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Interview
01/20/2022

Impfpflicht: Wie werden die Ungeimpften jetzt reagieren?

Das neue Gesetz und finanzielle Anreize werden nur bei einem Teil der bisher Ungeimpften ein Umdenken bewirken können, sagt die Politikwissenschafterin Julia Partheymüller.

von Ernst Mauritz, Raffaela Lindorfer

Anfang Februar tritt die Covid-19-Impfpflicht in Kraft, gestraft wird erst ab 16. März im Zuge von Polizeikontrollen. Im abgekürzten Verfahren drohen Strafen von bis zu 600 Euro. Wer sich binnen zwei Wochen doch noch impfen lässt, muss nichts zahlen. Wer Beschwerde einlegt, bekommt ein ordentliches Verfahren mit Strafen von bis zu 3.600 Euro.

Gleichzeitig werden ab 15. März Gutscheine im Wert von 500 Euro verlost. Wer seine Covid-Impfung im elektronischen Impfregister eingetragen hat, kann sich anmelden – wie und wo genau, ist noch offen. Jede (bestehende und neue) Teil-Impfung ist ein Los, und jedes zehnte Los gewinnt. 

Die Frage aber bleibt: Welchen Effekt wird das auf die noch Ungeimpften haben? Wie viele werden sich doch noch impfen lassen? Und was machen die, die eine Impfung komplett ablehnen? Die Politikwissenschafterin Julia Partheymüller ist Mitglied im Austrian Corona Panel Project. Monatlich werden 1.500 Menschen zur Corona-Pandemie befragt – auch zum Thema Impfungen.

KURIER: Impfpflicht, finanzielle Anreize: Wie werden Ungeimpfte reagieren?

Julia Partheymüller: Wir befragen Personen ab 14 und da sind  rund 80 Prozent geimpft. Zwölf Prozent der Befragten sind Impfgegner, rund sieben Prozent zögerliche und unentschlossene Ungeimpfte und maximal ein Prozent ist grundsätzlich impfbereit, aber trotzdem noch ungeimpft. Die neueste Umfrage läuft gerade, wahrscheinlich sind die grundsätzlich Impfbereiten sogar bereits weniger  als ein Prozent. Wo es aber noch Hoffnung gibt,  einige Prozent für eine Impfung zu erreichen, ist bei den Zögerlichen.

Wer ist das genau?

Einerseits Junge, die sich bisher zu gesund zum Impfen fühlten, weil sie glauben,  ihre Jugend und ihr gesunder, oft sportlicher Lebensstil schütze sie ausreichend.

Dazu zählen aber auch etwa viele Frauen mit Kinderwunsch, die das Risiko der Impfung größer einschätzen als das Risiko einer Covid-Erkrankung. Dabei ist es laut Experten genau umgekehrt.

Andererseits sind es auch Ältere, die sich wiederum zu krank zum Impfen fühlen  und Angst haben, dass eine Impfung ihren Gesundheitszustand weiter verschlechtert.

Ein Beispiel dafür sind etwa ältere Menschen mit Herzerkrankungen, die sich vor einer Herzmuskelentzündung durch eine Impfung fürchten. Da mangelt es zum Teil an Information und Aufklärung.

Gibt es noch weitere Gruppen bei den Zögerlichen?

Zu den Zögerlichen gehören auch Menschen, die sowohl traditionelle Medien nutzen als auch viel auf diversen Internet-Plattformen unterwegs sind, wo sie auf Falschinformationen stoßen und verunsichert werden. Durch die widersprüchlichen Informationen sind sie hin- und hergerissen. Hier könnte die Impfpflicht kombiniert mit Informationen und Beratung noch etwas bewirken.

In dieser Gruppe der Zögerlichen und Unentschlossenen gibt es auch noch ein gewisses Restvertrauen in den Staat und ein gewisses Verständnis für die Maßnahmen gegen Covid. Wobei es einige Hintergrundfaktoren gibt, die die Zögerlichen und die nicht Impfbereiten vereinen.

Welche sind das?

Eben einerseits die Altersgruppen, also jüngere und ältere Menschen. Dann ein niedrigerer Bildungsgrad und ein niedrigeres Einkommen, und ganz besonders der politische Aspekt. Es sind viele sehr politikverdrossene Menschen, Menschen mit einem Misstrauen gegen - wie sie es sagen - "Eliten" und "das System". Wobei aber die Zögerlichen hier noch ein gewisses Verständnis haben.

Und was werden jetzt die bisher absolut nicht Impfbereiten machen?

Im Gegensatz zu den Zögerlichen hat diese Gruppe die Entscheidung „Virus oder Impfung“ getroffen – gegen die Impfung und für das Virus. In dieser Gruppe geht auch das Vertrauen in die Politik, die Medien und die Wissenschaft gegen Null, die meiden auch die traditionellen Medien und sind praktisch nur mehr in diversen Gruppen in den Sozialen Medien unterwegs.  Diese Gruppe wird abwarten und es darauf ankommen lassen. Im äußersten Fall werden viele nicht zahlen und warten, was passiert. Der Strafbescheid wird dann so etwas wie der inoffizielle Impfgegner-Ausweis. Oder sie werden eine Umgehung versuchen – etwa mit allen möglichen Attesten, warum gerade sie aus gesundheitlichen Gründen eine Befreiung benötigen.

Auch finanzielle Anreize bringen bei den bisher Nicht-Impfbereiten nichts?

Am ehesten bei den Zögerlichen. Bei den Impfgegnern wird auch Geld wenig helfen. Im Gegenteil: Das könnte als Bestechung verstanden werden und zu einer Jetzt-erst-recht-Abwehrhaltung führen. Impfgegner könnten sich dadurch erst recht verärgert fühlen. Das Problem ist: Wenn man diese ganzen Schreckensnachrichten über die Impfungen aus diesen Internet-Gruppen einmal im Kopf hat, bekommt man sie nur mehr ganz schwer weg. Fake News sind deshalb so effektiv, weil sie sich  in den Köpfen der Menschen festsetzen und Angst erzeugen. Jedes Mal, wenn sie dann mit dem Thema Impfung konfrontiert werden, löst das wieder die Ängste aus, die sie damit verbinden. Und darum ist meine Hoffnung gering, dass in dieser Gruppe Impfpflicht und Impfanreize viel ändern können.

Könnte der Totimpfstoff von Valneva, der Anfang April kommen soll, bei einigen zu einem Umdenken führen?

Es hieß ja auch schon bei dem Impfstoff von Novavax, dass der eine Alternative für jene Menschen werde, die gegen die mRNA-Impfstoffe sind. Dann kam das Argument, Novavax sei ja kein richtiger Totimpfstoff. Jetzt zu hoffen, dass Valneva alles ändern wird, ist keine logische Arumentation: Denn einige Argumente der Impfgegner, etwa die Bedenken wegen der bedingten Zulassung, gelten dann ja auch für Valneva.

Und was würde eine Impfpflicht am Arbeitsplatz bewirken?

Grundsätzlich wäre das natürlich eine noch viel stärkere Schraube als das derzeitige Impfpflichtgesetz. Es stellt sich aber die Frage der Verhältnismäßigkeit. Einige würden kündigen und es würde zu einer noch größeren Verhärtung der Fronten führen. Zudem ist zu bedenken, dass sich einige der Ungeimpften nicht in einem Arbeitsverhältnis befinden. Die Zahl derer, die man damit erreichen kann, ist daher auch begrenzt.

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