Viren wollen Mensch oder Tier auch nicht ausrotten, denn die Erreger brauchen sie als Wirt

© APA/AFP/US Food and Drug Administration/HANDOUT

Wissen Gesundheit
03/01/2020

Was Sie schon immer über Viren wissen wollten

Lebewesen sind sie keine, machen uns aber das Leben schwer. Sie wollen uns auch nicht ausrotten, denn sie brauchen uns als Wirt

von Barbara Mader, Ernst Mauritz, Christa Schimper

Die erste Infektion passiert meist schon im Babyalter – und wird häufig übersehen, nur manchmal fallen die Bläschen auf. Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung sind mit dem Herpes-simplex-Virus vom Typ 1 infiziert, oft auch als „Fieberbläschenvirus“ bezeichnet. „Wir tragen dieses Virus dann unser ganzes Leben lang in uns“, sagt der Virologe Norbert Nowotny von der VetMed Uni Wien. „Seit ewigen Zeiten gehören Viren zum Menschsein dazu.“

Nowotny hat schon viele Viren-Ausbrüche intensiv mitverfolgt: Die SARS-Pandemie 2002/2003, die „Schweinegrippe“-Pandemie 2009/2010, den Ausbruch des MERS-Coronavirus 2012 und die Ebola-Epidemie 2014 – 2016 in Westafrika.

„Dynamischer Prozess“

Nowotny will die Folgen vieler Virusinfektionen nicht herabspielen: „Aber aus wissenschaftlicher Sicht sind für mich Viren sexyer als Bakterien. Ständig treten neue Viren und Virusvarianten auf, das ist ein sehr dynamischer Prozess. Virologen werden immer einen Job haben.“

Und er will in der allgemeinen Aufregung aufklären: „Viren sind einfach infektiöse Teilchen, die uns, tierische Organismen oder auch Pflanzen zum Überleben benötigen. Bakterien können im Labor auf toten Nährböden wachsen und sich vermehren. Viren benötigen dazu immer lebende Zellen – „sie selbst sind keine Lebewesen“, sagt Nowotny. Aber letztlich existiert ein Virus nur solange, solange der Mensch lebt. Außerhalb eines Organismus kann es zwar einige Zeit überdauern, sich aber nicht vermehren. Und deswegen will es auch nicht, dass wir sterben.“ So gesehen hätten vier andere Coronaviren, die harmlose grippale Infekte auslösen und das ganze Jahr hindurch zirkulieren, die optimale Strategie gewählt.

Viren sind schwierig zu bekämpfen: Antibiotika blockieren Stoffwechselvorgänge von Bakterien – Viren aber haben keinen eigenen Stoffwechsel, weshalb Antibiotika nicht gegen sie wirken. Erfolgreiche Therapien gibt es aber etwa gegen HIV, Hepatitis C oder Herpesviren – „hier werden gezielt bestimmte Mechanismen der Virusvermehrung blockiert“, erläutert Nowotny. Aber das ist die Ausnahme: „Gegen viele Viren – einschließlich des neuen Coronavirus – haben wir noch keine wirksamen Therapien.“

Die beste Möglichkeit, Viren zu bekämpfen, sei deshalb – wo es sie gibt – die vorbeugende Impfung.

„Keine Hamsterkäufe“

Ob er sich selbst Sorgen mache? „Ich mache mir Gedanken, wie wir die Situation am besten bewältigen können, und wie man Erkrankten am besten helfen kann, wenn sich der Erreger nicht mehr durch Quarantänemaßnahmen eindämmen lässt.“ Sorgen würde er sich machen, sollte einmal ein Virus auftreten, das extrem viele schwere und tödliche Krankheitsfälle auslöst: „Das ist aber derzeit nicht der Fall.“

 

Und auf die Frage, ob das Anlegen von Vorräten jetzt sinnvoll sei, sagt er: „Das ist absolut nicht notwendig, aber ein paar Konserven können nicht schaden – einige haltbare Lebensmittel sollte man ja sowieso immer Zuhause haben.“ Um gleich eine launige Relativierung nachzuschießen: Er selbst esse schließlich liebend gerne Thunfisch.

Die bekanntesten Vireninfektionen:  

Menschenpocken Die erste und bisher einzige menschliche Virusinfektion, die weltweit ausgerottet wurde. Der letzte Fall trat 1977 in Somalia auf.  Wie ist es möglich, ein Virus  auszurotten?  Es gibt eine  wirksame Impfung dagegen und  es darf kein tierisches Reservoir geben. Beides trifft hier zu. Der einzig betroffene Wirt war der Mensch. Als Erfinder der   Impfung  gilt Edward Jenner (Bild). Am 14. Mai 1796  führte der englische Landarzt die erste Pockenschutzimpfung mit  Rinderpockenlymphe durch. Nicht ausgestorben sind    zoonotische Arten  (von Tier auf Mensch übertragbar) –  wie  Kuhpocken.

Ebola Die Viren stammen aus den Regenwäldern Zentralafrikas. Zunächst trat die Infektion als kleinräumige Epidemie  in Zentralafrika auf  und betraf   kleine Ortschaften. Man nannte das Ebola-Fieber  eine  „self-limiting disease“, die   nach einer begrenzten Anzahl von  Todesopfern wieder verschwand. 2014 trat die  Infektion erstmals in Westafrika auf, das Gesundheitssystem war nicht vorbereitet. Die Übertragungsmöglichkeit war ausgeprägter. Es gab mehr als 11.000 Tote. Seither wird an der Herstellung von Medikamenten und eines Impfstoffes gearbeitet. Die Sterblichkeit beträgt 60 Prozent.  

Das HI-Virus („Human Immunodeficiency Virus“ oder Humanes Immunschwäche-Virus) wird über Blut oder Geschlechtsverkehr übertragen. Die Frühphase einer HIV-Infektion verläuft symptomlos oder uncharakteristisch. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer Schwächung des Immunsystems und zum Auftreten von bestimmten Erkrankungen. Das Virus  geht auf die für Abwehr zuständigen Immunzellen los und bringt sie um. So treten banale Infektionen auf, an denen die Menschen sterben. Heute ist HIV zwar nicht heilbar, aber gut behandelbar: Infizierte können ein relativ normales Leben führen, in dem die Anzahl der Viren mit Medikamenten so niedrig wie möglich gehalten wird. Wenn  bestimmte Krankheiten  auftreten sind  und  das Immunsystem stark geschwächt ist, spricht  man von  Aids („Acquired Immune Deficiency Syndrome“, „Erworbenes Immunschwäche-Syndrom“). HIV stammt von einem ähnlichen Affenvirus ab, das möglicherweise über Blut auf den Menschen übersprang.  Hollywood-Star Rock Hudson war 1985 der erste prominente Aids-Kranke. Auch Sänger Freddie Mercury und der Tänzer Rudolf Nurejew starben an Aids

Spanische Grippe Die erste dokumentierte Influenza-Pandemie 1918/ 1919. Verursacht wurde sie durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus. Darüber, wie   viele Menschen an Spanischer Grippe   gestorben sind, gehen die Meinungen auseinander. Die Rede ist   von 20 bis  40 Millionen Menschen. Für diese enorm hohen Opferzahlen war jedoch nicht nur die Virusinfektion selbst verantwortlich, sondern auch der gleichzeitige 1. Weltkrieg mit Truppenbewegungen, Unterernährung. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen, während Influenzaviren sonst besonders Kleinkinder und alte Menschen gefährden. Zu den prominentesten Opfern zählten Egon Schiele (Bild) und seine Frau Edith. Die letzte Zeichnung des 28 Jahre alten Malers ist ein Porträt der  Hochschwangeren.  Die Kreidezeichnung der Sterbenden war sein letztes Werk. Drei Tage, nach dem er  sie und das ungeborene Kind begraben hatte,   starb auch er. Heute hat die Menschheit eine  gewisse Immunität entwickelt.   Aber das H1N1 der Spanischen Grippe zirkuliert noch. Eine Variante des Virus verursachte  2009 den Ausbruch der „Schweinegrippe“-Pandemie.  

Tollwut Tollwut ist seit Langem bekannt – es gibt sogar ägyptische Wandmalereien dazu. Weltweit werden nach Angaben der WHO jährlich 60.000 Menschen mit dem Rabiesvirus infiziert. In Österreich ist die urbane Tollwut (Übertragung durch Straßenhunde) grundsätzlich 1950 erloschen. Ein Todesfall  wurde 2004  in Österreich dokumentiert: Ein Mann starb, nachdem er in Marokko von einem tollwütigen Hund gebissen worden war. Der letzte Todesfall der durch Wildtiere übertragenen silvatischen Tollwut wurde 1979 in Kärnten nach einem Fuchsbiss verzeichnet.

Polio Auch diese hochinfektiöse Viruskrankheit  ist seit Jahrtausenden bekannt. Sie kann zu Lähmungen der Arme, Beine und der Atmung führen. In Pakistan, in Afghanistan und im Irak gibt es Polio, auf deutsch Kinderlähmung,  nach wie vor.  Aber es wird weniger und es besteht eine Chance, dass Polio in den nächsten fünf bis zehn Jahren ausgerottet wird, denn es gibt kein tierisches Reservoir. In Österreich ist der letzte Fall von Polio 1980 aufgetreten. Die  Schluckimpfung gegen Polio wurde von Albert Sabin auf der Grundlage der Vorarbeiten von Jonas Salk entwickelt.  

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