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Overthinking: Wenn Nachdenken krank macht

Die Wiener Psychologin Regine Daniel erklärt, was beim Grübeln in unserem Kopf passiert und wie man endlosen Gedankenschleifen entkommen kann.
Eine Person mit einem roten Wollknäuel als Kopf.

Nachdenken gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten des Menschen. Es hilft uns, Erfahrungen einzuordnen, Entscheidungen zu treffen und aus Fehlern zu lernen. Doch was passiert, wenn Denken selbst zum Problem wird? In der Psychologie spricht man in diesem Fall von Overthinking oder Grübeln. „Grübeln ist ein passives, sich wiederholendes Kreisen um Sorgen und negative Gefühle, ohne dass echte Lösungen entstehen. Während gesundes Nachdenken zeitlich begrenzt ist und klärend wirkt, fühlt sich Grübeln meist schwer, zäh und ermüdend an“, erklärt die Wiener Psychologin Regine Daniel

Es hinterlässt keine Klarheit, sondern verstärkt Unsicherheit, Angst oder Traurigkeit. Ein klassisches Beispiel ist das abendliche Durchgehen eines Gesprächs: Kurz darüber nachzudenken sei völlig in Ordnung. Wird der Gedanke jedoch unkontrollierbar und raubt den Schlaf, ist es zu viel. Unterschieden werden zwei Formen des Grübelns: Die Rumination richtet sich auf die Vergangenheit und ist geprägt von Fragen wie „Warum ist mir das passiert?“ oder „Hätte ich anders reagieren müssen?“. Sie tritt häufig bei Depressionen auf. 

Das zukunftsorientierte Worrying kreist hingegen um mögliche Bedrohungen und „Was-wäre-wenn“-Szenarien. Es ist typisch für Angststörungen. Beide Formen haben gemeinsam, dass sie den Eindruck von Kontrolle vermitteln, tatsächlich aber Handlungsspielraum und emotionale Energie reduzieren. „Overthinking ist oft der Versuch, Sicherheit durch Denken zu erzwingen. Doch genau dieser Versuch hält die innere Unruhe aufrecht“, so Daniel.

Warnsignale für Grübeln

Ein zentrales Zeichen ist das innere Festfahren: Während gesundes Nachdenken nach kurzer Zeit zu einer Entscheidung oder zu Entlastung führt, macht Grübeln zunehmend handlungsunfähig. Man kennt alle Risiken, kommt aber nicht weiter. Ein weiteres Warnsignal sind körperliche Stressreaktionen. Das Gehirn reagiert auf gedachte Katastrophen so wie auf reale Gefahren: Einschlafprobleme trotz Müdigkeit, Verspannungen in Kiefer, Nacken oder Rücken, ein flaues Magengefühl sowie Konzentrations- oder Appetitverlust deuten darauf hin, dass das Nervensystem überlastet ist. Auch die emotionale Wirkung ist entscheidend: Fühlt man sich nach dem Denken klarer und gestärkt, war es Reflexion; fühlt man sich ängstlicher, wertloser oder erschöpft, handelt es sich um Grübeln.

Schließlich zeigt sich Overthinking oft im Sozialen, etwa wenn man anderen immer wieder dieselbe Geschichte erzählt oder in Gesprächen zwar anwesend wirkt, innerlich aber in Gedankenschleifen gefangen ist. Overthinking folgt oft festen Schemata, etwa Katastrophisieren wie „Wenn das passiert, bricht alles zusammen“ oder Schwarz-Weiß-Denken wie „Wenn das Gespräch nicht perfekt war, war es ein totaler Reinfall“ oder „Hätte-Sollte-Wäre“, der endlose Fokus auf alternative Vergangenheiten. Daniel: „Ein einfacher Weg zur Selbsterkenntnis ist ein Grübel-Tagebuch. Wenn man eine Woche lang notiert, wie oft man im Kreis gedacht hat, erschrecken viele Betroffene über die Menge an Zeit, die dabei verloren geht. Das ist oft der erste Schritt zur Veränderung.“

Die Wiener Psychologin Regine Daniel.

Regine Daniel arbeitet als Klinische Psychologin in Wien und ist auch Humanmedizinerin.

Techniken helfen, lösen das Problem aber nicht

Konkrete Übungen können helfen, das Grübeln zu reduzieren. So kann man sich etwa 10 bis 15 Minuten pro Tag um eine bestimmte Uhrzeit dafür reservieren. „Außerhalb dieser Zeit sagen Sie: ,Stopp, darüber denke ich erst um 17 Uhr nach’. Versuchen Sie in dieser Zeit konkret aufzuschreiben, was die Befürchtung ist und was Sie jetzt dagegen tun können. Anschließend setzen Sie sich wieder ein Stopp-Signal und denken morgen um 17 Uhr weiter darüber nach“, rät Daniel. 

Techniken wie diese lösen aber nicht die zugrunde liegenden Probleme, sondern stellen zunächst Handlungsfähigkeit her. Erst in einem ruhigeren inneren Zustand lassen sich Themen konstruktiv bearbeiten. „Professionelle Hilfe ist angezeigt, wenn Schlaf und Arbeitsfähigkeit über Wochen massiv gestört sind, Rückzug aus sozialen Beziehungen stattfindet oder Gedanken an Sinnlosigkeit und Selbstaufgabe auftreten“, sagt Psychologin Daniel.

Wer eher grübelt

Warum manche Menschen stärker zum Grübeln neigen als andere, hat unterschiedliche Ursachen. Persönlichkeit und Biografie spielen ebenso eine Rolle wie biologische Faktoren. Menschen, die in ihrer Kindheit gelernt haben, dass Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben, oder die mit stark perfektionistischen Erwartungen aufgewachsen sind, entwickeln häufiger ein überaktives Kontrollbedürfnis. 

Auch chronischer Stress begünstigt Overthinking, da er jene Hirnareale schwächt, die für Impulskontrolle und gedankliches Stoppen zuständig sind. Bei neurodivergenten Menschen, etwa bei ADHS, zeigt sich Grübeln oft in Form von Gedankenrasen oder Entscheidungsparalyse, einer Art Gelähmtheit aus mehreren Wahlmöglichkeiten eine zu treffen. „Besonders häufig tritt Grübeln in Lebensphasen auf, in denen Sicherheit und Identität neu ausgehandelt werden müssen, etwa in der Pubertät, beim Berufseinstieg, in der Lebensmitte oder nach der Pensionierung. Auch psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen gehen häufig mit quälenden Gedankenschleifen einher“, sagt Daniel. 

In einer Zeit permanenter Erreichbarkeit, sozialer Vergleiche und hoher Leistungsanforderungen ist Overthinking auch ein gesellschaftliches Phänomen. Die Vorstellung, alles sei plan- und kontrollierbar, verstärkt den inneren Druck, keine falsche Entscheidung treffen zu dürfen. „Wahre psychische Gesundheit bedeutet oft, Unsicherheit auszuhalten, statt sie zu zerdenken“, sagt Daniel. Manchmal sei der heilsamste Schritt nicht, noch intensiver nachzudenken, sondern bewusst innezuhalten und dem Geist zu erlauben, still zu werden.

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