Robert Krabacher ist seit 20 Jahren MS-Patient: „Sport hilft mir, die Symptome unter
Kontrolle zu bekommen“.

© Marlene Schmid / MSG Tirol

Wissen Gesundheit
06/23/2020

Multiple Sklerose: „Man darf sich nicht hinunterziehen lassen“

Ganzheitliche Therapien können heute vielen Patienten helfen. MS ist kein Risikofaktor für Covid-19.

von Ernst Mauritz

Plötzlich sieht man auf einem Auge schlecht. Und wenn es nach links oder rechts bewegt wird, schmerzt das: „Eine solche Sehnerventzündung ist das häufigste Erstsymptom einer Multiplen Sklerose“, sagt der Neurologe und MS-Experte Michael Guger vom Kepler Universitätsklinikum Linz. Aber auch Gefühlsstörungen oder Schwindel sind typische frühe Beschwerden: „Jedes neurologische Symptom, das länger als 24 Stunden kontinuierlich vorhanden ist, sollte abgeklärt werden.“

Jede Form behandelbar

Und Guger unterstreicht auch, warum das so wichtig ist: „Wir können heute sämtliche Verlaufsformen der MS behandeln“ – je früher die Therapie beginnt, umso besser die Ergebnisse. 2017 ergab eine Studie mit 317 Patienten unterhalb des Pensionsalters, dass nur 50 Prozent noch berufstätig waren: Bei einer effektiven Behandlung von Erkrankungsbeginn an sollte es möglich sein, diesen Prozentsatz zu erhöhen.

Viele verbinden MS mit dem Auftreten von Schüben, bei denen vorübergehend (neue) Symptome auftreten – so beginnt auch bei 80 bis 85 Prozent der Betroffenen die Erkrankung. Dank verbesserter „Intervalltherapien“ zwischen den Schüben kann der Krankheitsverlauf so beeinflusst werden, dass weniger oder sogar gar keine derartigen Ereignisse auftreten, sagte Guger Dienstag bei einem von Novartis organisierten Pressegespräch.

Allerdings: Ein schubförmiger Verlauf kann auch in eine chronische Verschlechterung übergehen. „Unbehandelt ist dies in den ersten zehn Jahren bei rund 50 Prozent der Patienten der Fall.“ Bei guter MS-Therapie hingegen kommt es – wenn überhaupt – erst viel später dazu. „Heute stehen uns aber auch bei dieser Krankheitsform zwei Substanzen zur Therapie zur Verfügung.“ Wobei Guger betont: Eine Therapie der MS besteht immer aus mehreren Säulen, Medikamente sind nur eine davon. „Das Aktivsein, Bewegung und Sport, ambulante und stationäre Rehabilitation und eine positive Grundstimmung sind etwas ganz Wichtiges.“

Ein gutes Beispiel dafür ist der Tiroler EDV-Spezialist Robert Krabacher, der vor 20 Jahren die Diagnose MS erhalten hat. Im Sommer setzt er sich auf sein E-Bike, im Winter geht er langlaufen: „Wenn ich im Dezember damit beginne, schaffe ich gerade 100 Meter. Aber mit der Zeit geht es immer besser, und im März, April komme ich auf drei bis vier Kilometer – das gelingt mir nur durch ständiges Üben.“ Der Sport helfe ihm, den Schwindel unter Kontrolle zu bringen. „Und er ist auch eine gute Übung für die Beine, der Schmerz wird dadurch weniger. Ich habe nie in meinem Leben damit aufgehört, mich viel zu bewegen.“

Seine positive Lebenseinstellung habe ihm sehr geholfen. „Man soll nicht immer denken: ,Ich habe MS.‘ Das bringt nichts. Ich habe selbst zwei, drei Jahre gebraucht, bis ich damit umgehen konnte. Aber man darf sich nicht hinunterziehen lassen. Mein Motto lautet: ,Ich habe MS – und ich liebe mein Leben.‘ Auch seine Partnerin Marlene Schmid, selbst MS-Patientin, sieht das so: „Egal, welche Verlaufsform man hat: Man darf nie aufgeben, auch mit MS ist ein erfülltes Leben möglich.“

Kein Risikofaktor für Covid-19

Multiple Sklerose per se ist übrigens kein Risikofaktor im Zusammenhang mit dem neuen Coronavirus. Oberarzt Guger: "Es schaut so aus, dass die klassischen Intervalltherapien kein erhöhtes Risiko darstellen und vielleicht sogar einen gewissen minimalen schützenden Effekt haben, weil ja die schweren Verläufe bei Covid-19 oft durch eine Überreaktion des Immunsystems mitgetriggert werden und gerade unsere Medikamente genau das Gegenteil bewirken."

Multiple Sklerose
MS ist die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) bei jungen Erwachsenen.

Rund 13.500 Betroffene
Das ist die Schätzung für Menschen, die in Österreich leben. Frauen sind drei bis vier Mal so häufig betroffen wie Männer. Dank moderner Therapien ist die Lebenserwartung heute dieselbe wie ohne MS.

 

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