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Europas größtes Saatgutarchiv: 5.500 Sorten gegen das Verschwinden

In Schiltern (Bezirk Krems) verbirgt sich Europas größtes Archiv für Kulturpflanzen. Es wird in Zukunft immer wichtiger werden.
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In deckenhohen Regalen stehen Gläser – große und kleine, schmale und breite. Darin lagern bunte Samen: Mais, Bohnen, Getreide, Kohl, tausende Varianten von Kulturpflanzen.

Michaela Arndorfer, die Leiterin des Archivs bleibt davor stehen, breitet die Hände aus und lächelt. „Wir haben hier rund 5.500 Sorten“, sagt sie. Das Samenarchiv ist die größte private Sammlung von Kulturpflanzen in Europa, betreut wird es von einem Team des Verein Arche Noah.

Auch wenn die Regale auf den ersten Blick daran erinnern: Das Saatgutarchiv in Schiltern (Bezirk Krems) ist kein Museum. Die Sammlung wird nicht nur aufbewahrt, sie wird laufend bearbeitet. Jedes Jahr werden rund 400 Sorten wieder ausgesät, vermehrt und genau beobachtet.

„Die Käferbohne ist unter Druck“

Der Schaugarten gleich neben dem Archiv ist Teil dieser Arbeit. Er dient als Anbaufläche, auf der die Sorten jedes Jahr wieder wachsen. Derzeit liegt der Fokus auf Gemüsearten wie Mais und Tomaten, aber auch auf Getreide, erzählt Arndorfer.

Warum die Vielfalt an Gemüse- und Getreidesorten immer wichtiger wird, zeigt sich besonders deutlich an einer Pflanze, die in Österreich gut bekannt ist: der Käferbohne.

„Die Käferbohne ist unter Druck, oft ist es ihr zu heiß und zu trocken“, so Arndorfer. Gut, dass im Saatgutarchiv rund 800 Bohnensorten zu finden sind. „Oft haben fast vergessene Sorten großes Potenzial“, erklärt sie.

Denn unterschiedliche Sorten bringen unterschiedliche Eigenschaften mit. Manche kommen besser mit Hitze zurecht, andere mit Trockenheit oder starken Niederschlägen – Eigenschaften, die unter veränderten Klimabedingungen plötzlich entscheidend werden können.

Zukunfts- und Hoffnungsträger

Zu jeder Sorte werden die Eigenschaften dokumentiert: wie sie wächst, wie sie auf Wetter reagiert, welche Besonderheiten sie zeigt. Diese Informationen landen in einer digitalen Datenbank, die laufend erweitert wird. In Zusammenarbeit mit Landwirtinnen und Landwirten können die im Archiv bewahrten Sorten so zu einer wichtigen Grundlage für die Landwirtschaft der Zukunft werden. 

Gläser mit beschrifteten Getreidesamen in einem Archivregal.

Jedes Glas wird beschriftet. 

Damit die Forschung weitergeht, beschriftet Arndorfer mit ihrem Team liebevoll die Gläser mit Jahreszahl, einer Chargennummer, dem Namen auf Deutsch und Latein sowie den Herkunftsort. Auf manchen Etiketten steht zusätzlich eine kurze Beschreibung dessen, was aus den Samen einmal wachsen soll.

Geschichten zwischen Gläsern

Doch zwischen den Regalreihen verbergen sich nicht nur alte Sorten, sondern auch Geschichten. Beispielsweise über das Tullnerfelder Kraut. Lange Zeit wurde es im Eigenbedarf angebaut und galt als beinahe verschwunden. „In den 1990er-Jahren kamen Menschen aus der türkischen und bosnischen Community und luden gleich 20 bis 30 Kilogramm in den Kofferraum“, erzählt Arndorfer.

Der Grund: Das locker gewachsene Kraut eignete sich besonders gut für Sarma, traditionelle gefüllte Krautwickel. Ein einzelner Kopf des Krautes kann schon bis zu 20 kg wiegen und sieht aus wie ein „Pflua-Radl“, also ein Pflugrad, wie die Tullnerfelder sagen.

75% der Vielfalt verloren

Auch wenn manche alte Sorten wiederentdeckt werden, ist die Vielfalt der Kulturpflanzen insgesamt deutlich geschrumpft. In den vergangenen 100 Jahren ist weltweit ein großer Teil der einst angebauten Sorten verloren gegangen – häufig wird von rund drei Vierteln gesprochen.

Für Michaela Arndorfer ist genau das der Grund, warum die Arbeit im Saatgutarchiv in Schiltern so wichtig ist. Jede hier erhaltene Sorte kann irgendwann wieder Bedeutung bekommen, auch wenn sie heute kaum mehr angebaut wird. „Wir wissen nicht, welche Sorte wir in 20 oder 30 Jahren brauchen werden“, sagt sie. „Aber wir wissen, dass wir die Vielfalt dafür brauchen.“

Landwirtschaft verändert sich

Wie das Klima sich und die Landwirtschaft verändert, sieht man an der Tomate: Um 1900 galt etwa sie im deutschsprachigen Raum noch als kaum geeignet für den Anbau. Heute ist sie aus den Gärten und Balkonen nicht mehr wegzudenken. Für Arndorfer ist das ein Hinweis darauf, wie sehr sich Landwirtschaft verändert und warum es sich lohnt, möglichst viele Möglichkeiten offen zu halten.

Möglichkeiten gibt es in den Gläsern des Archivs viele. Ebenso Geschichten. Michaela Arndorfer sorgt dafür, dass sie erhalten bleiben.

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