiger bei jüngeren Männern auf. Die Nutzen-Risiko-Rechnung falle jedoch für alle Personengruppen eindeutig zugunsten der Impfung aus, versichert Zwiauer. So auch das Fazit der amerikanischen Behörde. 

Und das Thrombosen-Risiko?

Als schwere vermutete Nebenwirkungen gelten zwölf Fälle (in Österreich) von VITT (Vakzin-induzierte thrombotische Thrombozytopenie oder TTS (Thrombose mit Thrombozytopenie-Syndrom), sehr seltene, aber schwere Gerinnungsstörungen, die in zeitlichem Zusammenhang zur AZ-Impfung stehen dürften.

Sehr rasch sei aber in Österreich in Zusammenarbeit mit Gerinnungsexperten ein Algorithmus erarbeitet worden, was die Symptome sind, wie man sie diagnostizieren und behandeln kann und das an die Ärztinnen und Ärzte, wie auch an die Patientinnen und Patienten kommuniziert. Und das sei der ausschlaggebende Punkt, sagt Tucek, denn: "Man kann diese Fälle gut behandeln, wenn man rechtzeitig eingreift."

Ist eine Anpassung der Impfstoffe an die Delta-Variante notwendig?

Das sei aus jetziger Sicht noch unklar, berichtet eine Expertenrunde mit Zwiauer und Tucek bei der Pressekonferenz. Entsprechend der Richtlinien der Europäischen Gesundheitsbehörde EMA seien jedenfalls dafür keine großen Wirksamkeitsstudien mehr erforderlich, was Tempo bei allenfalls nötigen Anpassungen verspreche, so Tucek.

Biontech-Chef Ugur Sahin sagte erst vor Kurzem, derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass eine Anpassung des Impfstoffs von Biontech an kursierende Varianten notwendig sei. "Um vorbereitet zu sein und schnell reagieren zu können, falls eine dritte Dosis oder eine Anpassung an einen neuen Virusstamm erforderlich werden sollte, analysieren wir kontinuierlich die Wirksamkeit des Impfstoffs, auch gegen neu auftretende Varianten", sagte Sahin.

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