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Wissen Gesundheit
07/19/2020

Covid-Wucht: Eine Frage des Geschlechts?

Was Männer anfälliger für schwere Verläufe macht – und wie Frauen unter der Pandemie leiden.

von Marlene Patsalidis

Den Notfallmedizinern auf chinesischen Intensivstationen fiel es als erstes auf: Im Corona-Epizentrum Wuhan waren zu Beginn der infolge globalen Pandemie unter den Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen mehr Männer als Frauen. In den folgenden Wochen stützten kleinere Studien diese Beobachtung. "Mittlerweile kann man eindeutig sagen, dass Frauen gleich häufig oder sogar häufiger positiv auf das Coronavirus getestet werden", betont Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer, „Männer aber öfter schwere Symptome entwickeln und an Covid-19 sterben“.

Gleichstellung

In Österreich sind 50 Prozent der positiv Getesteten weiblich, bei den Todesfällen entfallen 44 Prozent auf Frauen. Nur in einigen wenigen Nationen werden bei Frauen weniger Ansteckungsfälle verzeichnet, etwa in Saudi-Arabien oder Afghanistan. "Es ist davon auszugehen, dass Tests dort der männlichen Bevölkerung vorbehalten sind."

In Ländern mit hohem Gleichstellungsindex sei es umgekehrt, Infektionszahlen auch dort mit Vorsicht zu genießen: Denkbar sei laut Kautzky-Willer, dass Frauen sich aus Vor- und Rücksicht bereitwilliger testen lassen. Zudem seien Frauen in Gesundheitsberufen an vorderster Front tätig: "Sie leisten einen Großteil der unbezahlten Pflegearbeit und sind einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt."

Dass Corona Männer härter trifft, zeigt sich in den Niederlanden besonders augenscheinlich. Dort ist die männliche Sterberate mehr als doppelt so hoch – Männer versterben im Schnitt 2,5-mal häufiger an Covid-19. Und das, obwohl die Niederlande gleichzeitig die geringste Zahl an positiv getesteten Männern im internationalen Vergleich aufweist.

Nicht nur die Datenlage hat sich verdichtet, auch bei der Ursachenforschung ist man vorangekommen. "Dass nur die Biologie eine Rolle spielt, ist ausgeschlossen", sagt Kautzky-Willer. Vielmehr sei ein Mix aus physischen und sozioökonomischen Faktoren ausschlaggebend. Eine frühe Vermutung hat sich bestätigt: Frauen sind immunologisch bevorteilt. "Der weibliche Organismus kann sich von Natur aus besser gegen Infektionen wehren", erklärt die Endokrinologin. Das sei auch der Grund, warum die saisonale Grippe Männern stärker zu schaffen macht. Dass Frauen über eine potentere Immunantwort verfügen, hat genetische Gründe: "Auf dem X-Chromosom, das bei Frauen doppelt angelegt ist, befinden sich dafür wichtige Gene. Frauen haben eine höhere X-Gendosis."

T-Zellen-Mobilisierung

Auch Antikörper-Studien belegen inzwischen, dass der weibliche Körper mit SARS-CoV-2 besser fertig wird: Frauen, die sich von schweren Verläufen erholt haben, bildeten früher und in größerem Ausmaß spezifische Abwehrstoffe. Auch bei der Mobilisierung von T-Zellen (dienen der Immunabwehr) scheinen sie bevorteilt. Das passt gut zum Argument vieler Immunologen: Wie effektiv sich der Körper gegen SARS-CoV-2 wehrt, sei nicht nur auf die Antikörperbildung zurückzuführen, auch das zelluläre Immunsystem falle ins Gewicht.

Hormonell sind Frauen in puncto Abwehrkräfte ebenfalls privilegiert: "Das weibliche Sexualhormon Östrogen ist bei der Bekämpfung von Entzündungen im Körper hilfreich." In diesem Kontext wird über den ACE-2-Rezeptor, über den SARS-CoV-2 in die Zellen eindringt, diskutiert. Er kommt bei Männern in höherer Konzentration vor. Weibliche Sexualhormone regulieren die Aktivierung der genetischen Substanz zur Ausbildung des Rezeptors herunter, weswegen Frauen niedrigere ACE-2-Spiegel besitzen.

Hormontherapie

In den USA werden männliche Covid-19-Patienten seit einigen Wochen mit Östrogen behandelt. Kautzky-Willer sieht darin "einen spannenden Ansatz". Ihre Prognose ist dennoch pessimistisch: "Frauen über 60 müssten dieser Theorie folgend häufiger schwer an Covid-19 erkranken, weil die Eierstöcke während der Wechseljahre immer weniger Östrogene bilden. Das ist aber nicht der Fall."

Laut RKI starben quer durch alle Altersgruppen bis hin zu den 70- bis 79-Jährigen jeweils mindestens doppelt so viele Männer wie Frauen. Danach gleicht sich das Verhältnis an, kehrt sich bei den 90- bis 99-Jährigen um. "Das könnte daran liegen, dass Frauen älter werden als Männer. Wenn ein Mann ein Alter von über 90 erreicht, ist er in der Regel topfit, biologisch bevorteilt und pflegt einen gesunden Lebensstil."

Lifestyle-Faktoren

Stichwort Lebensstil: Männer gehen seltener zum Arzt, ernähren sich schlechter und rauchen öfter, wie Studien belegen. Herzkreislauferkrankungen, Diabetes und Adipositas sind weitere Risikofaktoren – jüngere Männer sind davon stärker betroffen. In einer schwedischen Analyse zeigte sich, was männliche Corona-Tote noch eint: schlechtes Einkommen, niedriger Bildungsstand, lediger Beziehungsstatus, Migrationshintergrund. Kautzky-Willer: "Die sozioökonomischen Faktoren kommen in der Pandemie zum Tragen."

Die Geschlechterunterschiede noch genauer zu erforschen, könne der passgenauen Behandlung von Covid-19 dienen. "Dunkle Flecken gibt es bei den Kollateralschäden und Langzeit- folgen. Hier ist denkbar, dass Frauen sowohl gesundheitlich – durch dauerhafte Schäden an der Lunge – als auch wirtschaftlich im Nachhinein stärker leiden."

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