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Eine US-Pharmazeutin zieht den Pfizer/Biontech-Impfstoff mit einer Spritze auf.

© APA/AFP/JOSEPH PREZIOSO / JOSEPH PREZIOSO

Wissen Gesundheit
07/02/2021

Delta-Mutante: Welche Corona-Impfung schützt wie gut?

Die Dynamik ist nicht mehr zu ignorieren: Die Delta-Variante grassiert inzwischen global. Können die Corona-Impfstoffe mithalten? Und ist eine Herdenimmunität überhaupt noch möglich?

von Marlene Patsalidis

Es sind gute Neuigkeiten in nach wie vor unsicheren Pandemie-Zeiten: Zwar ist die Delta-Variante von SARS-CoV-2 in Großbritannien inzwischen für die meisten Corona-Infektionen im Land verantwortlich, die Hospitalisierungsrate – die Zahl der Covid-Krankenhauseinweisungen – scheint dadurch aber nach derzeitigem Wissensstand nicht in unkontrollierbare Höhen zu schießen. Das ließen die britischen Gesundheitsbehörden Public Health England (PHE) die Öffentlichkeit am Donnerstag wissen.

Heißt konkret: Obwohl die Infektionszahlen in Großbritannien in den vergangenen Wochen wieder stark angestiegen sind (ein Großteil der Infektionen betrifft jüngere, ungeimpfte Personen), verbleibt die Zahl der Spitalsaufnahmen von Covid-Erkrankten auf konstant niedrigem Niveau. Zwischen dem 21. und 27. Juni lag die wöchentliche Krankenhauseinweisungsrate wie in der Vorwoche bei 1,9 pro 100.000 Menschen. Damit liegt man derzeit etwas über der Rate von 1,1 Aufnahmen pro 100.000 Menschen Anfang Juni, aber weit weg von den Zahlen des vergangenen Winters, als die Einweisungsrate in den britischen Spitälern mit mehr als 35 Aufnahmen pro 100.000 Menschen ihren Höhepunkt erreichte.

Mit steigender Verbreitung der Delta-Variante wächst jedenfalls das Interesse an Daten, die belegen, wie gut bereits zugelassene Impfstoffe gegen die neue, besonders ansteckende Mutante des Coronavirus schützen. Immerhin wurden diese von den Herstellern auf Basis alter Virusstämme entwickelt.

Für alle Impfungen (mit Ausnahme des Einmalimpfstoffs von Johnson & Johnson) scheint gleichermaßen zu gelten: Gegen die Delta-Variante schützen sie am effektivsten, wenn man beide Teilimpfungen erhalten hat. Der österreichische Kinderarzt Karl Zwiauer, Mitglied im Nationalen Impfgremium (NIG), warnte deshalb vor wenigen Tagen im Zuge einer Pressekonferenz davor, Folgeimpftermine ausfallen zu lassen, wie es jüngst in Österreich des Öfteren vorkam. Die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Astra Zeneca nach nur einer Teilimpfung gegen die Delta-Variante sei erheblich schlechter und liege bei nur 30 Prozent Schutzwirkung vor einer Infektion.

Ein Überblick über die Delta-Wirksamkeit der vier in der EU zugelassenen Vakzine:

Biontech/Pfizer

Eine vor zwei Wochen veröffentlichte Analyse von Public Health England belegt, dass das Biontech/Pfizer-Präparat nach zwei Dosen zu 96 Prozent vor schweren Covid-Verläufen schützt. Zudem bewahrt der Impfstoff Menschen bei Infektionen mit der Delta-Variante zu 88 Prozent vor einem symptomatischen Verlauf. Hat man nur eine Einzeldosis erhalten, ist der Impfstoff jedoch wie erwähnt weitaus weniger wirksam.

Moderna

Der Impfstoff von Moderna regt nach Angaben des US-Herstellers ebenfalls eine Immunantwort gegen Corona-Variante Delta an. Es habe bei Delta nur eine "geringfügige Reduktion der neutralisierenden Titer" gegeben, teilte man Ende Juni nach Abschluss einer Laboranalyse mit. Die Untersuchungen basierten allerdings auf Blutproben von nur acht Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die eine Woche nach der zweiten Impf-Dosis entnommen wurden.

Sowohl Biontech/Pfizer als auch Moderna arbeiten derzeit an Booster-Dosen, die noch zielgerichteter an die neuen Coronavirus-Varianten (neben Delta zum Beispiel auch Delta plus) angepasst sein sollen.

Astra Zeneca

Die PHE-Analyse belegt, dass auch der Impfstoff von Astra Zeneca nach voller Immunisierung zu 93 Prozent vor schweren Covid-Verläufen schützt. Wegen der Delta-Variante hat die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland dieser Tage ihre Empfehlung bezüglich Astra Zeneca abgeändert. So sollen Impflinge, die eine erste Dosis Astra Zeneca erhalten haben, künftig unabhängig vom Alter als zweiten Stich einen mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) erhalten. Der zeitliche Abstand zwischen erster und zweiter Impfung solle mindestens vier Wochen betragen. Das Gremium begründet seine Entscheidung damit, dass die Immunantwort nach der Gabe von zwei verschiedenen Präparaten der Immunantwort nach zwei Dosen AstraZeneca "deutlich überlegen" sei.

Johnson & Johnson

Das US-amerikanische Vakzin Johnson & Johnson zeigt nach Angaben des Unternehmens ebenso eine hohe Wirksamkeit gegen die Delta-Variante des Coronavirus. Wie das Unternehmen diese Woche in einer Erklärung mitteilte, sei der Impfstoff zu 85 Prozent gegen die neue Mutante wirksam. Daten hätten gezeigt, dass die Immunisierung mindestens acht Monate anhalten würde.

Herdenimmunität rückt außer Reichweite

Großbritannien und andere Länder mit hohen Delta-Verbreitungszahlen (etwa Portugal, Russland oder Israel) steigen bei den Öffnungsschritten und Lockerungen der Corona-Maßnahmen vorerst auf die Bremse. Ein Kollaps des Gesundheitssystems – der für viele Länder während der anhaltenden Pandemie zur bitteren Realität wurde – dürfte zumindest in Großbritannien vorerst nicht unmittelbar drohen.

Die durchaus erfreulichen Entwicklungen führen viele Expertinnen und Experten auf die Wirkung der zugelassenen Corona-Impfstoffe zurück. In Großbritannien sind beispielsweise bereits knapp 75 Prozent der Erwachsenen zumindest teilweise immunisiert. Zum Vergleich: Aktuell haben in Österreich mehr als 50 Prozent der Bevölkerung eine Impfdosis erhalten. In wenigen Wochen sollte die Hälfte der Bevölkerung vollimmunisiert sein.

Aufgrund des hohen Mutationspotenzials von SARS-CoV-2 und der unvollständigen Blockade von Infektionsketten durch die verfügbaren Impfstoffe rückt eine Herdenimmunität unterdessen in immer weitere Ferne – Expertinnen und Experten zufolge müsste mittlerweile eine Durchimpfungsrate von weit über 80 Prozent erreicht werden (davor hatte man 60 bis 70 Prozent als Richtwert definiert), um diese Ziel zu erreichen. "Anhand der bisherigen, noch unsicheren Daten bräuchte man wohl rund 85 Prozent immune Menschen in der Bevölkerung, um die Ungeimpften indirekt mit zu schützen", sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Die Verbreitung des Virus könnte durch die Vakzine aber erfolgreich beherrschbar werden.

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