"Sputnik V": Präsident Putin rühmte sich Dienstagfrüh mit der Zulassung des ersten Corona-Impfstoffes.

© APA/AFP/Russia's Health Ministry/DMITRY KURAKIN

Wissen Gesundheit
08/12/2020

"Sputnik V": Risiko-Impfstoff aus russischer Hand

Bei dem vorbeugenden Corona-Präparat handle es sich um ein leichtfertig zugelassenes Mittel, warnen Experten. Langfristig könne das Impfängste schüren.

von Marlene Patsalidis

"In der Medizin gibt es manchmal Wunder", erklärt Infektiologe Herwig Kollaritsch angesichts der Blitzzulassung des russischen Corona-Impfstoffes am Dienstag, "aber sie sind sehr, sehr selten". Damit spielt der Impf-Experte auf die große Unbekannte an, die besagte Vakzine umgibt. "Wir wissen nicht, was das genau für eine Impfung ist. Es gibt meines Wissens derzeit noch keine einzige internationale Publikation dazu, die den wissenschaftlichen Begutachtungsprozess durchlaufen hat und damit wichtige Qualitätskriterien erfüllt."

Ungewiss sei auch, wie viele Menschen den immunisierenden Wirkstoff, den Russlands Präsident Wladimir Putin laut eigenen Angaben bereits seiner Tochter verabreichen ließ, in klinischen Teststudien erhalten haben. "Wir kennen weder das Nebenwirkungsprofil der Substanz noch die Antikörperreaktion, die sie im Organismus auslöst. Sprich, ob die Bildung von Antikörpern angestoßen wird, wie lange sich diese halten und ob auch die zelluläre Immunabwehr mobilisiert wird."

Gefährliche Abkürzung

Mit seinen Bedenken skizziert Kollaritsch den weiten Weg, den ein Impfstoff bis zur Zulassung zurücklegen muss. Dieser umfasst neben einleitenden Tierversuchen drei klinische Testphasen, wobei das Präparat in der finalen an rund 30.000 Menschen wiederholt auf Sicherheit und Verträglichkeit geprüft wird. "Der russische Kandidat kommt nicht einmal in die Nähe dieser Prüfphase", sagt Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes. Unter Einhaltung aller medizinischen Protokolle sei es nicht vorstellbar, "dass eine Vakzine zum jetzigen Zeitpunkt schon zum breiten Einsatz in der Bevölkerung bereit ist".

Über "Sputnik V" beziehungsweise "Gam-COVID-Vac Lyo", unter diesem Namen ist der vom Moskauer Gamaleja-Institut für Epidemiologie entwickelte und vom Kreml finanzierte Impfstoff in einer internationalen Datenbank registriert, ist lediglich bekannt, dass er seit Mitte Juni an 38 gesunden Personen erprobt wird – und, dass es sich um einen Vektorimpfstoff handelt. Dabei handelt es sich grundsätzlich um eine erprobte Technologie. Man greift auf ein für den Menschen harmloses Virus zurück. Im Fall von "Gam-COVID-Vac Lyo" offenbar Adenoviren, die gentechnisch so manipuliert werden, dass sich auf ihrer Oberfläche Proteine ausbilden, die dem Immunsystem vorgaukeln, es handle sich bei dem Erreger um SARS-CoV-2. Nach Verabreichung setzt der Organismus seine Abwehrkräfte in Gang.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befinden sich derzeit rund 30 Impfstoffe in diversen Prüfphasen am Menschen; eine Handvoll ist bereits in das entscheidende Entwicklungsstadium eingetreten. Darunter der Wirkstoff "AZD1222" der Universität Oxford und dem Pharmakonzern Astra Zeneca, der Impfstoffkandidat "Picovacc" des chinesischen Unternehmens Sinovac und eine Impfung des Mainzer Biopharma-Unternehmen Biontech und dessen US-Partner Pfizer.

Ängste schüren

Die Wissenschaftsgemeinschaft ist dennoch besorgt, dass Russland im Rennen um den ersten Corona-Impfstoff zu riskant vorgeht. "Es gibt trotz Pandemie keinen Anlass, die Grundsätze für die Zulassung von Impfstoffen zu umgehen", bekräftigt Druml. Alle Zulassungen müssten aus medizinethischen Gründen den gleichen Standards entsprechen, die Entwicklungsprozesse transparent nach außen hin zugänglich sein. "Letztlich geht es ja darum, einen wirksamen und risikolosen Impfstoff zu entwickeln."

Sollte sich im Nachhinein herausstellen, dass der Impfstoff Defizite hat, könnte das nicht nur für die russische Bevölkerung verheerend sein, es würde auch das weltweite Vertrauen in einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 schwächen. Dass Sicherheitsstandards wegen geopolitischer Bestrebungen im Rennen um einen zweifelsfrei wertvollen Impfstoff unterwandert werden, hält Ursula Köller, Mitglied der Arbeitsgruppe "Impfen" der Bioethikkommission, daher für eine "schreckliche Tatsache".

Den Kriterien der Europäischen Arzneimittelbehörde würde der russische Impfstoff laut Kollaritsch ohnehin nicht entsprechen. "Für eine Zulassung in Europa müssten alle Daten offengelegt und umfassend geprüft werden. Davon ist man meilenweit entfernt. Prestigemäßig mag es für Putin ein aus seiner Sicht geglückter Vorstoß sein, aber wir wissen nicht, was dieser Impfstoff wirklich wert ist."

Auch Köller geht nicht davon aus, dass "Sputnik V" international zugelassen wird. "Für uns geht davon also keine Gefahr aus. Ob wir die potenziellen Nebenwirkungen je erfahren werden, ist allerdings fraglich."

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