Psychotherapeut: Wie man psychische Verletzungen erkennt und heilt

Psychische Verletzungen sitzen tief und oft verborgen. Wie man sie erkennen, annehmen und heilen kann.
Der deutsche Psychotherapeut Philipp Ruland.

Psychische Gewalt hinterlässt unsichtbare Wunden, die einen weit über die Kindheit begleiten. Der auf Social Media sehr aktive deutsche Psychotherapeut Philipp Ruland geht davon aus, dass Heilung möglich ist und jeder Mensch zurück zu sich selbst finden kann. Mit seinem neuen Buch „So verletzt“ möchte er dazu ermutigen, alte Wunden zu benennen und sich aus toxischen Beziehungen zu befreien. Wie das gelingt und warum Psychotherapie nie offiziell beendet ist, erklärt er im Interview.

KURIER: Was macht psychische Gewalt aus?

Philipp Ruland: Psychische Gewalt ist das vorsätzliche Einwirken auf die Seele des anderen, um ihm Leid zuzufügen. Das reicht von jemanden mal anpflaumen bis zu jahrelanger seelischer Gewalt eines alkoholkranken Elternteils gegenüber seinem Kind. Jeder von uns übt täglich psychische Gewalt aus, wenn man sich zum Beispiel im Ton vergreift. Es kommt aber auf die Häufigkeit und die Art der Beziehungsgestaltung an. Je dauerhafter, je mehr psychische Gewalt in Nahbeziehungen als Spielmittel eingesetzt wird, desto mehr nimmt der Schaden zu. Und ganz schädlich ist sie, wenn sie in der Kindererziehung genutzt wird.

Buchcover "So verletzt" von Philipp Ruland.

Philipp Ruland: „So verletzt“, Goldegg Verlag. 240 Seiten. 23 Euro.

Liegen psychische Erkrankungen immer in der Kindheit begründet?

Man ist geneigt, zu sagen, na ja, die Kindheit ist nicht an allem schuld. Aber aus meiner Sicht als Psychotherapeut und langjähriger Traumatherapeut haben die kindliche Prägung und die darin enthaltenen Bezugspersonen immer einen großen Einfluss. Es kann auch später grauenhafte Lebensereignisse geben, die Spuren hinterlassen. Man kann z. B. in eine destruktive, wie man alltagssprachlich oft sagt „toxische“ Partnerschaft reinschlittern. Man wird sie aber schneller verlassen als jemand, der eine destruktive Kindheit gehabt hat. Ich würde sagen, an 80 bis 90 Prozent der psychischen Störungen, die wir in der Praxis sehen, ist die Kindheit maßgeblich mitbeteiligt.

Warum durchleben Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen diese als Erwachsene häufig wieder?

Das ist tatsächlich so und statistisch gut belegt. Die Menschen kennen die Muster und suchen sich immer wieder das, was sie schon kennen – fast automatisch. Sie nehmen es als Normalität hin. Ein Beispiel: Jemand, der aus einem Alkoholismus-Milieu mit viel physischer Gewalt kommt, kennt das Verhalten und wird sich wieder so ein Milieu suchen, während andere Milieus ihm eher verschlossen bleiben. Psychotherapie ist eine Art Selbstermächtigung, dass man die Spuren seiner Biografie verlassen kann. Die wenigsten suchen aber Hilfe, bevor psychische Erkrankungen entstehen. Ich möchte durch meine Arbeit auf Social Media und meine Bücher ein Gefühl dafür schaffen, dass Menschen erkennen, was ihnen geschadet haben könnte. 

Sie schreiben, Psychotherapie ist wie Detektivarbeit.

Wenn jemand in Therapie kommt und sagt, meine Kindheit war furchtbar, beide Eltern waren Alkoholiker, haben mich geprügelt, dann brauche ich nicht lang zu suchen. Anders verhält es sich, wenn Menschen schwer psychisch krank sind, massive Depressionen aufzeigen, Angststörungen, wenn man merkt, dass ihnen etwas in der Beziehungsgestaltung abgeht – aber man kann erst nach und nach identifizieren, woher aus der Biografie das kommt. Im Laufe der Therapie erzählen die Menschen von Einzel-Events, wo man merkt, wie sie klein gemacht worden sind. Man unterhält sich und dann kommt plötzlich am Rande eine massive Ungeheuerlichkeit heraus, wo man weiß, wenn der das öfters gehört hat, das hat ihm die Flügel gestutzt. Hier ist die Aufgabe des Psychotherapeuten vergleichbar mit Detektivarbeit.

Begriffe wie Narzisst und Trauma haben in die Alltagssprache Eingang gefunden. Wie sehen Sie das?

Viele Begriffe sind heute etablierter. Ich erlebe in der Praxis, dass Menschen kommen und sagen, mein Vater ist ein toxischer Narzisst. Da kann man ansetzen. Schwieriger wird es, wenn Menschen mit Selbstmedikation beginnen, wenn sie meinen, sie hätten ADHS und versuchen, Tabletten zu bekommen. Durch Social-Media und das Internet generell neigen manche dazu, sich Selbstdiagnosen zu stellen. Man kann auf Social Media ein Gefühl für die Sache vermitteln, aber für Befunde und Diagnosen müssen die Leute schon zu einem Fachmann kommen.

Braucht es immer Psychotherapie oder gibt es auch so etwas wie Selbstheilung?

Die spontane Selbstheilung gibt es nicht, aber es gibt in leichteren Fällen durchaus Menschen, die Wege finden, mit Problemen umzugehen. Aber wenn man eine entwertende Kindheit gehabt hat und später eine entwertende Erwachsenenbeziehung, dann ist man irgendwann handlungsunfähig und hat gar keine Idee, warum. Dann braucht es Therapie. Es gibt aber auch Menschen, die merken, diese Art von Beziehung tut mir nicht mehr gut, und die selber aus diesen Umgebungen herausgehen.

Woran merkt man, dass die Psychotherapie zu einem Ende kommen kann?

Die allermeisten Menschen kommen am Anfang mit einem enormen Leidensdruck und kämpfen um jeden Termin beim Psychotherapeuten. Aber irgendwann merkt man, der Druck ist nicht mehr so groß. Das geschieht schleichend. Psychotherapie ist ganz oft ein sang- und klangloses Auseinandergehen. Und ganz oft ist es so, dass die Leute weggehen, und nach drei Jahren noch einmal mit einem neuen Thema kommen. Insofern wird Psychotherapie oft nicht offiziell beendet.

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