Gartenarbeit als Therapie für Menschen mit psychischen Erkrankungen
Oliver H. arbeitet seit 2013 in der Tagesstätte City Farm.
„Ich habe heute noch Phasen, da liege ich zu Hause im Bett und hab Weinkrämpfe, da bricht die Welt zusammen“, Oliver H. zuckt mit den Schultern. „Die Depression wird nie weggehen.“ Dann breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Aber hier fühle ich mich wertvoll, die Tagesstätte hat mich gerettet.“
Gärtnern als Therapie
Vor wenigen Jahren hätte H. nicht geglaubt, dass er das einmal sagen würde. Er arbeitete als Programmierer im Schichtbetrieb, doch irgendwann wurde ihm alles zu viel. Zu familiären Problemen kamen Depressionen und Alkoholprobleme. Schließlich dachte er daran, seinem Leben ein Ende zu setzen.
„Das Einzige, was mich davon abgehalten hat, war meine Katze. Wer hätte sich sonst um sie gekümmert?“
Arbeitskollegen
Heute beginnt sein Tag anders. Er öffnet das Tor zum Werkzeugschuppen. Alles ist fein säuberlich sortiert, Schraubenzieher sind der Größe nach geordnet, Rasenmäher stehen in Reih und Glied. In der Tagesstätte City Farm der Emmausgemeinschaft St. Pölten leitet H. die Werkstatt. Er räumt Geräte weg, repariert Zäune, baut Hochbeete und hilft überall dort mit, wo Arbeit anfällt.
Er ist einer von dreiunddreißig Gästen, die hier betreut werden, doch H. spricht lieber von Arbeitskollegen. „Schließlich arbeiten wir hier täglich miteinander“, fügt er hinzu. Genau darum geht es in der City Farm: Menschen mit psychischen Erkrankungen finden hier eine feste Tagesstruktur und sinnvolle Aufgaben. Gemeinsam bewirtschaften sie ein rund zwei Hektar großes Gelände, bauen Gemüse und Beeren an, trocknen Kräuter und kochen mit der eigenen Ernte. Mitglieder der Arbeitsgruppe Gartenpflege fahren auch in Gärten und schneiden Hecken oder mähen den Rasen.
Wir erleben jeden Tag, dass die Natur und der Garten den Menschen gut tut
Bereichsleiterin City Farm
Jeder Tag ein Erfolg
„Wir erleben jeden Tag, dass die Arbeit in der Natur vielen Menschen guttut“, sagt Gabriele Kellner, Bereichsleiterin der Tagesstätte.
Hans erzählt, wie das aussehen kann. Er ist Teil der Gemüsegruppe und kümmert sich um Anbau und Verarbeitung. Dafür pflegt er Tomatenpflanzen, Paprika, Fisolen und vielerlei anderes buntes Gemüse. „Das ist viel Handarbeit, aber das gefällt mir“, sagt er. Er ist seit Anfang April hier und packt mit an. „Es geht bergauf“, lächelt er. Die Arbeit lenke ihn nicht einfach nur ab, sie gebe seinem Tag wieder einen Rhythmus. Seit einiger Zeit lebt er ohne Suchtmittel, auch seine Depressionen habe er besser im Griff.
In der Tagesstätte werden Gemüse, Obst und Kräuter angebaut.
Ein Leben lang
Die Ziele der Gäste sind unterschiedlich. Manche suchen zunächst Halt im Alltag. Andere möchten den Wiedereinstieg ins Berufsleben schaffen. „Durchschnittlich bleiben unsere Gäste zwei Jahre bei uns“, erzählt Kellner. Andere, wie H., bleiben länger. „Ich möchte gerne bis zu meiner Pension mit fünfundsechzig Jahren bleiben“, erzählt Oliver H. von seinen Wünschen.
Auch wenn er wieder Halt im Leben habe, die Depression werde ihn wohl sein Leben lang begleiten, sagt er. Was ihn heute am meisten störe, sei nicht die Diagnose selbst, sondern wie Menschen darauf reagieren. Wer offen über psychische Erkrankungen spreche, müsse noch immer mit Vorurteilen rechnen. „Da bekommt man sofort einen Stempel aufgedrückt“, sagt er und deutet sich an die Stirn. „Dabei bin ich ja nicht dumm, ich hab ganz normal gearbeitet.“
H. begleitet den KURIER in den Garten, zeigt auf die Beete, die er angelegt hat, auf den Pizzaofen, den er selbst gebaut hat. „Aber das ist mein Herzensprojekt“, sagt er und zeigt auf ein kleines Beet, das umzäunt ist. Er nennt es Sonnenbeet.
Ein kleiner Fleck Beet
Jeder seiner Arbeitskollegen bekommt einen kleinen Fleck Erde zugeteilt. Darauf kann jeder anbauen, was er oder sie möchte. Auf seinem eigenen Beet wachsen bunte Blumen und Liebstöckel. „Ich koche sehr gerne“, fügt er hinzu.
Am Rand des Gartens bleibt Oliver stehen. Er blickt zu den Sonnenblumen am Zaun. „Die mag ich besonders“, sagt er. „Sie fangen klein an – und dann wird etwas Großes daraus.“
Dann geht er langsam zurück in die Werkstatt.
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