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Wissen Gesundheit
11/24/2020

Intensivmediziner: "Wir werden diese Sache ganz sicher stemmen"

Spezialisten betonen: Kapazitäten sind "aufs Äußerste angespannt". Wenn die Zahl der Intensivpatienten aber bald sinkt, kann die Situation bewältigt werden. Auch jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen auf Intensivstationen.

von Ernst Mauritz

Mit einem Kraftakt gelinge es derzeit auf den Intensivstationen noch, durch die zweite Welle der Corona-Pandemie zu kommen - trotz der erstmals mehr als 700 Intensivpatienten in Österreich (exakt 704):  "Aber jetzt müssen die leichten Rückgänge, die es seit einigen Tagen bei der Zahl der Neuinfektionen auf weiterhin sehr hohem Niveau allerdings gibt, zu einer raschen Abnahme bei der Zahl der intensivpflichtig Erkrankten führen. Sonst befinden wir uns in einer Versorgungskrise, wie wir sie in unserem hochentwickelten Gesundheitssystem noch nicht erlebt haben. Die Kapazitäten sind auf das Äußerste angespannt."

Das erklärte Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) und Leiter der Uni-Klinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie der MedUni / AKH Wien, Dienstag  in einem Statement in Wien.

 "Wir versuchen alle Patienten optimal zu behandeln. Wir sind bei engen Ressourcen gezwungen, z.B. in Aufwachräume auszuweichen", ergänzte Walter Hasibeder, Leiter der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin im Krankenhaus Zams in Tirol und künftiger ÖGARI-Präsident bei einer Pressekonferenz der Fachgesellschaft: "Es ist ganz klar, dass sich da dann das qualifizierte Personal ausdünnt und man anderes Personal hinzuziehen muss zur Betreuung der Patienten: Und natürlich wird dann die Qualität nicht dieselbe sein, wie wenn wir nur auf einer Intensivstation die Patienten mit einem eingespielten Team behandeln. Aber eines darf ich versichern: Wir werden diese Sache ganz sicher stemmen, wenn jetzt die Infektionszahlen hinuntergehen. Und wir werden uns um jeden Patienten bemühen. So schnell sind wir nicht in Triage-Situationen, wie wir sie in anderen europäischen Ländern gesehen haben."

"Kapazitätserweiterung hat Grenzen"

Es werden derzeit österreichweit größte Kraftanstrengungen unternommmen, um nochmals Ressourcen, wo immer möglich, zu erweitern, Personal umzuschichten, Aufwachräume für die Intensivversorgung zu nutzen und Kapazitäten durch die Verschiebung von nicht dringend erforderlichen Behandlungen zu gewinnen. "Aber diese Bemühungen, die hochspezialisierten Intensivkapazitäten zu erweitern, haben Grenzen", betonte Markstaller.

Er unterstrich auch, dass eine Triage (die Auswahl von Patienten nach Dringlichkeit) kein harter Punkt ist, der  sich an einer bestimmten Anzahl von Intensivbetten fest machen lässt. "Der Gürtel wird aber enger. Sie haben eine Situation, wo es zunehmend schwieriger wird, Patienten frühzeitig und rechtzeitig auf die Intensivstationen zu übernehmen, wenn immer mehr Patienten intensivpflichtig werden."

Das derzeitige Niveau von 700 Patienten "ist sehr eng und bedeutet, dass an vielen Krankenhäusern bereits zusätzliche Ressourcen gestellt werden, mit Ausweitungen gearbeitet wird". Aber es finde keine harte Triage in dem Sinne statt, dass Patienten nicht mehr behandelt werden können.

Zahl der Intensivbetten hat Einfluss auf Sterblichkeit

Trotz der steigenden Todeszahlen steht Österreich bei der Mortalität im internationalen Vergleich gut da: „Die Todesfälle in Relation zur Bevölkerung liegen hierzulande bei knapp 27 pro 100.000 und damit deutlich niedriger als z. B. in der Schweiz mit 47 pro 100.000.“ Dieser Unterschied zwischen ökonomisch vergleichbaren Staaten mit einem auch vergleichbaren medizinischen Niveau sei nur über die Zahl der Intensivbetten erklärbar: „In der Schweiz sind bei einer vergleichbaren Bevölkerungszahl nur rund 880 zertifizierte Intensivbetten verfügbar. Die Belastungsgrenze war dort bereits früher erreicht als bei uns.“ Noch eklatanter sei der Unterschied bei der Mortalität zwischen Deutschland mit 17 Todesfällen pro 100.000 Einwohnern und Spanien mit 91 Todesfällen pro 100.000 Einwohnern – und deutlich weniger Intensivbetten. Markstaller: „Man sollte für die Zukunft die Intensivmedizin schätzen und ausbauen, anstatt die angeblich viel zu hohe Intensivbettendichte zu kritisieren.“

 

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Seit Beginn der Pandemie sind bereits rund 77.000 Veröffentlichungen zu SARS-CoV-" und Covid-19 erschienen. "Trotzdem sind wir weit davon entfernt, diese Krankheit zu verstehen, weil sie so vielfältig und unberechenbar ist", sagt Hasibeder: "Immer wieder tauchen neue Facetten der Erkrankung auf, mit denen wir nicht rechnen, oder plötzliche Verschlechterungen. Jeder Tag ist anders, nichts ist  vorhersehbar." Dies sei auch für die Angehörigen eine große Belastung.

Rund fünf Prozent entwickeln ein schweres "Acute Respiratory Distress Syndrome" (ARDS), also eine massive Beeinträchtigung der Atmung mit "Lufthunger" bzw. Atemnot. Etwa drei Prozent der Covid-19-Patienten müssen intensivmedizinisch betreut werden: "Sie leiden an einer lebensbedrohlichen kritischen Erkrankung, wie wir sie sonst kaum je gesehen haben."

Trotz der steigenden Sterbezahlen ist zumindest bisher die Fallsterblichkeit - die Zahl der Todesfälle im Verhältnis zu den positiv Getesteten - innerhalb der Gruppe der intensivpflichtigen Patienten stetig gesunken. "Haben wir im Frühjahr zum Beispiel in New York oder Italien bei intubierten Patientenn häufig eine Sterblichkeit von bis zu 90 Prozent gesehen, so liegt diese heute bei uns zwischen 20 und 30 Prozent - zumindest, so lange die Intensivkapazitäten nicht völlig überfordert sind."

Auch Jüngere betroffen

In der Öffentlichkeit gebe es ein hartnäckiges Bild der "Risikogruppe", die für schwere Krankheitsverläufe besonders gefährdet sein soll: "Alt, mit vielen Vorerkrankungen, gebrechlich. Dies müssen wir doch deutlich zurechtrücken", betonte Hasibeder.

So seien etwa die Intensivpatienten in Tirol im Median 64 Jahre alt (zwei Drittel Männer) - das heißt, die Hälfte ist jünger als 64 Jahre. Zwischen den ersten Symptomen und der Intensivaufnahme liegen im Schnitt acht Tage. "Die Behandlungsdauer auf der Intensivstation liegt in unserer Studie bei 18 Tagen, die Mortalität bei knapp 22 Prozent."

Die Darstellung, die meisten Covid-19-Opfer seien bereits vor der Infektion sehr alt und / oder schwer krank gewesen und hätten auch ohne das Virus keine lange Lebenserwartung gehabt, sei jedenfalls nicht haltbar: "Ebenso wenig übrigens die Annahme, Erkrankte würden vorwiegend an den sogenannten ,Vorerkrankungen` sterben und nicht am Virus."

Viele hätten typische Zivilisationserkrankungen: "Sie leiden oft an einem arteriellen Bluthochdruck, der aber gut medikamentös eingestellt ist, haben Diabetes, manche  haben eine Herzgefäßerkrankung."Aber über alles gesehen  seien sie "funktionell noch ganz gut beisammen, manche betreiben Sport, gehen oft sehr weite Strecken auf einen Berg hinauf und nur die wenigsten sind als gebrechlich zu bezeichnen und haben wirklich Einschränkungen im täglichen Leben."

Viele haben aber auch gar  keine Vorerkrankungen. Markstaller: "Wir sehen nicht nur Patienten mit schweren Vorerkrankungen. Wir sehen durchaus auch Menschen auf den Intensivstationen, die mitten im Leben stehen und jung sind."

Spätfolgen nach langen Intensivaufenthalten

Sorgen bereitet den Intensivmedizinern auch das "Post-Covid-19-Syndrom": Besonders nach langen Intensivaufenthalten leiden viele Patienten an unterschiedlichen Beschwerden, von Muskel- und Gelenksschmerzen bis zu neurologischen Problemen. "Viele Patientinnen und Patienten müssen nach ihrem Aufenthalt im Krankenhaus unbedingt weiter betreut werden, in vielen Fällen in spezialisierten Reha-Einrichtungen." Hier müsse angesichts der hohen Patientenzahlen dafür Sorge getragen werden, dass nicht der nächste Flaschenhals und Engpass im Versorgungssystem entstehe.

Was bei knappen Ressourcen entscheidend ist

Sollten die intensivmedizinischen Ressourcen knapp werden, ist für die Auswahl der Patienten "die Gesamtprognose entscheidend", sagt Markstaller:  "Das Alter  z.B. ist nicht das entscheidende Kriterium, es gibt keinen einzelnen Punkt, der als entscheidendes Kriterium genommen wird." Eine Triage muss sicherstellen,  dass in einer Situation, wo nicht genügend Ressourcen da sind und eine Konkurrenz um eine Ressource stattfindet, die Gesamtprognose von einem Patienten das Entscheidende ist: "Auch unter Einbezug der persönlichen Gewichtung, die die jeweiligen Patienten der Situation entgegen bringen. Da fließen ganz viele Parameter ein und man darf sich das nicht so  vorstellen, dass irgendein harter Punkt, ein bestimmtes Lebensalter oder eine bestimmte Erkrankung oder im schlimmsten Fall auch noch irgendwelche finanziellen Rahmenbedingungen oder ähnliches, irgendeine Rolle spielen. Es sind viele Punkte, die einfließen." Es gebe valide und bewährte  Scores, die darauf abzielen, wo kann man am meisten bewegen für den Patienten - unter Einbeziehung dessen, was der  Patient, die Patientin selbst beabsichtigt."

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