Depressionen: Wie die Krankheit unsere Immunzellen lahmlegt
Weltweit leiden schätzungsweise rund 330 bis 350 Millionen Menschen an Depressionen
Gefühllos, hoffnungslos, schlaflos, antriebslos, hilflos – Depressionen können bei Betroffenen immenses psychisches Leid verursachen. Aus der Forschung weiß man inzwischen: Die Depression hallt auch körperlich nach. Gut dokumentiert sind unter anderem Auswirkungen auf das Immunsystem und entzündliche Prozesse im Organismus.
Eine Untersuchung der deutschen Universität Ulm unter österreichischer Beteiligung liefert jetzt mögliche neue Erklärungsansätze dafür auf biophysikalischer Ebene.
„Im Vorfeld stand die Idee im Raum, dass chronischer Stress im Rahmen einer depressiven Erkrankung nicht nur biologisch bedeutsam ist, also zum Beispiel die Immunabwehr des Menschen beeinträchtigt, sondern dass er auch die biophysikalischen Eigenschaften von Zellen beschädigen könnte, was unser Verständnis für die klinisch beobachtbaren biologischen Effekte der Erkrankung erweitern würde“, schickt Alexander Karabatsiakis, Klinischer Psychobiologe und Systemischer Neurowissenschafter an der Universität Innsbruck und Initiator der Untersuchung, im KURIER-Interview voraus. „Zum Beispiel, warum die Infektabwehr bei Patientinnen und Patienten nicht mehr so leistungsfähig ist.“
Zwischen dreihundert und 330 Millionen Menschen leiden weltweit laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter Depressionen. Schätzungen der WHO zufolge wird nur jeder und jede vierte Betroffene adäquat behandelt.
In Österreich leben schätzungsweise rund 730.000 Menschen mit einer Depression. Das sind fast zehn Prozent der Bevölkerung.
Was Immunzellen über die Psyche verraten
In der im Fachjournal Translational Psychiatry erschienenen Studie fokussierte man sogenannte PBMCs, periphere mononukleäre Blutzellen – eine Gruppe von Immunzellen, die im Blut zirkulieren.
Spezielles Augenmerk legte man auf die Membrangesundheit der Zellen. „Zellen erhalten nicht nur die für sie relevanten Nährstoffe über ihre Membran, sie kommunizieren über sie auch mit ihrer Umwelt“, beschreibt Karabatsiakis. Ist die Membran nicht mehr in ihrem vorgesehenen Zustand, können Belastungen für die Zelle entstehen, was in Funktionsverluste münden kann. Die Zellen können ihre normalen Aufgaben nicht mehr richtig erfüllen, Immunzellen erkennen zum Beispiel Krankheitserreger schlechter.
Mithilfe spezieller Messverfahren untersuchte die Forschungsgruppe, wie verformbar und flexibel diese Zellen bei 26 Personen mit einer diagnostizierten schweren Depression sind. Den Messungen wurden Vergleichsdaten aus einer Kontrollgruppe mit 28 gesunden Personen gegenübergestellt.
Die Ergebnisse fielen eindeutig aus: Die Immunzellen der depressiven Patientinnen und Patienten wiesen eine deutlich höhere Steifigkeit auf. „Erstmals konnten wir nachweisen, dass Depressionen nicht nur mit biologischen, sondern auch mit biophysikalischen Veränderungen verbunden sind“, resümiert Karabatsiakis. „Damit erweitert sich unser Verständnis dieser Erkrankung um eine neue Dimension.“
Freie Radikale schädigen die Zellmembran
Denkbar sei, dass die erhöhte Zellsteifigkeit mit chronischem Stress und der damit verbundenen vermehrten Produktion freier Radikale zusammenhängt. Freie Radikale entstehen grundsätzlich ganz natürlich im Körper, etwa bei der Energiegewinnung in den Zellen. In normalen Mengen sind sie nicht schädlich und erfüllen wichtige Funktionen. Karabatsiakis: „Wenn ich als Mensch aber nicht endenden Stress erlebe, kommt es zu einer Überproduktion, was neben der DNA und Proteinen auch die Fettsäuren in der Zellmembran schädigt und sie steifer macht.“
Nach Ansicht des Forschungsteams reagiert der Körper darauf mit einer erhöhten Körpertemperatur und Entzündungsreaktionen, um die Beweglichkeit der Zellmembran wieder zu verbessern.
Die gute Nachricht: Die Versteifung ist kein irreversibler Zustand. In Tierstudien konnte etwa ein Einfluss der Ernährung nachgewiesen werden. „Wenn man in Studien Labortiere chronisch gestresst und ihnen dann gesunde Fette verabreicht hat, bildeten sich Zellveränderungen zurück“, sagt Karabatsiakis.
Laut dem Psychobiologen lassen sich daraus Erkenntnisse für den Menschen ableiten: „Die Ernährung ist nicht nur ein essenzieller Faktor bei der Aufrechterhaltung der körperlichen Gesundheit, sondern kann auch kurativ wirken, zum Beispiel, wenn Depressionen vorliegen.“ Tatsächlich zeigen Studien inzwischen immer öfter, dass sich psychische Erkrankungen über eine vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung, die reich an ungesättigten und arm an gesättigten Fetten ist, lindern lassen.
Depressionen: Neue Perspektiven für Therapie
Die Ergebnisse könnten jedenfalls erklären, warum Depressionen oft mit schlechterer Wundheilung und Störungen des Immunsystems verbunden sind. Gleichzeitig werfen sie neue Fragen für die Forschung auf. „Was wir künftig prüfen wollen, ist, ob unsere Beobachtungen an den Immunzellen zellspezifisch sind oder systemischen Charakter haben, also alle Körperzellen im Rahmen einer Depression betreffen.“
Denkbar sei, den Zellzustand künftig als Marker im Zuge der Behandlung von Depressionen zu nutzen. „Man könnte sich ansehen, ob sich der Einsatz einer Psychotherapie oder von Medikamenten in positiven Effekten an der Zellmembran äußert.“
Nicht zuletzt eröffnet die Studie auch neue therapeutische Perspektiven. So könnte die gezielte Zufuhr von Fetten über die Ernährung zu einer Reparatur der Zellmembranen beitragen.
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Depressionen betreffen weltweit Millionen Menschen. Die Forschung fördert immer wieder spannende Erkenntnisse über die psychische Erkrankung zutage, die auch deren Therapie vorantreiben könnte.
Die Forschungen seien auch unmittelbar für Betroffene bedeutsam, ist Karabatsiakis überzeugt: „Es ist wichtig, dass wir immer besser verstehen, was der Depression zugrunde liegt. Erfahren Betroffene, dass sie ihre Genesung zu einem Gutteil auch in der eigenen Hand haben, regt das die Selbstwirksamkeit an. Ein Gefühl, das bei Menschen mit Depressionen oft stark geschwächt ist.“
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