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Überall auf der Welt werden Impfstoffe gegen Covid-19 ausgerollt.

© APA/AFP/PEDRO PARDO / PEDRO PARDO

Wissen Gesundheit
12/29/2020

Faktencheck zur Covid-Impfung: Wie hoch ist das Langzeitfolgen-Risiko?

Immer wieder warnen Impfskeptiker vor möglichen, noch unerkannten Langzeitfolgen. Doch die meisten - in der Regel milden - Impfreaktionen treten kurzfristig nach der Gabe auf.

von Ernst Mauritz, Marlene Patsalidis

Er habe großes Verständnis für alle Menschen, die sich über Langzeitfolgen von Impfungen gegen das neue Coronavirus Sorgen machen, sagte FPÖ-Chef Norbert Hofer am Montag in der ORF-Sendung "ZiB 2". Diese könne man noch nicht abschätzen, weil die Hersteller stark unter Druck gewesen seien, sehr rasch Corona-Impfstoffe zu entwickeln.

"Ich weiß, viele Leute haben große Angst vor Langzeitwirkungen", sagt der österreichische Virologe Florian Krammer im KURIER-Gespräch, fügt jedoch hinzu: "Aber wenn man sich Nebenwirkungen von Impfungen generell ansieht, zeigt sich, dass diese relativ bald nach der Impfung auftreten. Da antwortet das Immunsystem, und wenn diese Antwort am stärksten ist, sind es auch die körperlichen Auswirkungen."

Dies gelte auch für sehr seltene, vorübergehende neurologische Beschwerden wie Lähmungserscheinungen als Folge einer Reaktion des Immunsystems gegen eigene Nervenzellen. Bei der Pfizer-BioNTech-Impfstudie mit 44.000 Teilnehmern traten vier Fälle einer vorübergehenden Lähmung eines Gesichtsnervs auf. "Das kann in ganz seltenen Fällen relativ schnell nach einer Impfung auftreten und dauert auch nicht lange. Sobald die Immunantwort schwächer wird, sind diese Symptome in den meisten Fällen auch wieder verschwunden", betont Krammer, der am Mount Sinai Hospital in New York tätig ist.

Zu den häufigsten dokumentierten Beschwerden bei den Impfstoffen von Pfizer/BioNTech und Moderna zählen Schmerzen an der Einstichstelle, gefolgt von Müdigkeit und Kopfschmerz. Auch Fieber und Gliederschmerzen können auftreten. Die Intensität ist nach der zweiten Impfung stärker. Krammer: "Aber die sind nach 24 bis 48 Stunden verschwunden. Das ist unangenehm, aber harmlos." Laut dem Virologen müssen 90 Prozent der Geimpften mit milden Begleiterscheinungen rechnen, die übrigen zehn Prozent werden kaum etwas spüren.

Es stimme nicht, dass es mit den technologisch neueren Boten-RNA-Impfstoffen (dazu zählen die Wirkstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna) keine Erfahrungen gebe: "Klinische Studien mit solchen Impfstoffen zu anderen Erkrankungen beziehungsweise Krankheitserregern werden seit 2013 durchgeführt."

Allergische Reaktionen

Auch die bisher in Einzelfällen beobachteten allergischen Reaktionen treten laut Krammer nur unmittelbar nach der Impfung auf: "Das ist schon eine reale Nebenwirkung, aber eben auch sehr selten." In den USA wurden mittlerweile mehr als zwei Millionen Impfdosen verabreicht mit nur einigen wenigen solcher schwerer Reaktionen.

Nur Menschen, die nachweislich eine Allergie gegen einen Inhaltsstoff der Impfung haben, sollen diese nicht bekommen. Menschen, die einmal bereits einen sogenannten anaphylaktischen Schock hatten, müssen danach zumindest 30 Minuten lang überwacht werden.

"Im erwartbaren Bereich"

Bei Menschen mit schwerer Allergie-Geschichte kann es durch Impfungen häufiger zu solchen Reaktionen kommen, weiß auch Markus Zeitlinger, Leiter der Abteilung für klinische Pharmakologie der MedUni Wien. Aus klinischen Studien werden sie meist ausgeschlossen, weil man eine Arznei möglichst breit und keine sehr seltenen Extremfälle untersuchen will. "Meist wissen Betroffene aber um ihr Risiko und tragen immer für Notfälle einen Adrenalin-Autoinjektor bei sich."

Bei allen von einer anaphylaktischen Reaktion betroffenen Geimpften gingen die Symptome, etwa Ausschlag im Gesicht und am Oberkörper, Atemnot, erhöhte Herzfrequenz, bisher binnen weniger Stunden oder maximal weniger Tage zurück. "Solche seltenen allergischen Reaktionen sind im erwartbaren Bereich", beruhigt Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferats der Ärztekammer.

Gutes Zeichen

"In sogenannten Phase-III-Studien unmittelbar vor einer Zulassung sind bis zu 80.000 Menschen eingeschlossen", sagt Krammer. "Natürlich kann es Nebenwirkungen geben, die so selten sind, dass sie da noch nicht zu sehen sind. Aber dann ist auch das Risiko für den einzelnen sehr gering."

Diese Reaktionen seien grundsätzlich außerdem positive Zeichen, dass das Immunsystem reagiert. Kammer dazu: "Nach den bisherigen Daten schaut es nach einer sehr normalen Immunantwort aus, die über Monate recht stabil ist. Das heißt, bis die Antikörperspiegel zu jenem Punkt abfallen, wo dann kein Schutz mehr gegeben ist, wird es wahrscheinlich sehr lange dauern. Ich würde sagen, dass wir hier von einem Schutz reden, der Jahre und nicht nur Monate anhält."

Theoretisch seien im Bereich der Analyse von Langzeitfolgen durch die Impfungen Sicherheitslücken denkbar, die in den kurzen Studienzeiträumen nicht sichtbar wurden, sagt Zeitlinger. Deswegen würden bei allen schon zugelassenen Impfstoffen von den Herstellern auch laufend neue, zuverlässige Sicherheitsdaten generiert und an die Arzneimittelbehörden übergeben."Die Literatur lehrt uns aber, dass sie bei Impfstoffen extrem unwahrscheinlich sind."

Wichtige Nachbeobachtung

Ähnlich sieht das Impfexpertin Ursula Wiedermann-Schmidt, die das Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien leitet und am Sonntag die ersten Menschen in Österreich gegen SARS-CoV-2 geimpft hat. "Die allermeisten Reaktionen auf eine Impfung, etwa auch die genannten allergischen, machen sich sofort bemerkbar. Natürlich kann es bei 20.000 geimpften Studienteilnehmern der Fall sein, dass Nebenwirkungen, die noch seltener als im Verhältnis von 1:10.000 auftreten, noch nicht erkannt sind." Deshalb gebe es Auflagen für eine umfassende Nachbeobachtung.

Nutzen vs. Risiko

Wenn man Sorgen vor Langzeitfolgen hat, dann müsse man sich eigentlich die Langzeitfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus ansehen, mahnt Wiedermann-Schmidt: "Und da haben wir mittlerweile schon viele Informationen, dass die vielfach nicht so harmlos sind. Selbst Personen, die nicht so schwer Erkranken, berichten sehr häufig, dass es ihnen monatelang schlecht gegangen ist. Zunehmend gibt es auch von jungen Menschen solche Berichte, die eigentlich Sorgen bereiten."

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