Der Herbst ist in puncto Infektionsgeschehen eine kritische Saison – das Leben verlagert sich nach drinnen, dazu grassiert inzwischen die hochansteckende Delta-Variante.

© Kurier/Jeff Mangione

Wissen Gesundheit
08/22/2021

Die vierte Welle rollt: Was erwartet uns im Herbst?

Die Bundesregierung verkündete strenge Regeln für Discos, falls sich die Lage nicht bessert. Der KURIER bat Expertinnen und Experten um Prognosen für die kommenden Monate.

von Elisabeth Gerstendorfer, Marlene Patsalidis

Österreich steht "am Anfangspunkt" einer saisonalen Welle, die "früher anrollt, als im letzten Jahr", konstatierte Komplexitätsforscher Peter Klimek noch vor wenigen Tagen. Die Impfungen zeigen aber – zumindest vorerst –, was sie können: Zwar wurden von Freitag auf Samstag 1.328 neue Corona-Infektionen registriert, die Zahl der Intensivpatienten und Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 steigen aber nicht im gleichen Ausmaß. Und betreffen vor allem Ungeimpfte.

Aus diesem Grund verkündeten Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein und Bundeskanzler Sebastian Kurz unerwartet am Samstag die sogenannte 1G-Regel für den Besuch von Discos und die Nachtgastronomie ab Herbst, falls sich die Lage nicht verbessert. Da Länder wie Großbritannien oder Malta bereits Anfang des Sommers einen massiven Anstieg der Infektionszahlen verzeichneten, brauche es neben den gültigen Schutzmaßnahmen neue Schwerpunkte ab Herbst, so die Regierung.

"In der Nachtgastronomie haben wir die Situation, dass viele Ungeimpfte auf Geimpfte treffen. Daher gibt es hier besonderes Risiko von sogenannten Superspreader-Events." Diese gilt es, mit einer 1G-Regelung zu verhindern.

Zudem müsse die Durchimpfungsrate erhöht werden: "Das Bundeskanzleramt verstärkt zielgruppenspezifisch die Aktivitäten der Österreich-Impft-Kampagne, um die Rate der Erstimpfungen wieder zu steigern.“ Die dritte Maßnahme sind Booster-Impfungen: "Die Vorbereitungen laufen mit den Ländern auf Hochtouren und bereits Anfang September werden in den Alten- und Pflegeheimen die ersten Auffrischungsimpfungen verabreicht."

Angesichts der Entwicklungen steigt die Verunsicherung in der Bevölkerung: Wie werden wir im zweiten Pandemie-Herbst leben? Der KURIER hat drei konkrete Szenarien mit Expertinnen und Experten besprochen:

1. Szenario - Harter Lockdown Die Infektionszahlen steigen soweit an, dass es wieder einen harten Lockdown braucht, um die Intensivstationen nicht zu überlasten.

2. Szenario - Regionale Lockdowns Je nach Infektionsgeschehen (bzw. Auslastung der Intensivstationen) braucht es regionale Lockdowns, die aber nur bestimmte Orte oder Regionen betreffen.

3. Szenario - Einschränkungen nur für Ungeimpfte Einschränkungen wird es nur für Personen geben, die nicht geimpft sind, beispielsweise beim Besuch von Lokalen oder Indoor-Bereichen, etwa Fitnessstudios, Veranstaltungen, Kinos, Theatern etc.

"Wir müssen nur noch diesen Winter durchhalten."

Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom, Institut für Höhere Studien

Einen neuerlichen harten Lockdown im Herbst und Winter hält Gesundheitsökonom Thomas Czypionka "für nicht sehr wahrscheinlich, aber bei erneuter Überlastung der Intensivstationen für denkbar". Allerdings: "Der Zusammenhang zwischen der Zahl der Neuinfektionen und jener der Intensivpatienten hat sich durch die Impfungen entspannt", sagt der Mediziner und appelliert an das Durchhaltevermögen der Bevölkerung: "Wenn wir uns jetzt anstrengen, ist ein harter Lockdown vermeidbar. Es liegt in unserer Hand."

Vorschnell agiert

Dass die Impfungen die Neuansteckungen auf ein extrem niedriges Niveau drücken, sei schon vor dem Sommer illusorisch gewesen. Im Frühsommer habe die Politik zu stark signalisiert, dass die Pandemie vorbei ist. "Die Botschaft hätte nicht lauten sollen ’Wir heben die Maßnahmen auf’, sondern ’Wir heben sie in der sommerlichen Verschnaufpause auf’."

Für realistisch hält Czypionka, dass regionale Lockdowns verhängt werden, da die Durchimpfungsraten regional teils sehr unterschiedlich sind und auch das Verhalten der Menschen lokal variieren könne. 

Gesonderte Regeln für Ungeimpfte sieht er skeptisch: "Das wäre ein Ultimatum, das man nicht umsetzen kann mit Kontrollen in der Praxis, weil das viel zu kompliziert ist."

Der Anteil der Geimpften werde jedenfalls massiven Einfluss darauf haben, wie sich die Pandemie entwickelt. Zum Erliegen könne man diese per Herdenimmunität nicht mehr bringen: "Zwar wirkt die Impfung sehr gut gegen schwere Verläufe, bei Delta aber nicht mehr so patent gegen die Virus-Übertragung. Aber sie verlangsamt die Ausbreitung."

Abstand halten

Czypionka plädiert für verstärkte Hygiene- und Abstandsregeln. Um Masken in Öffis werde man ebenso wenig herumkommen wie um Schutzkonzepte – dort, wo die Lüftungssituation unzureichend ist. Die Installation von wirksamen Luftreinigern in Schulen laufe "zu zaghaft". Firmen, in denen Teleworking möglich ist, sollten weiter darauf setzen.

"Wir müssen nur noch diesen Winter durchhalten", sagt der Experte. "Je mehr Menschen global geimpft sind, desto weniger wird die Pandemie ein Thema für uns sein."

 

"Lockdowns vermeiden, indem sich mehr impfen."

Dorothee von Laer, Virologin, MedUni Innsbruck

"Damit wir mit regionalen Lockdowns durchkommen, müssen sich deutlich mehr Menschen impfen lassen. Besonders bei jungen Leuten ist noch Luft nach oben. Derzeit steigen die Zahlen, auch auf Intensivstationen noch zu sehr, um Maßnahmen wegzulassen", sagt Virologin von Laer.

Wo die Grenze für regionale Maßnahmen gelegt werde, bei welchen Infektionszahlen also etwa Regionen abgeriegelt werden sollen, komme darauf an, wie viel man tolerieren will. "Man kann Lockdowns vermeiden, es ist aber eine politische Entscheidung, wie viele Verstorbene man dafür in Kauf nimmt. Die geringste Sterblichkeit erwarten wir, wenn wir eine allgemeine Impfpflicht einführen."

Impfung für Kinder

Von Laer sieht eine Impfquote von 75 Prozent, inklusive Risikokindern und einem Großteil der Jugendlichen ab 12 Jahren, als Grenzwert für das Weglassen von Maßnahmen. Sie rechnet damit, dass im Lauf des Winters eine Impfung für Kinder unter 12 Jahren zugelassen wird. Sobald alle Risikopersonen und vor allem auch Kinder geimpft sind, werde laut von Laer möglicherweise nichts anderes übrig bleiben, als darauf zu warten, dass alle, die nicht geimpft sind, sich irgendwann infizieren und so über die Durchseuchung eine Herdenimmunität erreicht werde. "Es wird einen Punkt geben, wo praktisch jeder  geimpft oder genesen ist."

Mehr Druck

In puncto Impfen sollte laut der Virologin mehr Druck gemacht werden. "Je mehr sich impfen lassen, desto besser ist das für das epidemiologische Geschehen. Inwiefern das die Freiheit Einzelner einschränkt, müssen andere beurteilen."

Die 3-G-Regel hält die Expertin für sehr sinnvoll, allerdings habe sie den Eindruck, "dass sie nicht in allen Regionen Österreichs ausreichend kontrolliert wird. Die 3-G-Regel wird nicht ausreichen, um das Virus in Griff zu bekommen." Auch das Contact Tracing funktioniere nicht in allen Regionen so, dass eine Ausbreitung des Virus verhindert werden kann.

Die Deltavariante habe die bereits angelaufene Herbstwelle maßgeblich beeinflusst. "Wir sehen, dass die Impfung bei der Deltavariante nicht ganz so gut funktioniert wie bei der Ursprungsvariante. Vor allem aber ist sie deutlich ansteckender, wodurch eine vierte Welle absehbar war. Unklar war noch, wie stark sie verlaufen wird."

"Ungeimpfte gefährden vor allem sich selbst."

Peter Kremsner, Infektiologe, Uni Tübingen

Für Peter Kremsner ist die Entscheidung darüber, inwiefern Ungeimpfte beschränkten Zugang zu Theater, Kino und Veranstaltungen bekommen sollten, eine politische. "Ungeimpfte gefährden vor allem sich selbst, wenn die meisten anderen vulnerablen Gruppen geimpft sind. Hier wird es vor allem bei alten Menschen zu Hospitalisierungen und Todesfällen kommen", sagt der aus Österreich stammende Infektiologe.

Keine Lockdowns

Bei der derzeitigen Durchimpfungsrate der Personen ab 65 Jahren seien aus seiner Sicht – sofern sich die Lage nicht dramatisch verändere – keine weiteren strengen  Kontrollmaßnahmen bis hin zu Lockdowns notwendig. "Man kann weiterhin sagen, dass Covid-19 vor allem bei älteren Menschen zu schweren Verläufen und Todesfällen führt. Da haben wir bereits Impfquoten von 80 bis 90 Prozent. Erreichen wir das auch schon bei den ab 50-Jährigen, sehe ich kein Problem. Natürlich erkranken auch Jüngere, vor allem mit Vorerkrankungen, aber die große Gefahr für das Gesundheitssystem ist gebannt, wenn wir die Älteren impfen."

Kremsner hält vor allem die 3-G-Regel für sinnvoll, um mit dem Virus durch Herbst und Winter zu kommen. Dass eine vierte Welle kommen wird, sei für ihn erwartbar gewesen.

Jährliche Wellen

Die Wellenbewegung werde es wie bei der saisonalen Grippe auch bei Covid-19 immer geben. "Das ist typisch für Epidemien und Pandemien.Wahrscheinlich wird sich Covid-19 in die lange Reihe respiratorischer Infektionskrankheiten einreihen, die bei uns gegen Ende des Winters ihren Höhepunkt erreichen, dann wieder abnehmen und im nächsten Winter erneut ansteigen."

Die Temperatur sei  nicht die Ursache. "Auch in den Tropen, wo es dauernd heiß ist und immer wieder regnet, gibt es dauernd und viel Grippe. Wovon das Auftreten abhängt, ist nicht ausreichend  geklärt."

Er vermisst, dass in der Bekämpfung der Pandemie global  gehandelt werde. "Weltweit zirkulieren Abermilliarden Viren, die – selbst, wenn in der EU alle geimpft sind – mutiert wiederkommen können."

Man müsse auch über die Ländergrenzen hinaus Maßnahmen ergreifen.

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