Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC hat im Zusammenhang mit der Fußball-EM bisher mehr als 2.500 Corona-Infektionen gezählt.

© Pool via REUTERS/JUSTIN TALLIS

Wissen Gesundheit
07/07/2021

EM bis U-Ausschuss: Wie wahrscheinlich ist es, sich trotz Covid-Impfung anzustecken?

Infektionen im Fokus: Der KURIER hat sich bei Fachleuten erkundigt, was aus den neuen Ansteckungen zu lernen ist.

von Marlene Patsalidis, Elisabeth Gerstendorfer

2.500 Corona-Fälle bei der Fußball-EM, ein Cluster im U-Ausschuss: Aktuelle Entwicklungen befeuern die Diskussion darüber, wie Impfungen und die Delta-Variante auf das Infektionsgeschehen wirken. Der KURIER hat bei einer Virologin und einem Infektiologen nachgefragt.

Wie wahrscheinlich ist es, sich trotz einer Covid-Impfung anzustecken?

Es ist nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen, dass es trotz einer Teil- bzw. Vollimmunisierung zu einer Infektion mit SARS-CoV-2 kommt. "Es ist aber klar, dass die Impfungen vor schwerer Erkrankung und Tod sehr, sehr gut schützen, vor allem, wenn man zweimal geimpft ist", sagt Marton Széll, Oberarzt für Infektiologie und Tropenmedizin an der Klinik Donaustadt und Mitglied des Nationalen Impfgremiums. "Dazu gibt es mittlerweile sehr gute Daten aus Israel und Großbritannien – die Impfungen bieten einen 90-prozentigen bis 95-prozentigen Schutz vor einem schweren oder tödlichen Verlauf."

Dass die Impfung vor einer schweren Erkrankung schützt, zeigt auch eine aktuelle Studie der University of Utah, USA, mit knapp 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern (Gesundheitspersonal). Menschen, die mRNA-Impfstoffe erhalten haben, erkranken demnach mit einer um bis zu 91 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit als Ungeimpfte. Bei teilweisem Impfschutz – zwei Wochen nach der ersten Dosis – wurde eine Wirksamkeit von 81 Prozent festgestellt. Bei Geimpften, bei denen es zu einem Impfdurchbruch kommt, also zu einer Infektion mit Symptomen, sind Schwere und Dauer von Covid-19 reduziert. Bei Geimpften mit Durchbruchinfektion war das Auftreten von Fieber um 58 Prozent reduziert und keiner der infizierten Geimpften in der Studie musste im Krankenhaus behandelt werden.

Was spielt hier konkret eine Rolle?

Im Einzelfall ist es schwierig, nachzuvollziehen, was für eine Infektion trotz Impfung ausschlaggebend war. "Es ist davon auszugehen, dass die Virusmenge, die das infizierte Gegenüber ausscheidet, eine gewisse Rolle spielt", sagt Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der MedUni Wien. Inzwischen zirkuliere die Delta-Variante in Österreich: "Und wir wissen, dass diese Variante von SARS-CoV-2 deutlich ansteckender ist." Das bestätigt Széll, der darauf hinweist, dass es bei der Delta-Variante bei zweimalig Geimpften häufiger zu asymptomatischen und leichteren Infektionsverläufen komme. Eine neue Studie der Uniklinik Köln zeigt unterdessen, dass länger anhaltende Beschwerden auch nach milden Verläufen teils möglich sind. Erkrankungen nach einer Covid-Schutzimpfung gebe es laut Széll vor allem in Risikopopulationen: "Etwa bei Menschen, die wegen einer Autoimmunerkrankungen oder Immunsuppression weniger gut darauf ansprechen. Junge, gesunde Menschen haben mit der Impfung aber ein geringes Risiko schwer zu erkranken."

Im Cluster im U-Ausschuss wurden auch teilweise geimpfte Personen infiziert. Manche Menschen könnten daraus ableiten, dass die Impfung nichts bringt. Stimmt das?

"Die Impfung bringt sehr viel, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen schwere Verläufe schützt", betont Puchhammer-Stöckl. Bei einer hohen Durchimpfungsrate würde infolge unser Gesundheitssystem nicht erneut durch einen Anstieg der Hospitalisierungen extrem belastet. "Das ist ja eigentlich das Relevante in der Bekämpfung der Pandemie", sagt die Virologin. "Wenn eine Infektion nur mehr einen Schnupfen oder andere leichte respiratorische Symptome beim Einzelnen auslöst, ist das nicht weiter bedrohlich. Es sind die schweren und krankenhauspflichtigen Infektionsverläufe, die es zu verhindern gilt. Und das tun die zugelassenen Impfstoffe."

Wie ist es, wenn Geimpfte zusammentreffen?

Geimpfte sind in geringerem Ausmaß Virusüberträger, zeigen Studien. Puchhammer-Stöckl: "Geimpfte scheiden das Virus auch weniger lange aus." In der aktuellen US-Studie konnte das Virus bei Geimpften im Schnitt 2,7 Tage nachgewiesen werden. Der Vergleichswert bei Ungeimpften betrug 8,9 Tage. Széll stimmt zu: "Begegnen sich zwei Geimpfte, besteht so eine viel geringere Wahrscheinlichkeit, dass sie sich anstecken." Er spricht sich weiterhin für mehrere Schutzmechanismen aus, um Cluster zu verhindern: "Wenn alle, die zusammenkommen, zweimal geimpft sind, Maske tragen, statt einem Antigentest einen PCR-Test gemacht haben und das Treffen im Freien stattfindet, sind das viele Schichten, die sehr gut schützen."

Warum ist man kürzer infektiös als geimpfte Person?

"Man verfügt als geimpfter oder auch genesener Mensch über einen immunologischen Schutz, der schon da ist, bevor einen das Virus trifft", sagt Puchhammer-Stöckl. Wird man infiziert, trifft das Virus auf eine schon bestehende Immunantwort im Organismus des Menschen, die bereit ist, sich dem Erreger sofort entgegenzustellen. "Die rasche, spezifisch auf SARS-CoV-2 abgestimmte Interaktion zwischen Virus und dem Immunsystem führt dazu, dass das Virus schneller beseitigt wird und hemmt die Ausbreitung im Körper. Damit werden schwere gesundheitliche Schäden verhindert." Bei Personen, die nicht geimpft oder genesen sind, springt das Immunsystem wesentlich langsamer an, "weil es das Virus erst neu erkennen muss, hochfahren muss und erst dann effizient einschreiten kann, um die Virusvermehrung einzudämmen".

Kann man jede Ansteckung durch Sequenzierungen nachverfolgen?

Ja, über das Genom des Virus lässt sich feststellen, wer wen infiziert hat. Die AGES sequenziert größere Cluster, um Infektionswege abzuklären. "Allerdings zirkuliert Delta schon breit in der Bevölkerung", gibt Puchhammer-Stöckl zu bedenken. "Zu beweisen, von wem genau das Virus gekommen ist, ist extrem aufwendig und wenig sinnvoll."

Wie relevant bleibt Contact Tracing?

"Es macht Sinn, das Contact Tracing weiterhin aufrechtzuerhalten, um einen Überblick über das Virusgeschehen zu behalten", sagt Puchhammer-Stöckl. Auch deshalb, weil es vulnerable Menschen gebe, "die besonders geschützt werden müssen".

Ab einem Ct-Wert von 30 gilt man als nicht mehr infektiös. Ändert die Delta-Mutante etwas an diesem Schwellenwert?

Dazu gibt es noch nicht genügend Daten. Am Anfang einer Infektion, wenn die Virusvermehrung beginnt, kann der Ct-Wert laut Fachleuten jedenfalls ein ganz anderer sein, als wenn sich das Virus schon im Körper vermehrt hat. Klar ist damit, dass die Viruslast auch innerhalb eines Tages schnell ansteigen kann.

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