Künstliches Licht: Warum die helle Nacht zum Problem wird
Wenn Simone Weiß bei ihren Fotoworkshops nachts durch Österreich wandert, erlebt sie immer wieder denselben Moment. Menschen bleiben stehen, schauen nach oben und staunen.
Über ihnen spannt sich die Milchstraße über den Himmel, Sterne sind in einer Zahl zu sehen, die viele Besucher kaum noch kennen. „Für viele ist das eine neue Erfahrung“, sagt die Sozialwissenschafterin, Fotografin und Vortragende von nach(t)haltig.
In den Bergen Niederösterreichs, Oberösterreichs und der Steiermark ist der dunkle Sternenhimmel noch sichtbar. Doch das ist ein Privileg. Nur noch rund ein Prozent der Europäer lebt unter einem Nachthimmel ohne Lichtverschmutzung. Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung kann die Milchstraße nicht mehr sehen. Straßenlaternen, Fassadenbeleuchtungen, Werbetafeln und Gewerbegebiete machen die Nacht Jahr für Jahr heller.
Besondere Eisenwurzen
Im März erhielt die Region Eisenwurzen deshalb eine besondere Auszeichnung: Das Gebiet wurde offiziell als Dark Sky Reserve anerkannt. Es umfasst 22 Gemeinden in drei Bundesländern und gilt als größtes Schutzgebiet dieser Art in Österreich. Acht Messstationen erfassen bereits die Helligkeit des Nachthimmels. 2027 soll ein erster Bericht zeigen, wie sich die Dunkelheitswerte entwickeln und welche Maßnahmen umgesetzt wurden.
Erste Veränderungen gibt es bereits. In Orten wie Gaming (Bezirk Scheibbs) wurde die Straßenbeleuchtung angepasst. Durch spezielle Folien werden UV-Anteile herausgefiltert, die Lichtfarbe wurde deutlich wärmer. Das Licht wirkt rötlicher und weniger grell. Gleichzeitig bleibt die Beleuchtung dort, wo sie benötigt wird - auf Geh- und Radwegen, nicht im Busch daneben. Die größte Herausforderung sei oft nicht die Technik, sondern das Bewusstsein. „Licht ist sehr positiv besetzt“, sagt Simone Weiß.
„Die Nacht zum Tag machen“
Seit Jahrtausenden verbinde der Mensch Licht mit Sicherheit, Gemeinschaft und Fortschritt. Das Feuer habe die Entwicklung der Menschheit entscheidend geprägt, später wurde künstliches Licht zum Symbol für Wohlstand und Macht. „Wir haben uns daran gewöhnt, die Nacht zum Tag zu machen“, erklärt sie. Dunkelheit hingegen gelte oft als gefährlich, unsicher oder unangenehm. Dabei brauche der Mensch beides: Helligkeit und Dunkelheit.
Natürliche Nacht
Staubsaugereffekt
„Seit es uns gibt, gibt es Tag und Nacht“, sagt Weiß. „Wir brauchen Schlaf und Erholung. Das kann man nicht wegdiskutieren.“ Die Folgen von zu viel Licht reichen weit über den Menschen hinaus. Besonders betroffen sind Tiere, die sich über Millionen Jahre an natürliche Hell-Dunkel-Zyklen angepasst haben. Nachtaktive Insekten werden von Lichtquellen angezogen und kreisen oft so lange um Lampen, bis sie erschöpft sterben.
Jungwirth spricht vom „Staubsaugereffekt“ des Lichts. „Der Großteil unserer Insekten ist nachtaktiv“, sagt sie. Auch Vögel, Fledermäuse, Fische und andere Tierarten reagieren empfindlich auf künstliches Licht. Selbst Pflanzen bleiben nicht unbeeinflusst. Bäume in unmittelbarer Nähe von Straßenlaternen werfen ihr Laub oft später ab, weil sie durch das Licht andere Signale erhalten. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Licht muss erzeugt werden. Jede unnötig brennende Lampe verbraucht Energie. Dabei wäre die Bekämpfung von Lichtverschmutzung vergleichsweise einfach.
Einfach zu ändern
„Ich kann nicht so einfach CO₂ aus der Luft herausnehmen“, sagt Weirer. „Aber ich kann das Licht abdrehen.“ Für Hausbesitzer beginnt das oft mit kleinen Maßnahmen. Dauerbeleuchtung vermeiden, Zeitschaltuhren verwenden, Bewegungsmelder einsetzen oder Lampen so abschirmen, dass sie nur dort leuchten, wo Licht tatsächlich benötigt wird.
Besonders kritisch sieht Weiß ungerichtete Leuchten. „Kugellampen sind ein klassisches Beispiel“, sagt sie. „Da geht das Licht in alle Richtungen – auch nach oben, wo wir es überhaupt nicht brauchen.“ Auch bei der Umstellung auf LED-Technologie sei Vorsicht geboten. LEDs können helfen, Energie zu sparen und Licht gezielter einzusetzen. Werden sie jedoch zu hell gewählt oder mit einem hohen Blauanteil betrieben, können sie die Probleme sogar verstärken. Für Weiß ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob Licht eingesetzt wird, sondern wie. „Es geht nicht darum, alles abzudrehen“, sagt sie. „Es geht um den richtigen Umgang mit Licht.“
Umgang mit Licht
Das Naturnachtgebiet Eisenwurzen soll genau dafür ein Modell sein. Mit Nachtwanderungen, Fotoworkshops und Informationsveranstaltungen versuchen die Verantwortlichen, Menschen für die Bedeutung der Dunkelheit zu sensibilisieren. Denn viele hätten den Unterschied zwischen einem natürlichen Nachthimmel und einem aufgehellten Himmel noch nie bewusst erlebt. Weiß kennt diesen Moment aus eigener Erfahrung.
Aufgewachsen ist sie unter der Lichtglocke Wiens. Erst später bemerkte sie bei Aufenthalten in dunkleren Regionen, wie viele Sterne dort sichtbar werden. Heute lädt sie Menschen dazu ein, die Nacht neu zu entdecken. „Wenn man sich darauf einlässt, verliert man die Scheu vor der Dunkelheit.“ In der Eisenwurzen geschieht das bereits. Einmal im Monat ziehen Besucher bei Nachtwanderungen durch die Landschaft. Sie schalten Taschenlampen aus, gewöhnen ihre Augen an die Dunkelheit und blicken nach oben. Dort wartet etwas, das für viele längst ungewöhnlich geworden ist: ein Himmel voller Sterne.
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