Lindsey Vonn: Wie geht man mental mit einem Sport-Aus um?

Auch im Hobbysport kann eine körperlich bedingte Pause oder das notwendige Beenden eines Sports eine psychische Krise auslösen. Eine Expertin erklärt, wie es gelingt, wieder Halt zu finden.
U.S. skier Lindsey Vonn lies in a hospital bed, after she crashed during the Women's Downhill, in Treviso

Die Bilder von Lindsey Vonns schwerem Sturz bei den Olympischen Spielen in Italien gingen um die Welt. Mehrere Operationen folgten, regelmäßig informiert die 41-jährige auf Instagram über  ihren Gesundheitszustand, zeigte etwa Röntgenbilder ihres mehrfach gebrochenen Schienbeins, das nun durch Platten und Schrauben stabilisiert wird. Zuletzt gab sie ein Update zu den mentalen Folgen: „Ich habe immer aus jeder Verletzung gelernt. Jede hat mich auf ihre Weise zu einem besseren und stärkeren Menschen gemacht. Aber der Kampf im Kopf kann düster, hart und unerbittlich sein“, schrieb sie, der KURIER berichtete.

Was sich bei Lindsey Vonn unter den Augen der Weltöffentlichkeit abspielt, erleben auch ambitionierte Hobbysportler – nur ohne Kameras. Ein schwerer Sturz, eine Operation, eine lange Reha. Und die quälende Frage: Wird der eigene Körper je wieder das leisten können, was zuvor selbstverständlich war?

Psyche ist belastet

Der körperliche Schaden ist dabei nur ein Teil der Geschichte. „Wie schwer eine Verletzung psychisch wiegt, hängt davon ab, welche Bedeutung der Sport im Leben hat“, sagt Sportpsychologin Christina Lechner. „Der erste Schritt ist Akzeptanz – und die Einsicht, dass eine Pause notwendig ist.“

Viele Betroffene geraten in eine emotionale Ausnahmesituation. Wut, Frust, Scham oder auch Schuldgefühle können auftreten – etwa, wenn man trotz Glatteis laufen war und der Ehrgeiz größer war als die Vernunft. Verstärkt werden kann das, wenn man sich seit Monaten intensiv auf einen Bewerb, etwa einen Marathon, vorbereitet hat und dann aufgrund einer Verletzung oder einer Erkrankung nicht teilnehmen kann. „Eine Sportverletzung kann eine Krise auslösen“, sagt Lechner. 

Während Profis mittlerweile häufig sportpsychologisch begleitet werden, sei das im Freizeitsport noch wenig verbreitet. Dabei könnte mentale Unterstützung helfen, die erste Trauerphase zu bewältigen und neue Perspektiven zu entwickeln. Lechner betreut unter anderem Menschen im Parasport. „Wenn ein zentraler Lebensbereich plötzlich wegfällt, braucht es Geduld“, sagt sie. Entscheidend sei, sich bewusst zu machen, dass der eigene Wert nicht ausschließlich an sportliche Leistung geknüpft ist.

Gerade im Nachwuchssport spiele das eine große Rolle. „Der Sport darf wichtig sein – aber er darf nicht alles sein. Wer auch andere Ziele, Beziehungen und Interessen hat, findet im Fall einer Verletzung leichter Halt.“

Wachsender Druck im Breitensport

Zugleich beobachtet Lechner einen wachsenden Leistungsdruck – nicht nur im Profisport. Auch im ambitionierten Amateurbereich gehe es zunehmend um Zeiten, Bestmarken und Selbstoptimierung. „Wenn jemand sagt, er läuft einen Marathon, ist oft die erste Frage die nach der Zielzeit“, sagt sie. Sinnvoller sei es, sportliche Erlebnisse nicht ausschließlich über Leistung zu definieren, sondern über Gemeinschaft, Naturerfahrung oder das gute Gefühl während und nach dem Training. Eine Schlüsselrolle spielt auch das Umfeld – egal ob Weltstar oder Hobbysportler. 

Familie, Freunde und Trainingspartner können auffangen – oder zusätzlichen Druck erzeugen. Sie sollten verständnisvoll reagieren und möglichst keinen Druck ausüben. Lechner: „Hilfreich ist es, offen zu fragen: Wie geht es dir? Was brauchst du?“, sagt Lechner. Gleichzeitig müsse man akzeptieren, wenn Betroffene nicht oder nicht ständig über ihre Verletzung sprechen möchten.

Wer mehrmals pro Woche trainiert, hat – je nach Sportart – häufig auch soziale Kontakte durch den Sport geschlossen. Diese Kontakte sollten, wenn möglich, auch abseits des Sports aufrechterhalten werden. Lechner: „Es hilft, sich bewusst zu machen, warum man ursprünglich mit dem Sport begonnen hat, und zu erkennen, welche Werte, einen selbst als Menschen ausmachen. Der Selbstwert sollte nicht allein an sportlicher Kompetenz hängen, sondern auch an anderen Eigenschaften und Beziehungen.“

Wiedereinstieg mit Zweifeln

Ob und wie der Wiedereinstieg gelingt, hängt von Sportart, Verletzung und individueller Situation ab. Manche kehren zurück, andere wechseln die Disziplin, wieder andere orientieren sich neu. Wichtig sei ein klares Ziel, auf das medizinisch, physiotherapeutisch und mental hingearbeitet werden kann. Das könne auch ein Ziel außerhalb des Sports sein, etwa ein neues Hobby, oder im Fall eines abgesagten Bewerbs, etwa ein anderer Wettbewerb zu einem späteren Zeitpunkt.

Mit der Motivation kommen aber oft auch Zweifel. „Viele wollen unbedingt zurück, gleichzeitig kommen Sorgen auf, ob zum Beispiel das Knie halten wird. Diese Unsicherheit könne zu Schonhaltungen oder Fehlbelastungen führen, die das Risiko für neue Verletzungen erhöhen.“ Umso wichtiger sei eine professionelle Begleitung, die hilft, Selbstzweifel zu überwinden – und Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen, so Lechner.

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