KI in der Psychotherapie: Können Chatbots Therapeuten ersetzen?
Chatbots sind rund um die Uhr verfügbar.
Rund 27 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer allgemeiner Chatbots wie ChatGPT vertrauen der KI persönliche Sorgen an. Häufig geht es dabei um allgemeine Themen wie Liebeskummer, aber auch um ernste psychische Belastungen. „Besonders alarmierend ist, dass wöchentlich etwa eine Million Anfragen an ChatGPT Inhalte mit potenziell suizidalem Bezug enthalten. Das unterstreicht, wie hoch die psychische Relevanz dieser Systeme inzwischen ist“, sagt Christiane Eichenberg, Leiterin des Instituts für Psychosomatik der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) und Autorin des Buches „Künstliche Intelligenz und Psychotherapie“ (Klett-Cotta).
Menschen sind offener gegenüber Maschinen
Studien deuten zudem darauf hin, dass sich Menschen gegenüber Maschinen offener zeigen. Möglicher Grund: Die Angst vor Bewertung fällt weg. „Gegenüber einer Maschine ist das Bedürfnis, sich zu kontrollieren oder gut darzustellen, geringer“, erklärt Eichenberg. Genau das trägt zur hohen Akzeptanz von KI-Systemen bei. In der Psychotherapie wird diese Entwicklung jedoch zwiespältig gesehen. „Neue Technologien polarisieren. Das war bei der Online-Therapie oder bei Videositzungen während der Corona‑Pandemie ähnlich“, sagt Eichenberg.
Neu sei diesmal jedoch, dass nicht nur das Medium digital sei, sondern auch der Gesprächspartner selbst. Eichenberg weist auf mehrere Risiken hin: KI verfüge über keine klinische Urteilskraft. Zwar könne sie sprachliche Muster erkennen, diese aber nicht in einen therapeutischen Gesamtzusammenhang einordnen. „Besonders problematisch ist die Gefahr einer Scheinsicherheit“, warnt sie. Nutzerinnen und Nutzer könnten glauben, ausreichend unterstützt zu sein, obwohl professionelle Hilfe nötig wäre, mit dem Risiko, dass sich Probleme verfestigen. Weitere Gefahren liegen in möglichen Verstärkungseffekten. Bei Angststörungen könnten etwa katastrophisierende Gedanken weiter angeheizt werden, bei Zwangsstörungen könne die ständige Verfügbarkeit von KI Kontroll-‑ und Überprüfungszwänge verstärken.
Überraschend empathisch
Gleichzeitig zeigen Studien, dass KI-gestützte Beratung von Betroffenen teilweise als überraschend empathisch erlebt wird. Besonders gut schneiden Modelle ab, in denen KI und menschliche Fachkräfte zusammenarbeiten. „Die meisten Menschen wünschen sich keine reine KI-Versorgung, sondern eine Kombination aus Mensch und Maschine“, sagt Eichenberg. Zu den größten Vorteilen zählt der einfache Zugang. Digitale Angebote, darunter auch spezialisierte wie Therapiebots oder virtuelle Coaches, können vor allem junge Menschen, Menschen in unterversorgten Regionen oder Personen mit hoher Hemmschwelle erreichen.
KI-Systeme sind rund um die Uhr verfügbar, werden nicht müde und können in akuten Stress-, Angst- oder Paniksituationen erste Unterstützung bieten. „Der zentrale Nutzen liegt nicht im Ersatz, sondern in der Erweiterung des Zugangs“, betont Eichenberg. Einen vollständigen Ersatz menschlicher Psychotherapeuten hält sie für ausgeschlossen, auch in absehbarer Zukunft. Psychotherapie sei weit mehr als das Anwenden von Techniken. „Es geht um einen komplexen Beziehungs- und Veränderungsprozess“, sagt sie. Entscheidend sei das Zusammenspiel zweier realer Menschen. „Eine KI kann diesen Prozess simulieren, aber kein echtes Gegenüber ersetzen.“
Frage der Verantwortung
Offen bleibt die Frage der Verantwortung, wenn KI-Systeme Schaden verursachen. Zwar wird der rechtliche Rahmen durch den EU AI Act und die Medical Device Regulation (MDR) zunehmend konkretisiert, dennoch bestehen Auslegungsspielräume. Entwickler und Anbieter tragen die Verantwortung für die technische Sicherheit, während Therapeuten für ihre klinischen Entscheidungen verantwortlich bleiben, insbesondere bei der Nutzung von KI-Empfehlungen. Besonders sensibel ist das Thema Datenschutz. „Psychische Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten überhaupt. Viele wissen nicht, wofür ihre Daten verwendet werden und welche Folgen dies haben kann“, so Eichenberg.
Der KI-Boom bei psychischer Belastung spiegelt zudem gesellschaftliche Entwicklungen wider: eine zunehmende Offenheit für psychische Themen, aber auch deutliche Lücken im Versorgungssystem, etwa lange Wartezeiten, begrenzte Therapieplätze und hohe Zugangshürden.
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