© APA/MICHAEL GRUBER

Wissen Gesundheit
01/10/2022

Omikron-Welle: Tage der Entscheidung

Molekularbiologe Ulrich Elling warnt vor einer Strategie der Durchseuchung. Immer mehr Kinder im Spital.

von Elisabeth Hofer, Karl Oberascher, Josef Siffert

"Die nächsten Tage/Wochen werden entscheidend sein." Ein Satz, beinahe schon mit Kultstatus, den man vom ehemaligen Gesundheitsminister Rudolf Anschober im Zuge der Pandemiebekämpfung immer dann gehört hat, wann immer er versucht hat, Land und Bevölkerung weiter zum Durchhalten zu animieren - und das war oft der Fall. Aktuell ist wohl wieder einer dieser Augenblicke, in denen Anschober gesagt hätte: "Die nächsten..."

Die fĂĽnfte Welle hat Ă–sterreich voll im Griff, es gibt so viele Neuinfektionen wie seit Wochen nicht mehr. Gestern, Sonntag, wurden wieder mehr als 10.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden behördlich registriert. 15.000 bis 16.000 können es nach Prognosen täglich werden. Kanzler Karl Nehammer rechnete im KURIER-Interview gar mit mehr: "Wir rechnen in den kommenden Tagen mit Infektionszahlen von mehr als 20.000 pro Tag."

Dass die Zahl registrierter Neuinfektionen derart gestiegen ist, ergibt sich zum einen, da in den vergangenen Tagen so viele Tests wie an keinem Wochenende zuvor durchgeführt wurden. Zum anderen aber zeigt es, was Experten und Expertinnen in den vergangenen Wochen prognostiziert hatten: Nach den Weihnachts- und Silvesterfeierlichkeiten hat die fünfte Welle Österreich voll erwischt. Die ansteckendere Omikron-Variante hat die zuvor vorherrschende Delta-Variante längst abgelöst.

Lockdown verhindern

Das "erste groĂźe Ziel" ist fĂĽr Gesundheitsminister Wolfgang MĂĽckstein (GrĂĽne) aktuell, einen weiteren Lockdown zu verhindern. Entscheidend hierfĂĽr soll kĂĽnftig nicht mehr die Belegung der Intensivstationen sein, sondern jene der Normalstationen. 

Einen konkreten Prozentwert, ab dem ein Lockdown notwendig werden wĂĽrde, konnte MĂĽckstein aber noch nicht nennen. Es sei derzeit noch offen, welches AusmaĂź der Auslastung an den Normalstationen zu welchen MaĂźnahmen fĂĽhren mĂĽsse. "Das wissen wir noch nicht."

Die Omikron-Variante gilt ansteckender ist als Delta, der Verlauf der Krankheit aber milder. Laut Gesundheitsminister ist die Wahrscheinlichkeit einer Spitalsaufnahme bei Omikron circa 40 bis 50 Prozent geringer als bei der Delta-Variante. Bekannt sei auch, dass bei der Delta-Variante etwa 20 Prozent der Intensivpatienten beatmet werden mussten, bei Omikron nur zwei Prozent.

Zwei Strategien

Generell gibt es laut MĂĽckstein zwei mögliche Strategien, um mit Omikron umzugehen: den Lockdown oder es "tatsächlich mehr oder weniger durchrauschen" zu lassen, wie es etwa GroĂźbritannien tut. Allerdings: "Wir gehen keinen von beiden Wegen.“ 

Denn der Ausweg aus der Krise sei nicht die Durchseuchung, sondern die Impfung, warb der Gesundheitsminister einmal mehr dafĂĽr, sich impfen zu lassen. "Wir wissen, dass die Impfung bei Omikron zu einer deutlich reduzierten Spitalsaufnahme und ebenso auf den Intensivstationen fĂĽhrt. Deswegen ist auch das Zeitfenster von wenigen Wochen, die wir jetzt noch haben, bis auch die Spitäler wieder mehr belastet werden, so wichtig, um es fĂĽr die Impfung zu nĂĽtzen." 

FĂĽr MĂĽckstein ist nach wie vor fix, dass die allgemeine Impfpflicht wie geplant mit Februar eingefĂĽhrt wird. 

Hospitalisierung höher als bei Alpha

Auch wenn Omikron wohl milder verlaufe als eine Infektion mit der Delta-Variante, "ist die Hospitalisierung nach aktuellen Daten deutlich höher als bei Alpha", mahnt Molekularbiologe Ulrich Elling via Twitter vor einer Strategie der Durchseuchung.

"Durchseuchung mag eine Option für die sein, die Selbstvertrauen in ihre persönliche Gesundheit haben. Für viele von uns stellt dieses Szenario aber eine echte Drohkulisse dar. Für all jene müssen wir einen dichten Schutzschirm spannen, bevor wir die Endemie einläuten“, gibt er zu bedenken.

Über kurz oder lang werde man das auch in den Spitälern spüren, wie ein Blick nach Großbritannien zeige: "Dort gibt es zwar viele Hospitalisierte aber relativ wenig Bedarf an Intensivpflege."

Welche Folgen Omikron hat, zeige auch ein Blick in die USA, wo die Krankenhausbelegung bald schon höher ist als während der gesamten bisherigen Pandemie. Gleichzeitig fehle derzeit viel Spitalpersonal, weil dieses ebenfalls infiziert ist. Den USA mache auch die niedrige Impfquote in manchen Bundesstaaten zu schaffen: "Dort erreichen auch die Belegungen der Intensivstationen bereits Rekordwerte in der Pandemie, Tendenz stark steigend. Omikron ohne Immunisierung ist eben immer noch Covid-19", macht der Mikrobiologe klar.

Sein Resümee: "Eine Durchseuchung ist ein unschätzbares Risiko“, auch weil man noch nicht wisse, wie häufig Omikron zu Long Covid führt.

Kinder müssen nach Infektion häufiger ins Krankenhaus

Wenn am heutigen Montag wieder die Schule beginnt, werden sich wohl trotz VorsichtsmaĂźnahmen auch Kinder mit der neuen Omikron-Variante anstecken.

Das ist keine gute Nachricht, wie der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt: Das würden Daten aus Südafrika und aus Großbritannien zeigen. Dort mussten nämlich weitaus mehr Kinder aufgrund einer Coronainfektion ins Spital eingeliefert werden als das bei Infektionen mit vorherigen Varianten der Fall war.

Laut den britischen Daten mussten während der vergangenen drei Wochen mehr Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ins Spital als während der gesamten ersten Welle. Während seit Mitte Dezember 1.598 junge Menschen wegen einer Coronainfektion im Krankenhaus aufgenommen werden mussten, waren es vom März bis August 2020 gerade einmal 1.333 – und das obwohl damals noch kein Kind geimpft war.

Christina Pagel, einer der führenden britischen Coronaexpertinnen, empfiehlt deshalb, dass andere europäischen Länder aus den Zahlen lernen sollten: Zum einen müsse man die Maßnahmen verschärfen, um die Spitäler zu entlasten, zum anderen sei es wichtig, auch die Kinder zu impfen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir wĂĽrden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfĂĽr keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und ĂĽberall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.