Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter drängt darauf, dass Sportvereine bald wieder das Training mit Kindern und Jugendlichen aufnehmen dürfen.

© Kurier/Franz Gruber

Wissen Gesundheit
02/22/2021

Streitfrage: Sind weitere Öffnungsschritte vor Ostern möglich?

Zwei Experten schätzen das Risiko sehr unterschiedlich ein. Ohne umfassende Sicherheitskonzepte wird es auf keinen Fall gehen.

von Ernst Mauritz

Für „nicht zielführend“ hält der Komplexitätsforscher Peter Klimek angesichts tendenziell steigender Fallzahlen derzeit das Nachdenken über weitere Öffnungsschritte – das sagte er am Montag im Ö1-Morgenjournal. „Wir sehen gerade ein kontinuierliches Wachstum der Fälle mit der Virusvariante B.1.1.7“, präzisierte der Experte vom Complexity Science Hub im KURIER-Gespräch.

„Da es keinen Grund gibt anzunehmen, dass sich dieses Wachstum jetzt abschwächt, wäre es sehr mutig, derzeit über weitere Öffnungsschritte zu reden. Die Lage ist nicht so stabil, dass wir jetzt mit Siebenmeilenstiefeln von einem Öffnungsschritt zum nächsten rennen sollten. Wir müssen erst einmal untersuchen, ob wir die Schritte, die wir bisher gesetzt haben, aufrecht erhalten können und wie sie sich auf die Infektionszahlen auswirken.“

„Sportvereine öffnen“

Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien sieht das etwas anders: „Mein Kollege Michael Kundi und ich haben uns die Zahlen auch genau angesehen und sehen derzeit keinen besorgniserregenden Trend.“ Der Anstieg der Fallzahlen sei auf die verstärkten Tests zurückzuführen. „Wir müssen jetzt über Öffnungsschritte nachdenken, weil sie ja auch mit einem organisatorischen Aufwand und Vorlauf zusammenhängen“, sagt Hutter.

Der nächste „dringend notwendige Schritt ist das Öffnen von Sportvereinen für Kinder und Jugendliche, und zwar im Freien und in Hallen. Das ist ein Gebot der Stunde aus ärztlicher Sicht – um der psychischen Belastung und dem Bewegungsmangel der Kinder entgegenzuwirken, und um die Eltern zu entlasten. Die negativen Folgen der fehlenden Sportangebote sind so groß, dass dieser Schritt so rasch wie möglich erfolgen sollte. Hier würde ich mir mehr Engagement vom Sportministerium erwarten.“

Es sei aber auch bereits jetzt notwendig, über Schritte in den Bereichen Gastronomie und Kultur nachzudenken. „Eine Öffnung der Außenbereiche in der Gastronomie könne ein erster Schritt sein.“

„Wir brauchen jetzt mehr Zuversicht und positive Anreize, um die Menschen mitzunehmen“, sagt Hutter. „Es müssen sich dann aber auch so komische Diskussionen wie jene aufhören, dass ich im Lokal meinen Namen nicht bekannt gebe. “

Insgesamt sei es eine schwierige Gratwanderung. „Und nichts ist einfacher als entweder zu sagen, wir lassen immer alles zu, oder zu sagen, wir wollen alles so wie vor der Pandemie – beides ist nicht möglich. Wir brauchen eine Balance mit klugen Konzepten.“ Zu den Mutationen fehle es überdies noch an ausreichenden transparenten Daten.

„Der Anstieg ist da“

Klimek sagt, niemand bestreite, dass der Anstieg in der vergangenen Woche seine Ursache in der geänderten Teststrategie habe. Aber mittlerweile gebe es schon hinreichend Daten zu den Mutationen: „Wenn ich mich in Wien infiziere, ist es mittlerweile wahrscheinlicher, dass es die britische Variante ist als eine andere.“ Bei einer Verdopplungszeit dieser Variante von zwei bis vier Wochen könne man in den Fallzahlen zwischen zwei Tagen natürlich keinen Anstieg erkennen: „Aber er ist da.“ Jede weitere Öffnung müsste wissenschaftlich begleitet werden, um die Folgen abschätzen zu können.

Der Statistiker Erich Neuwirth hat für jedes Bundesland die PCR-Tests pro Woche pro 100.000 Einwohner und die 7-Tages-Anzahl an Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner verglichen. In Wien ist die Menge der PCR-Tests seit Jahresbeginn viel stärker gestiegen als in NÖ. Trotzdem ist der Anstieg der Neuerkrankungen der vergangenen zwei Wochen in beiden Bundesländern vergleichbar. „Das ist zumindest ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Erklärung, der Anstieg gehe alleine auf mehr Tests zurück, auf schwachen Beinen steht.“ Laut Neuwirth werde man in ungefähr einer Woche wissen, ob die Gefahr bestehe, dass es eine dritte Welle werde.

Klimek erwartet, dass sich „über die kommenden Wochen hinweg eine Welle der Mutation B.1.1.7 aufbauen wird“. Hier müsse man dann „frühzeitig und beherzt regional gegensteuern“. Hutter hingegen sieht keine Anzeichen für eine dritte Welle: „Natürlich benötigen wir strenge flankierende Maßnahmen, wenn wir an weitere Öffnungsschritte denken. Aber wenn wir längere Zeit nur auf der Bremse stehen, wird sie irgendwann heiß und dann funktioniert dieser Schutz nicht mehr.“

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