Fledermäuse, wie die chinesische Hufeisennase, leben in Balance mit Viren.

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Wissen Gesundheit
02/10/2020

Virenjagd: Woher das neue Coronavirus kommt

Das natürliche Reservoir dürften Fledermäuse sein, der Weg zum Menschen ist noch unklar. Virologe Norbert Nowotny im Interview.

von Ernst Mauritz

Der Virologe Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien ist ein Spezialist für Zoonosen, für von Tieren auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten. Er war 2013 einer der Autoren der ersten wissenschaftlichen Arbeit zum auf der arabischen Halbinsel stark kursierenden MERS-Coronavirus. Sie zeigte auf, von welcher Tierart dieses Virus auf den Menschen übersprang.

KURIER: Welches Tier das neue Coronavirus in China auf den Menschen übertragen hat, ist noch unklar?

Norbert Nowotny: Ja, über einen möglichen Zwischenwirt gibt es vorerst nur Vermutungen. Der Ursprung, also das Virusreservoir, sind aber mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit so wie auch bei SARS wieder Fledermäuse. Denn es wurden schon bei Fledermäusen Coronaviren nachgewiesen, die genetisch zu 96 Prozent mit dem neuen Coronavirus ident sind.

Natürlich kann es sein, dass sich ein Mensch auch direkt bei Fledermäusen infiziert hat – sie werden in China auch gegessen. Oder es war wie bei SARS – da waren Schleichkatzen die Zwischenwirte. Diese gelten in China als Delikatesse und werden wegen der hohen Nachfrage gezüchtet und lebend auf Märken angeboten. Einer der ersten SARS-Fälle beim Menschen war ein Koch, der sich beim Zubereiten dieser Schleichkatzen angesteckt hat.

Jetzt sind Schuppentiere und Schlangen als Zwischenwirte im Verdacht?

Das sind Hinweise, weil man in diesen Tieren Coronaviren gefunden hat, die jenem beim Menschen genetisch sehr ähnlich sind. Aber hier sind noch gründlichere Untersuchungen notwendig. Bei Schlangen bin ich jedenfalls sehr skeptisch. Fledermäuse sind ja fliegende Säugetiere.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ein an ein Säugetier angepasstes Virus auf ein wechselwarmes Tier überspringt und von dort dann wieder auf ein Säugetier, nämlich den Menschen. Möglich ist natürlich alles, aber ich halte es für realistischer, dass ein wild lebendes oder gezüchtetes Säugetier als Zwischenwirt fungiert – vielleicht diese Pangolin-Schuppentiere.

Beim MERS-Coronavirus sind Dromedare die Zwischenwirte?

Ja. Ich war selbst an Untersuchungen im Oman beteiligt, wo wir nachweisen konnten, dass praktisch alle Dromedare Antikörper – Abwehrstoffe – gegen MERS-Coronaviren hatten, also mit diesen schon einmal in Kontakt gewesen sein mussten. Aber es gibt einen großen Unterschied zu SARS und dem neuen Coronavirus: Bei diesen war es wahrscheinlich so, dass der Übergang vom Tier auf den Menschen nur einmal erfolgt ist.

Danach haben sich die Viren nur mehr von Mensch zu Mensch weiter ausgebreitet. Bei MERS ist es anders: Da dürften Fledermäuse vor langer Zeit Dromedare infiziert haben. Und seither sind Dromedare die Virusträger, die übrigens selbst nicht oder kaum erkranken. Aber sie scheiden die Viren über das Nasensekret aus, wodurch sich immer wieder Menschen nach direktem Kontakt mit den Dromedaren anstecken – und danach die Infektion auf andere Menschen weitergeben. Wir konnten damals im Oman auch die MERS-Viren im Nasensekret direkt nachweisen.

Sind Fledermäuse auch noch der Ursprung anderer, für den Menschen gefährlicher Viren?

Ja, etwa des Marburg- und des Ebola-Virus, das von Fledermäusen auf Affen und dann über den Verzehr von infiziertem Affenfleisch auf den Menschen übersprang. Auch das natürliche Reservoir der in Australien vorkommenden Hendra-Viren sind Flughunde, über infizierte Pferde erkranken dann Menschen.

Und in Asien kommt das Nipah-Virus vor, das von Fledermäusen auf Schweine und von diesen auf Menschen übertragen wird. Beide können schwere Erkrankungen wie tödlich verlaufende Gehirnentzündungen verursachen. Sehr selten können Fledermäuse auch bestimmte Tollwutviren übertragen.

Wieso leben Fledermäuse unbeschadet mit so vielen Krankheitserregern?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Rund ein Viertel aller Säugetierarten sind Fledermäuse. Unterschiedliche Fledermausarten konnten sich im Laufe der Evolution an verschiedene Virenarten anpassen. Und möglicherweise hängt es mit ihrer Flugfähigkeit zusammen: Fliegen beschleunigt den Stoffwechsel, erhöht die Körpertemperatur und aktiviert das Immunsystem aber nur in dem Ausmaß, dass es die Viren gerade unter Kontrolle hält, und nicht – wie das sonst bei einer Infektion der Fall ist – komplett hochfährt. Es gibt also eine Balance zwischen Immunsystem und Viren. Aber das sind Theorien.

Bei SARS und jetzt auch bei dem neuen Virus werden Märkte als Ausgangspunkte der Ansteckung vermutet. Märkte mit lebenden Tieren sind offenbar ein besonderes Risiko?

Ja, weil viele Vogel- und Säugetierarten, Wild- und Zuchttiere auf sehr engem Raum beisammen sind. Und das erhöht das Übertragungsrisiko zwischen den Arten enorm. Bei SARS war es so, dass die Infektion der Schleichkatzen möglicherweise in Hallen in Marktnähe erfolgte, in denen eine größere Zahl an Tieren für die kommenden Markttage bereitgehalten wurde.

Dort könnte Fledermauskot eine Rolle gespielt haben. Derzeit sind die Wildtiermärkte geschlossen. Als Virologe bin ich aber überzeugt davon, dass es generell wichtig wäre, trotz ihrer langen Tradition, Lebendtiermärkte insgesamt zu schließen. Das Übertragungsrisiko für Krankheitserreger ist einfach zu groß.

Und man sollte auch nicht die Fledermäuse an sich als gefährlich darstellen: Nur wenige Menschen infizieren sich direkt an ihnen. Sie haben wichtige Funktionen im Ökosystem, etwa als Insektenfresser. Viele Arten sind bedroht. Von den einheimischen Fledermäusen geht keine Gefahr bezüglich dieser neuen Coronavirus-Infektionen aus.

Kann eine weltweite massive Ausbreitung des Virus noch verhindert werden?

Die chinesische Abschottungspolitik zusammen mit Gesundheitskontrollen – Temperaturscan – aus China Einreisender könnte wirken. Problematisch wird es, wenn China die Infektion nicht in den Griff bekommt oder sie sich auf andere asiatische Länder oder in Afrika ausbreitet. Dann könnte die Infektion einen ähnlichen Verlauf wie die pandemische Grippe 2009/2010 nehmen.

Drei Mal Coronaviren

SARS

Schleichkatzen haben 2002 das Virus erstmals auf den Menschen übertragen. 8.000 Erkrankte, 800 Todesfälle vor allem in China und Kanada.

MERS

2012 erste bekannte Infektionen von Menschen durch Dromedare, bisher rund 2.500 Infektionen mit 850 Todesfällen vor allem auf der Arabischen Halbinsel.

2019-nCoV

Bei dem neuen Virus ist noch nicht geklärt, ob es von Fledermäusen  direkt oder ebenfalls über Zwischenwirte  wie z. B. einem Schuppentier (Bild) auf den Menschen übersprang. Bereits 40.560 Infektionen und 910 Todesfälle, vor allem in China (Stand 10.2.2020).