Multiple Sklerose: Welche falschen Vorstellungen oft ihr Bild prägen

Symbolbild von Nervenzellen
Die Diagnose dieser neurologischen Erkrankung verunsichert viele Betroffene auch aufgrund alter Darstellungen, die heute nicht mehr zutreffend sind.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger ist Facharzt für Neurologie und  Psychiatrie und und leitet die Uni-Klinik für Neurologie der MedUni / AKH Wien.

Die Diagnose Multiple Sklerose ist  oft mit  Ängsten  und bestimmten Bildern – etwa der Furcht vor einem Leben im Rollstuhl, Problemen mit der geistigen Leistungsfähigkeit – verbunden. Ist das die Realität?

Thomas Berger: Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Erkrankung des jungen Erwachsenenalters, die meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auftritt. Die Betroffenen sind im beruflichen und privaten Aufbau, natürlich sind da die Sorgen groß. Aber solche undifferenzierten Bilder stammen aus einer Zeit, in der wir noch viel weniger Therapiemöglichkeiten hatten als heute. Durch moderne Behandlungsformen tritt heute sehr oft vieles von dem nicht mehr auf, das früher das Bild von Multipler Sklerose geprägt hat.  Das Bild vom Rollstuhl etwa  trifft in den allermeisten Fällen nicht mehr zu.

Multiple Sklerose: Welche falschen Vorstellungen oft ihr Bild prägen

Neurologe Thomas Berger von der MedUni Wien.

Was ist das Therapieziel?

Bei MS kommt es zu entzündlichen Veränderungen in Teilen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Unser Ziel ist heute, mit frühem Therapiebeginn mit modernen Medikamenten all das zu verhindern, was ohne Therapie in den nächsten 50 Jahren passieren könnte. Und wir können oft das Fortschreiten der Erkrankung stoppen.

Und die Sorge vor geistigen Beeinträchtigungen?

Auch das muss man differenziert sehen. Viele Menschen leben sehr gut, mit keinen oder wirklich nur geringen Beeinträchtigungen. Es kann aber auch – meist subtile – Einschränkungen geben: Etwa Schwierigkeiten, sich länger mit einem Thema konzentriert zu beschäftigen, ohne zu ermüden. Konzentration, Aufmerksamkeit, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen: Das kann anstrengend und ermüdend sein. Aber dass Menschen aufgrund einer geistigen Einschränkung pflegebedürftig werden, das sehen wir heute nicht mehr.

Aber im Berufsleben kann sich das auswirken?

Es gibt Patienten die sagen, 40 Stunden die Woche, acht Stunden am Tag, das ist mir zu viel. Hier gibt es viele Firmen, die darauf Rücksicht nehmen – aber leider nicht alle. In einer Umfrage mit 16.000 Patienten zeigte sich, dass selbst jene, die nur einen geringen Grad an Einschränkungen durch ihre Krankheit hatten, zu 50 Prozent nicht mehr berufstätig waren – obwohl sie noch im Erwerbsalter waren. Das ist erschreckend.

Als Gründe haben die Patienten, die nicht mehr berufstätig waren, selbst zwei Ursachen genannt: Eine rasche, krankheitsbedingte Ermüdbarkeit und doch gewisse, wenn auch nicht sehr starke Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit wie eben Probleme beim längerfristigen Konzentrieren. Oft helfen da längere Pausen zwischendurch, vielleicht ein kurzes Energienickerchen, ein wenig spazieren gehen – ich kenne genug Beispiele, wo mit ein wenig Rücksichtnahme auf solche Bedürfnisse Arbeitnehmer und -geber ein wirklich gutes Verhältnis miteinander haben.

Aber wo das nicht möglich ist, können die Folgen einer MS-Erkrankung durch den Verlust der Erwerbstätigkeit dramatisch sein. Dann sind es nicht die Medikamente, die hohe Kosten verursachen. Es sind die indirekten Folgen wie der Arbeitsplatzverlust. Und hier wird ein Umdenken auch in Teilen der Wirtschaft notwendig sein. MS-Patienten sind sehr wohl leistungsfähig. Manchmal benötigen sie aber ein wenig Unterstützung, um diese Leistung auch abrufen zu können.

Telefonsprechstunde mit Dr. Berger: Fr., 21. 2., 11–12 Uhr. eMail: gesundheitscoach@kurier.at

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